Warum die medizinische Forschung zu LSD eine Renaissance erlebt

13. April 2016, 18:00
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Das Halluzinogen geriet erst in Verruf, dann in Vergessenheit. Als Therapeutikum rückt es wieder in den Fokus der Wissenschaft

London/Wien – Als der Schweizer Chemiker Albert Hofmann 1938 erstmals Lysergsäurediethylamid (LSD) herstellte, hatte er etwas ganz anderes im Sinn als die Kreation eines der stärksten Halluzinogene der Welt. Im Rahmen seiner Forschung zum Mutterkornpilz (Claviceps purpurea) suchte er nach Möglichkeiten, die toxischen Alkaloide dieses gefährlichen landwirtschaftlichen Schädlings medizinisch nutzbar zu machen. Seit dem 17. Jahrhundert wurde Mutterkorn in der Volksmedizin genutzt – vor allem von Hebammen, da einige Inhaltsstoffe starke Wehen auslösen.

Doch das von Hofmann hergestellte Derivat zeigte im Tierversuch nicht die erhoffte Wirkung, und so verschwand das Forschungsprojekt zunächst in der Schublade. Bis 1943, als der Chemiker noch einmal mögliche Wirkungen von LSD testen wollte – und während der Arbeit plötzlich Halluzinationen verspürte. Der darauffolgende erste geplante Selbstversuch Hofmanns offenbarte die ungeheure Potenz des Halluzinogens und eröffnete nun doch noch Anwendungsmöglichkeiten von LSD.

Therapeutikum, Waffe, Heilsbringer

LSD kam als Präparat unter dem Namen "Delysid" in den Handel und wurde zur Unterstützung analytischer Psychotherapien bei schwer Kranken eingesetzt. Es sollte aber auch zur Erlangung einer sogenannten Modellpychose dienen, wie es im Beipackzettel hieß: "Indem der Psychiater selbst Delysid einnimmt, wird er in die Lage versetzt, eine Einsicht in die Welt der Ideen und Wahrnehmungen psychiatrischer Patienten zu gewinnen."

Doch auch Geheimdienste und nicht zuletzt die Hippiebewegung entdeckten bald die Wirkung von LSD für sich. Während etwa die CIA vor dem Hintergrund des Kalten Krieges am Einsatz des Halluzinogens als chemische Waffe und Wahrheitsserum forschte, wurde die Droge zum "heiligen Gral" der Hippiekultur.

Forschungsstagnation

Ab Mitte der 1960er Jahre wurde das Halluzinogen nach und nach verboten (in Österreich 1971), die Forschung dazu kam weitgehend zum Erliegen. Doch in den vergangenen Jahren rückte LSD wieder stärker in den Fokus der Wissenschaft. Aktuell berichten David Nutt vom Imperial College London und Kollegen gleich in mehreren Studien über die neurologische Wirkungsweise des Derivats. Doch warum die späte Renaissance?

"Letztlich wollen wir LSD als therapeutisches Werkzeug einsetzen", sagte Nutt in einem aktuellen Interview mit "Nature". Untersuchungen aus den 1950ern und 1960ern hätten vielversprechende Ergebnisse gebracht. "Seit den 1970er Jahren gab es zahlreiche Tierversuche, aber keine Studien zur Wirkung auf das menschliche Gehirn. Wir brauchen diese Daten aber, um den Nutzen dieses Mittels als Therapeutikum für Suchterkrankungen oder Depressionen zu eruieren."

Neuronale Grenzüberschreitung

Die Forscher präsentieren nun in "PNAS" und "Current Biology" erstmals Studien, die Gehirnaktivitäten freiwilliger Probanden unter LSD-Einfluss mittels moderner bildgebender Verfahren zeigen (unter anderem funktionelle Magnetresonanztomographie und Magnetoenzephalographie). Dabei zeigt sich etwa, dass unterschiedliche Hirnregionen stärker und freier miteinander kommunizieren. Nutt: "Vor allem der visuelle Cortex erhöht den Signalaustausch mit anderen Hirnregionen, was die komplexen visuellen Halluzinationen in Kombination mit emotionalen Empfindungen erklärt, die LSD bewirken kann."

Gleichzeitig seien die Grenzen zwischen einzelnen neuronalen Netzwerken durchlässiger, auf bestimmte Informationen spezialisierte Gehirnzellen offener. Diese Beobachtung korrelierte mit Berichten der Probanden, eine Auflösung ihres Ichs zu empfinden, was für die Behandlung von Patienten mit Depressionen oder Angststörungen besonders interessant sei. Die gesetzliche Lage erschwere die Forschung freilich, doch Nutt ist optimistisch: "Jetzt sehen wir zum ersten Mal wirklich, was während des psychedelischen Zustands im Gehirn passiert – und die psychiatrischen Implikationen sind enorm." (David Rennert, 16.4.2016)

  • Albert Hofmann (1906-2008), der Entdecker des LSD im Jahr 1998.
    foto: ap/walter bieri

    Albert Hofmann (1906-2008), der Entdecker des LSD im Jahr 1998.

  • Moderne bildgebende Verfahren lassen erstmals den Vergleich zu: neuronale Verbindungen ausgehend vom visuellen Cortex (Sehrinde) unter dem Einfluss von LSD (rechts) und eines Placebos.
    grafik: reuters/imperial college london

    Moderne bildgebende Verfahren lassen erstmals den Vergleich zu: neuronale Verbindungen ausgehend vom visuellen Cortex (Sehrinde) unter dem Einfluss von LSD (rechts) und eines Placebos.

  • Der Signalaustausch mit anderen Gehirnregionen ist deutlich erhöht (oben Kontrollgruppe, unten Probanden auf LSD).
    grafik: imperial college london

    Der Signalaustausch mit anderen Gehirnregionen ist deutlich erhöht (oben Kontrollgruppe, unten Probanden auf LSD).

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