Drogenprozess mit unfähigem Dolmetscher

16. April 2016, 14:00
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Zwei 17-Jährige sollen Dealer sein, was sie bestreiten. Der Prozess wird aber vom völlig überforderten Übersetzter geprägt

Wien – Wenn sogar ein Schüler wegen der Übersetzungen eines gerichtlich beeideten Dolmetschers im Verhandlungssaal laut auflacht, erkennt man, dass es gröber hapert. Im Verfahren gegen Kiner O. und Anthony P. geschieht genau das.

Der ältere Herr, der neben Richter Daniel Schmitzberger sitzt, sollte an sich das Gespräch mit den beiden Nigerianern auf Englisch ermöglichen. Ganz offensichtlich ist er aber weder akustisch noch inhaltlich in der Lage, die Aufgabe zu bewältigen.

Das geht so weit, dass selbst Staatsanwalt und Verteidiger mit Vokabeln aushelfen müssen und der Richter sogar schon vor dem eigentlichen Experten Übersetzungen diktiert, während er in den Akten blättert.

Rezept, Papier und Rechnung

Ein Beispiel: Es geht um ein Medikamentenrezept. Der Dolmetscher verwendet dafür "paper" und "receipt" – Papier und Rechnung, also. Der Verteidiger wirft das korrekte "prescription" ein. "Ja, so kann man auch sagen", gesteht der Übersetzer leicht überheblich zu.

Im Verfahren gegen die beiden 17-Jährigen gibt es viel zu übersetzen. Beide bekennen sich nicht schuldig. O. wird vorgeworfen, sowohl am 13. als auch am 28. Februar Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet zu haben, an beiden Tagen soll er in Drogendeals verwickelt gewesen sein. P. betrifft nur der spätere Termin, als er Geld für Drogen entgegennahm – von einem Kriminalbeamten.

O.s Geschichte ist ziemlich abstrus. Beim älteren Fall sei er lediglich über die Straße gegangen, als ihn zwei Uniformierte gestoppt hätten. Dass er Marihuana gekaut habe, gibt er zu, er sei aber plötzlich grundlos gegen die Wand gedrückt worden und habe Handschellen gehabt.

Verletzte Polizistin

"Die Polizistin ist dabei aber an der Hand verletzt worden. Wie erklären Sie sich das?", fragt Schmitzberger. O. hat keine Ahnung – die Frau habe er überhaupt nicht gesehen, da er mit dem Gesicht zur Wand gestanden sei.

Den zweiten Anklagepunkt erklärt er so: Er habe seinen Mitangeklagten am Abend im Zug von Traiskirchen nach Wien kennengelernt. Dort fragte er ihn, ob er eine Apotheke kenne. Denn am Morgen desselben Tages sei er in Wien von vier Jugendlichen ausgeraubt und durch einen, später im Spital behandelten, Messerstich verletzt worden. Tatsächlich ist seine linke Hand noch immer bandagiert.

Im Krankenhaus bekam er ein Rezept. "Warum haben Sie das nicht in Traiskirchen eingelöst?", fragt der Richter. "Die hatten es nicht lagernd", lautet die Antwort. Mit seiner neuen Bekanntschaft sei er jedenfalls in Meidling umgestiegen, zwei Männer hätten ihn nach Kokain gefragt.

Angst vor weiterem Überfall

Er habe gesagt, das er keines habe und sei mit P. mit der U6 gefahren, da der ihm eine Apotheke bei der Burggasse zeigen wollte. Dort habe man sich getrennt, plötzlich seien zwei andere Weiße gekommen, einer habe ihn von hinten gepackt und zu Boden gebracht. Aus Angst vor einem neuen Raubüberfall sei er geflüchtet, aber bei den Worten "Police! Police" sofort stehen geblieben. Einen Faustschlag in ein Beamtengesicht habe es nie gegeben.

Der Zweitangeklagte erzählt, er habe in Wien eine afrikanische Bar besuchen und sich mit Freunden treffen wollen. Seine Zufallsbekanntschaft aus dem Zug habe ihm erzählt, er sei auf Kokain angesprochen worden. Bei der Burggasse sollte er von einem Freund 500 Euro für einen Dritten übernehmen, kaum habe er das in der Hand gehabt, sei schon die Polizei gekommen.

Zu O.s erstem Angeklagten sagen die beiden beteiligten Polizisten, sie seien bei einer Routinestreife auf ihn aufmerksam geworden, da er schnell davonging, als er sie erspähte. Als sie ihn eingeholt hatten, sahen sie schon Schluckbewegungen und nahmen Marihuanageruch wahr. Der Schluckversuch blieb erfolglos, stattdessen spuckte er eine größere Menge aus.

Gegen Wand gestoßen

Unvermittelt habe er die Beamtin plötzlich so fest gestoßen, dass die gegen die Hausmauer prallte und sich die Hand prellte und aufkratzte.

Im zweiten Fall sagt der verdeckte Ermittler aus. "Eine Vertrauensperson hat mit den beiden Angeklagten ein Geschäft vereinbart", erinnert er sich. "Sie waren die Anbahner, zwei andere holten die Drogen. Ich kann mich noch erinnern, dass es weniger als ausgemacht war." Daher habe er das Geld gezählt und schließlich P. in die Hand gedrückt. Daraufhin habe er sich entfernt und die Kollegen alarmiert.

Die waren es, die O. angeblich attackiert haben sollen. Da sie erkrankt sind, scheidet Schmitzberger sein Verfahren aus. Den unbescholtenen Zweitangeklagten verurteilt er nicht rechtskräftig zu zwei Monaten bedingter Haft. (Michael Möseneder, 16.4.2016)

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