Pekings U-Bahn wird österreichisch

Blog14. April 2016, 06:00
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In der chinesischen Hauptstadt fahren Österreichs oberirdische Panoramen für einen Monat im Untergrund

U-Bahn-Höfe sind Aushängeschilder eines Landes. Jede Hauptstadt möchte ihre Stationen am prächtigsten gestalten. Nur Wien punktet lieber woanders: Es stellt die Schönheit der Naturlandschaften Österreichs und die Attraktivität der städtischen Kultur nicht in den U-Bahn-Höfen aus, wo die Fahrgäste nur durchhetzen – es bewirbt sich in den Zügen selbst. Das ist klug, denn alle Mitfahrenden müssen bis zum Ziel still sitzen bleiben. Doch Wiens besonderer Clou ist: Die U-Bahnen mit Österreich-Flair sausen im Untergrund Pekings umher.

Sehen kann das, wer in die Hauptstadt-Linie 10 einsteigt, die quer durch die City eine fast 60 Kilometer lange Runde dreht und dabei 45 U-Bahn-Stationen passiert. Wer geduldig wartet, bis die richtige U-Bahn kommt, kann wählen, auf welchem Boden Österreichs er stehen oder sitzen möchte. Eine der beiden U-Bahnen, die einen Monat lang zum Werbefahrzeug für Österreich umfunktioniert wurden, steht für die Natur.

Ihre sechs Abteile sind mit grünem Gras ausgeschlagen und erlauben Blicke auf Österreichs Berge, Täler und Weinlandschaften und auf ein himmelfarbenes Innendach. Die zweite Bahn bietet Stadtkultur pur. Ihr Bodenbelag ist Kopfsteinpflaster und bietet Urbanes von Wien bis Salzburg. Natürlich sind es nur Riesenfotos und Plakate, mit denen die Abteile dekoriert und die Böden ausgelegt sind. Aber: "Wir sind die erste nationale Tourismusorganisation weltweit, die eine solche U-Bahn-Innenbeklebung umgesetzt hat", berichtet Dieter Scharf, Tourismusmanager der Österreich-Werbung in Peking.

Die Welt klopft an

Gefördert wurde die Idee, die dem boomenden China-Tourismus in Österreich weiteren Auftrieb geben soll, aus dem vier Millionen Euro schweren Sondermitteltopf des Wirtschaftsministeriums. Die U-Bahn-Promotion schlug innerhalb der ersten beiden Wochen dermaßen ein, dass bei Scharfs Mitarbeiterin Lin Shen schon Tourismusagenturen von Australien bis Tschechien anfragten: "Wie habt ihr Österreicher das nur gemacht?" Am Anfang stand eine "Kreativausschreibung" im Herbst. Die chinesische LDSS-Agentur gewann mit ihrem Vorschlag, zwei komplette U-Bahn-Züge zur fahrenden Österreich-Werbung umzugestalten. Täglich von sechs Uhr bis Mitternacht rauschen so Österreichs schönste überirdische Ansichten unterirdisch durch Peking.

Eine spontane und natürlich nicht repräsentative Umfrage des STANDARD unter den Passagieren in den vollbesetzten Abteilen ergab allerdings enttäuschende Antworten. So gut wie niemand unter den mit ihren Handys beschäftigten Befragten schenkte seiner Umgebung einen Blick, wunderte sich, warum der "Bodenbelag" so grasig grün ist, oder darüber, dass ihm die Sängerknaben über die Schulter schauen. Doch meist schon bei der zweiten Fahrt regt sich bei einigen Neugier, fallen die überall plakatierten QR-Codes zum Einscannen auf.

Hinter ihnen verbirgt sich der Zugang zur Österreich-Webseite roundtrip.aodili.info. "Wir haben bereits zur Halbzeit der Aktion 1,84 Millionen Leser registriert", sagt Scharf, ein Rekordzuspruch. Weil auch noch ein Gewinnspiel mit fünf Österreich-Reisen lockt, gehen bei der Österreich-Agentur haufenweise in der U10 gemachte Handyaufnahmen und Selfies ein: "Wir haben über 1.000 solche Aufnahmen erhalten."

Neue Zeit für Tourismus

Die Aktion "Österreich-Rundreise mit der U-Bahn" passe zudem in eine neue Zeit des chinesischen Tourismus, sagt Scharf. Neben den Massengruppen auf Europatour erwärmen sich immer mehr Freundeskreise und Individualtouristen aus der oberen Mittelschicht für einen Österreich-Besuch. Die Zahlen schnellen nach oben, eine Million Einreisen gab es im Jahr 2015, die Zahl der Übernachtungen verdreifachte sich in den vergangenen fünf Jahren.

"Wir haben eine Marketinggruppe gebildet mit 26 österreichischen Partnern, um den immer wichtigeren Tourismusmarkt China gezielt zu bearbeiten", sagt Klaus Ehrenbrandtner, Asienmanager der Österreich-Werbung, der sich eigens anschaut, wie Pekings U-Bahn österreichisch wurde. Er sieht den Tourismus in der gesamten Region im Aufwind. Mit China hätten sich die Ankünfte aus Asien in Österreich in den vergangenen vier Jahren auf 2,1 Millionen 2015 verdoppelt, vier Millionen Übernachtungen habe man gezählt. "Erstmals wachsen wir jetzt schneller als alle europäischen Mitbewerber." (Johnny Erling aus Peking, 14.4.2016)

  • Ob grüner Grasboden ...
    foto: erling

    Ob grüner Grasboden ...

  • ... oder Städtepanorama: Auf der Linie 10 ist alles im Österreich-Stil dekoriert.
    foto: erling

    ... oder Städtepanorama: Auf der Linie 10 ist alles im Österreich-Stil dekoriert.

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