Türkei: Zentralbank lernt "Erdonomics"

14. April 2016, 07:00
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Lange drängte Tayyip Erdogan den Gouverneur der Zentralbank, die Zinsen zu senken. Der gab nicht nach. Der Nachfolger ist schon da

Ankara/Athen – Wenn er nächsten Dienstag seine erste Sitzung leitet, dann interessiert Politik und Börse im Land nur das eine: Kürzt Murat Çetinkaya die Leitzinsen um wenigstens einen halben Prozentpunkt, oder bleibt der neue Zentralbankchef der Türkei noch aufrecht stehen?

Jahrelang stritt Tayyip Erdogan mit dem obersten Währungshüter in Ankara und warf ihm eine verfehlte Finanzpolitik vor. Doch Erdem Basçi, der scheidende Zentralbankchef, weigerte sich die meiste Zeit beharrlich, das Geld billiger zu machen. Niedrige Zinsen kurbeln die Konjunktur an, der Rest wird sich weisen, lautet aber der Glaubenssatz der "Erdonomics". Dass Staatspräsident Erdogan dem unwilligen Zentralbankchef keine zweite Amtszeit nach dem 19. April erlaubte, gilt schon als Beweis für die Vormacht des Präsidentenpalasts über die – rechtlich zumindest – unabhängige türkische Zentralbank. Von Basçis Nachfolger Çetinkaya ist gleichwohl nicht bekannt, dass er ein reiner Erdogan-Mann wäre. Ein Freund des Energieministers Berat Albayrak sei er; der ist immerhin Erdogans Schwiegersohn und ein Proponent der neuen, aus dem Präsidentenpalast dirigierten Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Geschäfts- und Finanzwelt erleichtert

Die Geschäfts- und Finanzwelt der Türkei hat erleichtert auf die Ernennung des 40-Jährigen reagiert. Es hätte ja auch ein Mann aus dem unmittelbaren Umfeld Erdogans sein können, hieß es. Çetinkaya aber war schon seit 2012 ein Stellvertreter des bisherigen Zentralbankgouverneurs Basçi. Seine Ernennung sehen manche türkische Kommentatoren als Kompromiss zwischen Erdogan und dessen vorsichtiger agierendem Premier Ahmet Davutoglu; andere aber als das Ende der Ära Ali Babacans, des langjährigen Staatsministers für die Wirtschaft, der als rationales Gegengewicht zu Erdogan galt, aber nunmehr nur noch als Konferenzredner in Erscheinung tritt und dann die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien in der Türkei anmahnt.

Der scheidende Zentralbankchef hatte im Vormonat erstmals nach einem Jahr einen der drei Leitzinsen – die Übernachtanlage – geringfügig von 10,75 auf 10,5 Prozent gekürzt, die anderen Zinssätze aber bei 7,5 und 7,25 Prozent belassen. Bisher hielt die Zentralbank an ihrer Auffassung fest, die Zinssätze im Prinzip so lange auf ihrem Niveau zu halten, bis sich Aussicht auf eine niedrigere Inflation abzeichnet – deutlich unter den derzeit zehn Prozent.

Türkische Wirtschaft "schlittert" dahin

Das ist allerdings nicht der Fall. Die türkische Wirtschaft "schlittert" seit drei Jahren vor sich hin, stellte unlängst sogar ein Konzernchef fest, der dem Regierungslager zugerechnet wird. Erdogans politisches "Ziel 2023" sei mittlerweile unmöglich einzuhalten, erklärte Nihat Özdemir, Chef des Limak-Konzerns, der auch am dritten Flughafen in Istanbul mitbaut.

Im Jahr 2023, dem 100. Jahr der Republik, soll die Türkei unter den zehn größten Wirtschaftsnationen der Welt sein, so hatte Erdogan proklamiert; das Pro-Kopf-Einkommen der Türken werde dann bei 25.000 Dollar liegen. Man bräuchte jedes Jahr acht Prozent Wachstum, um das zu erreichen, sagte der Limak-Chef. Der IWF glaubt für 2016 an 3,8 Prozent, und das scheint optimistisch: Allein schon die Tourismusbranche in der Türkei sieht einen "schwarzen Sommer" kommen. Anschläge und russische Sanktionen haben die Buchungen um 50 bis 70 Prozent einbrechen lassen, so heißt es unter der Hand.

(Markus Bernath, 14.4.2016))

  • Händler unter sich: Terroranschläge und russische Sanktionen nach dem Abschuss einer Militärmaschine haben Touristen auch aus dem großen Basar in Istanbul vertrieben.  Die zunehmend spürbare autoritäre Regierung in  der Türkei mit Zwangsverwaltung missliebiger Unternehmen verprellt zudem Investoren.
    foto: murad sezer

    Händler unter sich: Terroranschläge und russische Sanktionen nach dem Abschuss einer Militärmaschine haben Touristen auch aus dem großen Basar in Istanbul vertrieben. Die zunehmend spürbare autoritäre Regierung in der Türkei mit Zwangsverwaltung missliebiger Unternehmen verprellt zudem Investoren.

  • Neuer türkischer Zentralbankchef: Murat Çetinkaya.

    Neuer türkischer Zentralbankchef: Murat Çetinkaya.

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