Rochaden: Die immer kürzeren Amtsdauern der Regierungsmitglieder

Blog12. April 2016, 14:34
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Regierungsmitglieder von SPÖ und ÖVP bleiben länger im Amt, Parteilose und FPÖ-Minister deutlich kürzer

Johanna Mikl-Leitner geht, Wolfgang Sobotka kommt. Es ist nicht die erste Rochade in der Regierung Faymann II, und es wird womöglich nicht die letzte sein. Der Personalwechsel mag mehr mit der Nachfolge Erwin Prölls an der niederösterreichischen Landesspitze als mit der Arbeit der Bundesregierung zu tun haben, aber er ist dennoch ein guter Anlass, um einen Blick auf die Amtsdauern aller Regierungsmitglieder der Zweiten Republik zu werfen (Staatssekretärinnen und Staatssekretäre sind hier inkludiert, wiewohl sie formell nicht Mitglieder der Bundesregierung sind).

Die erste Grafik zeigt, wie sich die durchschnittliche Amtsdauer zwischen 1945 und 2015 verändert hat. Wer in den 50er-Jahren angelobt wurde, konnte im Schnitt fast mit zehn Jahren in Amt und Würden rechnen. Bei Amtsantritt in den 60ern und 70ern waren im Mittel noch zwischen sieben und acht Jahre drinnen. Seit 1980 hat sich die durchschnittliche Amtsdauer auf etwas mehr als fünf Jahre verkürzt.

Die dargestellten Zahlen sind "extended means", basierend auf dem Kaplan-Meier-Schätzer (erweitert um eine Exponentialfunktion, hier genauer beschrieben). Diese Zahlen berücksichtigen bis zu einem gewissen Grad schon die kürzere Amtsdauer, die etwa durch vorzeitige Neuwahlen verursacht werden kann.

Natürlich muss es nicht immer ein Nachteil sein, wenn Amtsdauern von Ministerinnen und Ministern kürzer werden. Dennoch kann man davon ausgehen, dass solche Ämter längere Einarbeitungszeit benötigen und man für gewöhnlich mit den Jahren an Erfahrung und fachlicher Expertise gewinnt. Insofern ist zu hohe personelle Fluktuation sicher problematisch.

Die zweite Grafik zeigt, wie die mittlere Amtsdauer nach Parteien ausfällt. Regierungsmitglieder aus den Reihen der SPÖ haben die längste mittlere Verweildauer im Amt (sechseinhalb Jahre), jene aus der ÖVP kommen im Schnitt auf fünfeinhalb Jahre, während parteilose und FPÖ-Regierungsmitglieder durchschnittlich weniger als vier Jahre im Amt sind.

Frauen haben übrigens geringfügig kürzere Amtsdauern, was aber auch daran liegt, dass der Frauenanteil in der Bundesregierung mit der Zeit zunimmt, während die durchschnittliche Amtsdauer abnimmt. Personen in traditionell besonders wichtigen Ressorts (Finanzen, Inneres, Äußeres) bleiben im Schnitt etwas länger im Amt.

Zu guter Letzt hier noch eine Darstellung, wie lange nach der letzten Wahl die Regierungsmitglieder für gewöhnlich ihr Amt antreten.

Logischerweise passieren die meisten Ernennungen kurz nach der Wahl. Jedoch bleibt die Volatilität für etwa 18 Monate recht hoch. Nach eineinhalb Jahren sind dann knapp drei Viertel aller Rochaden passiert (natürlich muss man bei dieser Darstellung berücksichtigen, dass viele Legislaturperioden gar nicht über die volle Zeit gehen). Die Sinnhaftigkeit von Personalwechseln sinkt also mit Fortdauer der Regierungsperiode. Zum einen sind Ministerposten wenig attraktiv, wenn man nur mehr wenige Monate garantiert im Amt verbleiben würde. Zum anderen vermeidet man medialen Aufruhr im Wahlkampf, wenn man unliebsam gewordene Parteifreunde einfach noch bis zur Wahl mitschleppt und erst danach austauscht. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 12.4.2016)

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