Ilja Ehrenburg: Die Irrfahrten eines Sowjet-Schwejks

13. April 2016, 08:00
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In seinem Roman "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz" nahm der Sowjetautor Ilja Ehrenburg für die Sache der Juden Partei. Seine endlich wieder greifbare Satire ist ein bewegendes Spiel mit dem Feuer

Wien – Als Schneiderlein ist der annähernd zwergwüchsige Sowjetbürger Lasik Roitschwantz eine glatte Fehlbesetzung. Seine Mitgliedschaft im Klub der Kleingewerbetreibenden in dem Nest Homel zeugt von notorischer Unzuverlässigkeit. Weil er vor dem Plakat einer lokalen Parteigröße unwillkürlich aufseufzt, zerrt ihn die Staatsmacht vor den Kadi. Mit Lasiks Haft nimmt das Ungemach aber erst seinen Anfang.

Die Welt der 1920er-Jahre meint es keinen Augenblick lang gut mit Roitschwantz. Der ist ein gutwilliger Musterbürger. Allerdings gebietet er über ein furchterregendes Mundwerk, mit dem er kommunistische Funktionäre ebenso gegen sich aufbringt wie polnische Zöllner oder deutsche Apotheker. Wer denkt, es handle sich bei dem Buch Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz um einen Schelmenroman, ist bestenfalls selbst ein Schelm. Geschrieben hat diese verblüffende und bittere Satire ein merkwürdiger Parteigänger der Oktoberrevolution.

Ilja Ehrenburg (1891-1967) bannte mit dem verwegenen Erzählwerk die Gespenster, die zu rufen er gleichwohl nicht müde wurde. Ehrenburg war nicht nur mit allen Finessen der literarischen Moderne vertraut. Als überzeugter Bolschewik war er zugleich selbstbewusster Jude. Seine berüchtigte Spottlust machte ihn nicht nur in den Augen der Kulturfunktionäre zum verdächtigen Subjekt. Wie durch ein – oder eigentlich: wie durch mehrere – Wunder überlebte er die Ära der Schauprozesse in der Sowjetunion, ebenso die Kampagne gegen "Kosmopolitismus". Mit diesem Blendwort umschrieb man Stalins zügellosen Antisemitismus, der zahlreiche jüdische Intellektuelle das Leben kostete.

Von Ehrenburg lässt sich keinesfalls sagen, dass er das kommende Unheil nicht geahnt hätte. In seinem Lasik Roitschwantz nimmt er Elemente der Schtetl-Literatur auf. Zugleich beschreibt er voller Ingrimm den Weltverlust des Ostjudentums. Lasik wird von dem unbändigen Wunsch getrieben, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Sein Wille zur Unterwerfung verblüfft gleichermaßen Freund und Feind. Dabei ist die Trennlinie zwischen den beiden nicht gerade leicht zu ziehen. Vor allem aber eignet dem gutherzigen Lasik ein kolossaler Bekenntnisdrang.

Ob er Gefängnisschergen gegenübersteht oder kapitalistischen Ausbeutern: Stets trachtet unser tolpatschiger Held danach, es allen rechtzumachen. In Deutschland posiert er für eine Arznei aus Lebertran als lebendige Schaufensterpuppe. In Paris lässt er sich für die Sache der russischen Emigranten gewinnen. Seinen Auftritt als Redner vermasselt er jedoch durch alarmierende Offenherzigkeit.

Hunger ohne Ende

Lasiks rasende Fahrt durch Europa, die ihn zum Sterben schließlich in das Heilige Land führt, zeitigt zuverlässig die immer gleichen, niederschmetternden Ergebnisse. Lasik hat Hunger, bekommt jedoch viel zu selten etwas Essbares ausgehändigt. In dem Bestreben, alle Welt von seinen besten Absichten zu überzeugen, nimmt er – übrigens ohne rechten Gottesglauben – bei den Weisheiten des Chassidismus Zuflucht. Die Folgen sind durchwegs fatal: Man prügelt Roitschwantz windelweich und verwehrt ihm den Zugang zu den Fleischtöpfen.

Geschrieben hatte der Autor seinen Roitschwantz (1928) als bedeutsame Parodie des eigenen Epochenromans Die ungewöhnlichen Abenteuer des Julio Jurenito. Bereits in diesem kolossalen Erzählpamphlet hatte er für die Juden in Europa keine wirklich erbaulichen Neuigkeiten parat. Mit erschütternder Hellsicht kommt Ehrenburg auf Pogrome zu sprechen, die alles Dagewesene bei Weitem in den Schatten stellen.

Ihm selbst rettete sein Ansehen als Journalist und Zeitungskorrespondent höchstwahrscheinlich das Leben. Als verblüffendste Einsicht verbuchte Ilja Ehrenburg die Erkenntnis, 50 Jahre Sowjetsozialismus wider alle Wahrscheinlichkeit überstanden zu haben. Er habe sich, schrieb er in seinen Memoiren, wie ein Fuchs gefühlt, der sich ins Pelzgeschäft verirrt hat. Das eigene Fell so teuer wie möglich zu verkaufen – diese Eigenschaft treibt auch den armen Lasik Roitschwantz um. (Ronald Pohl, 12.4.2016)

Ilja Ehrenburg, "Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz". Aus dem Russischen von Waldemar Jollos. 410 Seiten / 43,20 €. Die Andere Bibliothek, Berlin 2016

  • Ilja Ehrenburg (hier 1943) überlebte den Wahnsinn des Stalinismus, indem er den "Großen  Vaterländischen Krieg" gegen Hitler-Deutschland als Journalist und Agitator begleitete.
    foto: röhnert/sz-photo/picturedesk.com

    Ilja Ehrenburg (hier 1943) überlebte den Wahnsinn des Stalinismus, indem er den "Großen Vaterländischen Krieg" gegen Hitler-Deutschland als Journalist und Agitator begleitete.

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