"As Rights Go By": Bye-bye Bürgerrechte, hallo Ohnmacht

Ansichtssache13. April 2016, 17:34
5 Postings

Wien – Phantome sind sie nun keine mehr. Die Panama-Papers haben einigen von jenen, die ihre Schäfchen über Briefkastenfirmen ins Trockene gebracht haben, Namen und Gesicht gegeben. Suchte man jedoch nach einem Phantombild für das Symptom dahinter – für Anonymisierung von Kapital, Streuung von Vermögen und deren Transfer in Steueroasen -, fände man mit The Portrait von Özlem Günyol und Mustafa Kunt die perfekte Bildchiffre.

Das Künstlerduo überblendete 2015 die Porträts der – laut Forbes Magazine – hundert reichsten Personen der Welt und schuf so die Fratze eines aufgespaltenen Finanzkörpers. Abertausende ineinanderfließende Pixel (Drucktinte auf Vlies) verschleiern die einzelnen Identitäten und formen ein geschlechtsloses menschliches Hybrid, dessen man nicht mehr habhaft werden kann.

foto: günyol/kunt
Özlem Günyol / Mustafa Kunt: "The Portrait" (2015)

Dieses Krankheitsbild ökonomischer Ungleichheit ist Teil der Ausstellung As Rights Go By im Freiraum Q21 International im Museumsquartier. Mit einem guten Dutzend künstlerischer Arbeiten argumentiert Kuratorin Sabine Winkler hier sehr pointiert und klar gegen den Neoliberalismus Stellung beziehend, wie ökonomische – aber auch sicherheitstechnische – Imperative rechtliche Ungleichheiten schaffen, ja diese nach und nach Rechte der Bürger reduzieren, aushebeln oder gar widerrufen.

Politische Apathie

Ein Denken, das ganz dem von Politikwissenschafter Colin Crouch geprägten Begriff der Postdemokratie verpflichtet ist: "Je mehr sich der Staat aus der Fürsorge für das Leben der normalen Menschen zurückzieht und zulässt, dass diese in politische Apathie versinken, desto leichter können Wirtschaftsverbände ihn – mehr oder minder unbemerkt – zu einem Selbstbedienungsladen machen", so Crouch.

"Die postdemokratischen Prozesse befinden sich im Zustand der Beschleunigung", mahnt Kuratorin Winkler. Schleichend und leise gehen allerdings die Rechte der Einzelnen flöten, und so tarnt sich ihr Ausstellungstitel als schmeichelnd-schöne, träumerische Ballade – Casablanca-Spiel's-noch-einmal-Sam lässt grüßen: As Rights Go By.

foto: theodorou
Lina Theodorou: "Pawnshop Board Game" (2014)

Dass die Akutphase der griechischen Finanzmisere 2015 den Anstoß zum Ausstellungskonzept gab, akzentuieren auch zwei erstklassige Arbeiten: Pawnshop (Pfandhaus) – Days of Mistrust ist die beißend bittere Brettspielvariante zu Monopoly. Lina Theodoru, in deren Amazing Board Games Club-Spielesammlung sich auch das heitere Familienspiel Don't miss the boat und das nicht ganz hindernislose Go Left finden, bringt die Spieler beim Versuch, den Bankrott abzuwenden, in einige Dilemmata: Versicherungsbetrug, Zigarettenschmuggel ... Wie weit würdest du gehen? Wie freiwillig ist das Verlassen des Rechtsbereichs?

Keinesfalls selbstgewählt etwa in George Drivas' Film Sequence Error: Die Krise, die sich atmosphärisch als betongraue Kälte in die Knochen frisst, ist hier Anlass, um (Arbeitnehmer-)Rechte auszusetzen. Im Sinne von Marx' "Geschichte wiederholt sich ... das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce" argumentieren die Geschassten im Rückgriff auf Reden von Che Guevara, scheitern also an der Unfähigkeit, eine eigene widerständige Sprache zu entwickeln.

videostill: drivas
George Drivas: "Sequence Error" (2011)

Dass der Rechtlosigkeit eine gewisse Ohnmacht folgt, ein Zustand, prädestiniert für Ausbeutung, verdeutlicht Judith Siegmund, die einige Aphorismen als illuminierte Denkstücke über der Schau schweben lässt. "Menschen, die jeden Boden unter den Füßen verloren haben, können als Laboratorien für andere dienen", zitiert sie etwa Vilém Flusser. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit für Arbeit sehenswerten Schau widmet sich allerdings Migration und Flucht und dem prekären Rechtsstatus von Flüchtlingen. Als Anklage ist etwa das Video Liquid Traces – The Left-to-Die Boat Case zu lesen: Lorenzo Pezzani und Charles Heller rekonstruieren ein Flüchtlingsbootsunglück von 2011. Militärboote und Armeehubschrauber halfen den in Not Geratenen nicht. Die Künstler fragen, ob es ein Verstoß gegen Menschenrechte ist, wenn trotz Überwachungstechnik Hilfe unterlassen wird. (Anne Katrin Feßler, 13.4.2016)

foto: bridle
James Bridle: "Still from Seamless Transitions" (2015)
foto: miladinovic
Vladimir Miladinovic: "TTIP Lobbyists" (2016)
videostill: husni-bey
Adelita Husni-Bey: "Ard (Land)" (2014)
foto: kadan
Nikita Kadan: "Procedure Room" (2009-2010)
foto: beck
Silvia Beck: "Complicity Report" (2016)
Share if you care.