"Wir beide sind nicht in Konflikt, es sind unsere Identitäten"

13. April 2016, 07:12
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Auf dem Balkan ist der Krieg nach wie vor allgegenwärtig. Das Zentrum für gewaltfreie Aktion versucht den Versöhnungsprozess voranzutreiben

Wie mit der Vergangenheit umgehen, welche Rolle spielen Denkmäler bei der Erinnerung und warum ist es wichtig, die Balkankriege aufzuarbeiten? Diese und viele weitere Fragen wurden vergangenen Freitag im Albert-Schweitzer-Haus in Wien bei der Veranstaltung "Erinnerungen an den Krieg – Krieg der Erinnerungen" diskutiert.

Für den Friedensaktivisten Nedžad Horozović vom Zentrum für gewaltfreie Aktion (Centre for Nonviolent Action, CNA), einer regionalen Friedensorganisation, die in Sarajevo und Belgrad ansässig ist, ist der Krieg auf dem Balkan und da vor allem in Bosnien und Herzegowina allgegenwärtig. "Es dominiert den Alltag von uns allen, nach wie vor. Die Aufarbeitung des Krieges geht nur sehr langsam voran. Viele versuchen es zu verdrängen, aber das geht nicht. Wir müssen uns erinnern, die Frage ist bloß, wie?", so Nedžad gleich am Anfang der Podiumsdiskussion.

Teil der ethnischen DNA

Seine Kollegin Ivana Franović ergänzt: "Wir müssen verstehen, wie es zu den Kriegen kam. Wir müssen wissen, was alles geschehen ist. Wir müssen uns erinnern, damit es nie wieder passiert."

Die Allgegenwärtigkeit des Krieges hat dazu geführt, dass die vermeintliche Wahrheit über den Krieg zu einem Teil der DNA der ethnischen Identität geworden ist. "Es gibt drei Wahrheiten, drei Narrative, die sich einzig und allein dadurch unterscheiden, ob man Bosniake, Kroate oder Serbe ist," sagt die Belgraderin Franović. All diese Narrative haben eines gemeinsam, und zwar, dass die eigene Ethnie das größere Opfer des Krieges ist. So hat jede Ethnie immer ein passendes Beispiel parat, falls die "andere Seite" ihr Verbrechen vorwirft.

Fehlende Empörung

Was fehlt, ist die "Empörung über die Verbrechen, egal von welcher Seite" sagt Nedžad. Um die Aufarbeitung voranzutreiben, veranstaltet das Zentrum für gewaltfreie Aktion regelmäßig gemeinsame Trainings für ehemalige Kriegskontrahenten, und organisiert für die Veteranen Besuche von Orten des Krieges. Bei einem dieser Treffen hat ein Kriegsveteran zu einem anderen gesagt: "Wir beide sind nicht in Konflikt, es sind unsere Identitäten", so erzählt es der in Doboj geborene Horozović. Für ihn summiert dieser Satz die ganze Problematik in Bosnien und Herzegowina am besten.

Die Zusammentreffen von Kriegsveteranen verschiedener Ethnien stimmen die beiden Mitarbeiter des Zentrums für gewaltfreie Aktion positiv. "Die meisten Veteranen gehen mit der Einstellung ‚Jetzt werde ich euch die Wahrheit sagen’ zu den Veranstaltungen hin und gehen mit der Einstellung ‚Ich möchte zuhören und verstehen’ wieder raus", sagt Nedžad. Das zeige bloß, "wie wichtig Dialog ist und das Möglichmachen solcher Zusammenkünfte," so Ivana.

Kein Mainstream

In den mittlerweile über zehn Jahren, in denen sie Treffen und Dialoge mit ehemaligen Schlachtfeld-Kontrahenten ermöglichen, haben knapp 200 Veteranen daran teilgenommen. "Uns ist bewusst, dass das vielleicht nur ein Tropfen im Meer ist, aber es funktioniert, wenn auch bis jetzt nur in einem kleinen Rahmen," sagt Ivana.

"Viele wollen auf dem Balkan die Aussöhnung nicht vorantreiben – die Politik noch am wenigsten", gibt ein etwas resignativ wirkender Nedžad Horozović zu Protokoll. In den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien sitzen in den meisten Regierungen Nationalisten, die, wenn sie an den Krieg erinnern, dann meist nur der eigenen Opfer gedenken. "Uns ist bewusst, dass wir nicht zum Mainstream gehören, aber gemacht muss es trotzdem werden," so Ivana Franović.

Hässliche Denkmäler, die positiv stimmen

Für den Historiker Robert Streibel von der Plattform Erinnern.at, der genauso wie Pete Hämmerle vom Versöhnungsbund und Jasmina Haračić vom Österreichischen Roten Kreuz an der Diskussion teilnahm, zeigen Denkmäler, wie in der Gesellschaft an die Vergangenheit erinnert wird und welchen "Umgang die Gesellschaft mit der Erinnerung hat".

Nach den Balkankriegen sind viele Denkmäler entstanden. Für Ivana sind sie "schrecklich". Nedžad Horozović stimmt ihr zu: "Die Denkmäler sind so hässlich" – er erkennt aber darin etwas Positives, "Diese Hässlichkeit der Denkmäler erinnert uns daran, wo wir derzeit als Gesellschaft stehen, sie zeigt uns, dass etwas nicht stimmt. Durch konstruktives Reden über die Denkmäler werden die zukünftigen besser."

Fotoausstellung "War on Memories"

In Zusammenarbeit mit dem Versöhnungsbund und der Diakonie Brot für die Welt haben die Mitarbeiter vom Zentrum für gewaltfreie Aktion die Denkmäler in Bosnien und Herzegowina erforscht und mit Fotos dokumentiert. Einige dieser Bildern wurden im Rahmen der Veranstaltung ausgestellt.

"Wir haben knapp 80 Denkmäler für das Projekt dokumentiert", sagt Nedžad und erzählt, dass die Denkmäler teilweise schwer zugänglich und viele durch Graffitis verunstaltet sind: "Auf den Denkmälern wird der Krieg weitergeführt. Es wird noch lange dauern, bis sich die Situation normalisiert."

Anzeichen für Krieg erkennen

Robert Streibel denkt, dass die Entwicklung auf dem Balkan dennoch etwas schneller verläuft als beispielsweise in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg: "In Österreich konnte erst die dritte Generationen darüber reden, ohne in Verteidigungsposition zu gehen. Bei euch scheint es früher zu klappen."

Ivana Franović sieht eine Dringlichkeit vorhanden, dass es schneller gehen muss: "Wir müssen es, so schnell es geht, klären, weil das Konfliktpotenzial zu hoch ist. Die Anzeichen für Krieg müssen erkannt werden, die gab es damals schon in Jugoslawien auch."

Nur dass es keinen Krieg gibt

Daran erinnert nicht zuletzt das Lied "Samo da rata ne bude" ("Nur dass es keinen Krieg gibt") von Đorđe Balašević aus dem Jahr 1987, welches die Band AzRaH an diesem Abend gleich zum Einstieg ihres kleinen Konzerts spielt. "Die Anzeichen waren da, die Bevölkerung hat es nicht erkannt und sich in den Konflikt manipulieren lassen. Damit es nie wieder passiert, müssen wir es aufarbeiten", so Franovićs eindringlicher Appell. (Siniša Puktalović, 12.4.2016)

  • Ansicht der Ausstellung. Unter dem mittleren Bild steht folgender Text, er beschreibt die Fotos: "Außenwand einer Lagerhalle, in der Gefangene gefoltert wurden. Links sieht man eine Gedenktafel für Opfer des Zweiten Weltkriegs, rechts eine Gedenktafel für Opfer des Krieges der 90er-Jahre. In der Mitte sieht man Spuren einer abgeschraubten Gedenktafel, deren Aufschrift die lokalen Behörden inakzeptabel fanden. Hafen, Brčko."
    foto: siniša puktalović

    Ansicht der Ausstellung. Unter dem mittleren Bild steht folgender Text, er beschreibt die Fotos: "Außenwand einer Lagerhalle, in der Gefangene gefoltert wurden. Links sieht man eine Gedenktafel für Opfer des Zweiten Weltkriegs, rechts eine Gedenktafel für Opfer des Krieges der 90er-Jahre. In der Mitte sieht man Spuren einer abgeschraubten Gedenktafel, deren Aufschrift die lokalen Behörden inakzeptabel fanden. Hafen, Brčko."

  • Podiumsdiskussion über díe Erinnerung an den Balkankonflikt.
    foto: siniša puktalović

    Podiumsdiskussion über díe Erinnerung an den Balkankonflikt.

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