Und ewig wiehert der Amtsschimmel

Kommentar der anderen14. April 2016, 08:45
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Viel ist die Rede von effizienter Verwaltung, Bürgernähe und Kundenorientierung in den Amtsstuben des Ärars. Der Zugang anhand von "Vurschrift is Vurschrift" wird allerdings dennoch immer noch gern gewählt. Ein Leidensbericht

Vorgeschichte

Der Autor des vorliegenden Beitrages möchte eine Eigentumsübertragung an seinen Sohn vornehmen. Zu diesem Zwecke sind mehrere Dokumente erforderlich, darunter eine Geburtskunde des Sohnes. Dieser ist österreichischer Staatsbürger, seit Jahrzehnten in Wien ansässig und ordnungsgemäß gemeldet, aber mit einem Handicap belastet: er wurde nämlich nicht am Ufer der schönen blauen Donau, sondern an den Gestaden des Tibers in Rom geboren.

Die richtige Urkunde

Der Sohn besitzt mehrere italienische Geburtsurkunden, die allerdings – eine Spezialität unseres italienischen Nachbarlandes – nicht den Namen seiner Eltern aufweisen. Man benötigt also eine Geburtsurkunde vom zuständigen römischen Standesamt, in der auch der Name des Vaters aufscheint. So weit, so verständlich. Da sich die Eltern zurzeit in einem kleinen Dorf in der Toskana etwa 250 Kilometer von Rom entfernt aufhalten, traten sie die Fahrt nach Rom an.

Gleich geht gar nichts – der nächste Amtstermin ist in drei Tagen. Nachdem italienische Geburtsurkunden in italienischer Sprache abgefasst sind, braucht man eine von einem gerichtlich beeideten Übersetzer.

Anruf beim österreichischen Konsulat in Rom – eine hilfsbereite Dame erklärt, dass seit einer rezenten Verwaltungsreform kein gerichtlich beeideter Übersetzer mehr vorgesehen ist, sondern der Antragsteller die Urkunde ins Deutsche übersetzen lassen und die Richtigkeit der Übersetzung dann von einem italienischen Gericht amtlich bestätigt (weitere Urkunde) werden muss.

Geburtsurkunde und gerichtlich bekundete Übersetzung werden beschafft und an den Wiener Rechtsanwalt des Vaters weitergeleitet. Der Antrag geht an den Rechtspfleger im zuständigen Wiener Bezirk – verleihen wir ihm aus Datenschutzgründen ein Pseudonym, Herrn Paragrafenreiter.

Lautes Wiehern des Amtsschimmels

Rechtspfleger Paragrafenreiter teilt dem Rechtsanwalt mit, dass er die Urkunden nicht akzeptiert. Erstens, weil in der Geburtsurkunde "Alexander Ulram, Sohn des Peter Adolf und der Maria Raffaella Valentini" steht und nicht Sohn des Peter Adolf Ulram etc. Der Vater könnte ja Peter Adolf heißen, und der Sohn wäre dann nicht der Sohn des Peter Adolf Ulram. Zweitens braucht es – italienische Rechtslage hin oder her – eine Übersetzung durch einen gerichtlich beeideten Übersetzer. Oder zumindest braucht es ein Urteil eines österreichischen Gerichts, wonach eine italienische gerichtlich beurkundete Übersetzung auch in Österreich gilt.

Unausgesprochen: Der Rest der Welt hat sich gefälligst an die segensreiche österreichische Amtsvorschrift zu halten. Wien ist bekanntlich der Nabel der Welt.

Zwischenschritt

Auf Anraten des Rechtsanwaltes wendet sich der Vater, nunmehr einige Tage in Wien, an eine zuständige Dame am Standesamt Wien-Innere Stadt. Die Dame ist informiert, freundlich und hilfsbereit: Probleme mit der Sturheit (ihre Formulierung) beim Grundbuchamt sind bekannt. Man könnte beim Standesamt in Rom eine internationale Geburtsurkunde beschaffen, die sei zehnsprachig, und daher brauche es keine Übersetzung. Im österreichischen Außenamt gibt es eine Stelle für die Dokumentenbeschaffung im Ausland.

Der Vater hat inzwischen seine eigene Geburtsurkunde gefunden, aus der hervorgeht, dass er tatsächlich Peter Adolf Ulram und nicht Peter Adolf heißt. Die Rechtsanwaltskanzlei schlägt vor, mit allen Dokumenten beim zuständigen Rechtspfleger in Wien- Leopoldstadt vorzusprechen – vielleicht könnte ja ein höfliches Gespräch zur Verwendung des gesunden Menschenverstands führen. Bitte vorher anrufen, um sicherzustellen, dass der Rechtspfleger auch anwesend ist.

Erneutes Wiehern des Amtsschimmels

Herr Paragrafenreiter meldet sich am Telefon. Das Vorliegen eines deutschsprachigen amtlichen Dokuments (Geburtsurkunde Standesamt Wien-Alsergrund), wonach der Name des Vaters tatsächlich Peter Adolf Ulram lautet und er somit der echte Vater des Sohnes ist, wird zur Kenntnis genommen, aber solange es kein österreichisches Gerichtsurteil gibt, das die Gültigkeit der in Italien beurkundeten Übersetzung nachweist, ist nichts zu machen. Der Vater verabschiedet sich mit einer unfreundlichen, aber nicht unhöflichen Bemerkung am Telefon ("werde mich beschweren"). Man müsste also die berühmte internationale Geburtsurkunde aus Rom beschaffen – entweder persönlich oder über Vermittlung des österreichischen Außenministeriums.

Nachbemerkung

Herrn Amtsschimmel-Paragrafenreiter ist selbstverständlich kein Vorwurf zu machen. Seine Interpretation der heimischen Vorschrift – und Vurschrift ist bekanntlich Vurschrift – ist gewiss rechtskonform und ordnungsgemäß. Zusätzliche zeitliche und finanzielle Kosten sowie eine gewisse Belastung des Nervenkostüms des Antragstellers sind dessen Problem.

Was die Verwendung des gesunden Menschenverstands betrifft – dieser ist weder in der theresianischen Kanzleiordnung oder in sonstigen bürokratischen Konvoluten vorgesehen und kann daher beruhigt ignoriert werden. Ebenso wie Vorstöße etwa des Justizministers und anderer für eine bürgerfreundliche Verwaltung. Selbige stören bekanntlich nur eine Verfahrensabwicklung nach bewährten Grundsätzen à la "Das hamma schon immer so g'macht, mir san mir, und da könnt ja jeder kommen".

Zum vollendeten Glück des Amtsschimmels fehlen eigentlich nur die Information der Öffentlichkeit über die Weisheit des weißen Rosses und die damit gewiss verbundene breite Zustimmung der p. t. Untertanen. Ein Manko, dem hiermit abgeholfen werden soll. (Peter A. Ulram, 13.4.2016)

Peter A. Ulram (Jahrgang 1951) ist habilitierter Politologe und Meinungsforscher in Wien (lange Jahre für GFK-Fessl und heute für Ecoquest).

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