Ziesel-Zank rund um Bauprojekt bei Heeresspital geht weiter

12. April 2016, 13:34
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Aktivisten zweifeln nach Beginn der Arbeiten an Rechtmäßigkeit der Bescheide, MA 22 spricht von strengen Auflagen

Wien – Die Ziesel machen wieder Schlagzeilen: Auf einem Areal beim Wiener Heeresspital sind die Bauarbeiten für rund 950 private Wohnungen angelaufen. Naturschützer sehen die dort lebende und geschützte Erdhörnchenart bedroht und wollen ihren Kampf gegen das Projekt fortsetzen, sagten sie am Dienstag in einer Pressekonferenz. Die Stadt verweist auf strenge Auflagen, die Bauträger halten am Vorhaben fest.

Gestern, Montag, fuhren am betroffenen Floridsdorfer Areal erstmals die Bagger auf. Konkret wurde damit begonnen, die Grasnarbe – also die einige Zentimeter dicke oberste Bodenschicht – abzutragen. Die behördliche Genehmigung für die Arbeiten liegt vorerst für ein Drittel der gesamten Projektfläche vor. Dort gebe es gerade einmal eine Handvoll Ziesel, heißt es von der für Umweltschutz zuständigen Magistratsabteilung 22.

MA22: "Ständige Kontrolle"

Deren Leiterin Karin Büchl-Krammerstätter betonte im APA-Gespräch, dass für die betreffende Fläche, für die die Bauträger eingereicht haben, behördliche Bewilligungen auszustellen waren, da alle Auflagen erfüllt wurden. "Das Projekt ist eindeutig bewilligt – unter sehr strengen Auflagen, die ständig kontrolliert werden. Das Interesse des Artenschutzes wird optimal berücksichtigt."

Petrovic fordert Umsiedelung des Bauprojekts

Das sehen die Aktivisten nicht so. Sie kritisierten, dass die Umsiedelung der rund 200 auf dem Gesamtgebiet lebenden Ziesel nicht gelungen und die Population nur auf die restlichen (nicht bewilligten) zwei Drittel ausgewichen sei. "Der Lebensraum für Wildtiere in Wien wird immer knapper. Bei Zieseln ist es nicht so einfach, sie umzulenken", sagte Madeleine Petrovic, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins. Sie forderte, dass der Bauträger sein Projekt auf einem vergleichbaren Grundstück an anderer Stelle realisieren möge.

Kritiker sprechen von "groben Verfahrensmängeln"

Landschaftsökologe Wolfgang Suske ortete wiederum "grobe Verfahrensmängel" in Bezug auf die Projektbewilligung. Das Wohnbauvorhaben werde nach "Salamitaktik" zerstückelt, was nicht rechtskonform sei. Wolfgang Rehm von der Umweltschutzorganisation Virus sowie Zoologin Friederike Spitzenberger zweifelten ebenfalls an der Rechtmäßigkeit der Vorgangsweise.

Die EU-Richtlinien würden nicht eingehalten. "Die MA 22 und der Bauträger müssen sich darauf einstellen, dass die Rechtssicherheit der behördlichen Bescheide nicht mehr gegeben ist", kündigte Rehm an, entsprechende Instanzenwege beschreiten zu wollen.

Zweifel auch an Zählmethode

Seine Mitstreiterin Spitzenberger zweifelte zudem an der Zählmethode, nach der es laut Behörde im gesamten Stadtgebiet rund 9.500 Ziesel gibt. Sie selbst schätzt den Bestand auf etwa 2.300 Tiere. Diese "Täuschung" hänge wohl damit zusammen, um einen EU-Vertragsverletzungsverfahren zu entgegen, mutmaßte die Zoologin.

MA-22-Chefin Büchl-Krammerstätter wies dies deutlich zurück. Die Zählungen würden von einem wissenschaftlichen Team durchgeführt. Den Vorwurf von Verfahrensmängeln kann sie nicht nachvollziehen: "Es gibt 100-prozentige Rechtssicherheit." Außerdem seien die Richtlinien in Wien sogar noch strenger als die EU-Vorgaben, versicherte sie: "Kein einziger Ziesel kommt zu Schaden."

Die Auflagen für das Bauprojekt beim Heeresspital umfassen unter anderem, dass kein schweres Gerät zum Einsatz kommen darf. Werden Zieselbaue entdeckt, müssen sie händisch abgetragen werden. Die ökologische Aufsicht sei permanent an Ort und Stelle und achte genau darauf, dass alle Vorgaben eingehalten werden, versprach Büchl-Krammerstätter. Das betrifft auch den Schutz der Zauneidechse, die vereinzelt am Gelände vorkommt.

Bauträger halten an Projekt fest

Seitens der Bauträger – Kabelwerk und Donau City Wohnbau – hält man jedenfalls am Projekt fest. Man halte sich an alle Auflagen, die auch streng kontrolliert würden, sagte ein Sprecher der APA. Die am Montag begonnenen und kurzfristig von Aktivisten gestörten Arbeiten würden heute, Dienstag, fortgesetzt.

In etwa zwei Wochen soll die Grasnarbe abgetragen werden, im Sommer folgt die 30 Zentimeter dicke Humusschicht. "Die Bauträger haben sich entschlossen, trotz der Mehrkosten Artenschutz und Wohnbau zu vereinen", so der Sprecher.

Wann das Gesamtvorhaben abgeschlossen ist, steht ob der Zieselpopulation auf den restlichen zwei Dritteln des Areals noch nicht fest. Was die Bescheide anbelangt, "sehen wir keine Anlässe für Zweifel an der Rechtssicherheit". Die Wohnungen auf einem Alternativareal zu realisieren, sei für die Bauträger "derzeit keinerlei Option". (APA, 12.4.2016)

  • Umweltschützer und Landschaftsökologen kritisieren die Verbauung des Lebensraums des Ziesels.
    foto: apa/j. stefan

    Umweltschützer und Landschaftsökologen kritisieren die Verbauung des Lebensraums des Ziesels.

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