Florence + the Machine: Barfuß durch den Schwermut Forest

13. April 2016, 14:41
157 Postings

Die 29-jährige britische Sängerin Florence Welch präsentierte mit Florence + the Machine ihren konsequent in die Vollen gehenden Weltumarmungs- und Überwältigungspop in der ausverkauften Wiener Stadthalle. Bald droht der Weltfriede

Wien – Florence Welch ist vor Jahren einmal für Karl Lagerfeld gelaufen. Der alte Knacker nimmt sich gern junge musikalische Musen, die bei Frauen angesagt sind. Das hat aber nichts mit Marktforschung, sondern rein mit seiner Inspiration zu tun.

Laufen tut Florence auch heute noch gern – aber nicht schlaksig schlingernd auf dem Runway, oder wie der Catwalk gerade heißen mag, sondern mit Fluchtgeschwindigkeit auf der gesamten Bühnenbreite der Wiener Stadthalle. Das in biedergeilem Rosa gehaltene Kleid kommt heute eher nicht von Karl, sondern aus der Abteilung "Lady Chatterley auf der Flucht aus dem Boudoir". Es bekommt beim ständigen Hin und Her und Her und Hin etwas ganz toll albtraumhaft Qualliges, das die Begeisterung für diesen Ausdauersport keinesfalls mindert.

Eine Madonna schaltet bei so einer physischen Verausgabung gern das Mikrofon auf Playback-Funktion. Man kennt den Effekt ja aus dem Zielraum bei Skirennen. Die Reporter befragen japsende Buben und Mädchen über ihren Lauf und ob sie schon an ihren Sieg glauben können – und diese bekommen aber nichts Ordentliches heraus, außer Geräuschen, mit denen man erotische Unterhaltungsfilme synchronisiert.

Sprich: Eigentlich kann man beim Rennen nicht singen. Florence, die heute mit ihrer Maschin in Wien vor zehntausend gleichgesinnten jungen Menschen gastiert, braucht diese Ausfallschritte Richtung rasender Puls und Hypertonie aber wie ihr täglich Brot. Sie erledigt ihren Job barfuß mit Tamburin. Die große Wallewalle-Hippie-Rock- und Trennungsliedtragödin Stevie Nicks von Fleetwood Mac kommt einem da in den Sinn, damals in jener Zeit, als das Kiffen in den 1970er-Jahren ins Koksen überging und Florence noch gar nicht geboren war, wobei sie sich aber künstlerisch auf diese Zeit zumindest von den Inhalten her beruft.

Die 29-jährige Britin lebt, ähnlich wie ihre Kollegin Adele, vom überlebensgroßen Drama. Ihre Kunst kennt nicht das Zwischenreich des Verzagens, Abwägens, Knauserns und Zurückschreckens. Florence + the Machine gehen in die Vollen. Florence geht in die Vollen. Maschin, Maschin, Überwältigungsmaschin. Sie will unsere Frau werden, mit kräftig schneidender Stimme irgendwo zwischen Gruftie-Mutter Siouxsie Sioux, Bluesrock-Selbstzerfleischerin PJ Harvey, Hysterisierungskaiserin Kate Bush und dem altirischen Wald- und Hochhausgeist Enya.

Mit großem Ensemble werden zu gern auch kriegerisch angelegten angezogenen Discobeats harmonisch leicht verständliche, gegen Weltumarmung gehende Klangteppiche ausgelegt. Grundgütiger, auch eine Harfe ist dabei! Darüber werden messerscharf und mit Unterstützung eines Damenchors, der sich auch zum Barockbläserensemble im Geiste Sgt. Pepper's umfunktionieren lässt, der Weltfrieden sowie ein weit mit den Armen ausholender Ausdruckstanz eingefordert. Das Publikum singt begeistert mit und holt beim Ausdruckstanz weit mit den Armen aus.

Gebt doch bitte Frieden

Licht- und Bühnenshow sind minimal gehalten. Frau allein ist schon zu viel. Bei "Third Eye" werden laut Befehl alle für die drei besten FreundInnen und Youtube mitfilmenden Taschentelefone ausgeschaltet. Man ist im kosmischen Sinn ohnehin miteinander verbunden. Beim Lied "Rabbit Heart" steigt Florence Welch zu ihren treuesten Jüngerinnen herab und lässt sich mit Blumenkränzen, nun ja, bekränzen. Zwei Wandteppiche für das verwunschene Landhaus daheim im Schwermut Forest gibt es auch. Auf einem steht etwas mit drittem Auge, auf dem anderen "Königin des Friedens", aber natürlich auf Englisch.

Der Saal geht durch die Decke. Give peace a chance. (Christian Schachinger, 13.4.2016)

  • Florence + the Machine versuchen in der Wiener Stadthalle den Weltfrieden mit Tamburin einzufordern.
    foto: pfarrhofer/apa

    Florence + the Machine versuchen in der Wiener Stadthalle den Weltfrieden mit Tamburin einzufordern.

Share if you care.