Teheran, eine Paradoxie

Blog30. Mai 2016, 15:03
28 Postings

Die iranische Hauptstadt ist eine Stadt der Widersprüche: Lärm und Stille, Jung und Alt, Freund und Feind

"Teheran". Man hört das Wort, und denkt an Menschen und Erlebnisse, an hunderte Fotos und Erinnerungen, die ihre Einwohner, auch ich, mit der Hauptstadt des Iran verbinden.

Beim Hören des Namens "Teheran" assoziieren viele das Hupen der im Stau feststeckenden Autos, den anlaufenden Motor der Autos beim gelben Ampellicht, das Zischen der ankommenden U-Bahnen, die rufenden Taxifahrer, die Kunden anlocken, die überzeugenden Angebote der Basarverkäufer. Doch neben all diesen Stimmen, Geräuschen und dem Lärm, die manchmal stressig sein können und einen unter Druck setzen, gibt es auch das ruhige Plätschern des kühlen Baches, der von den steilen Bergen bis in die Stadt hineinfließt und eine Abwechslung zum alltäglichen Stadtlärm ist.

Leise Melodie der Straßenmusiker

In dem ganzen Hin und Her gibt es fast niemanden, der beim Betreten einer U-Bahn-Station nicht die leise Melodie, die manchmal von einer alten Gitarre, Harmonika oder persischen Instrumenten wie Santur und Oud erklingt, hört. Viele Passanten bleiben stehen. Sie lauschen den Straßenmusikern, die in einer Ecke spielen, und vergessen für einen Augenblick das Getümmel.

Zugleich erfüllt der abendliche Gebetsruf, den man in der Nähe von Moscheen wahrnimmt, die Straßen mit einem etwas anderen Ton, und man ist wieder für einen kurzen Augenblick von dem üblichen Gehetze des Lebens abgelenkt.

Eine Stadt mit Widersprüchen

Teheran zählt nicht nur zu den Großstädten mit extremer Lärmbelästigung, sondern der Name dieser Stadt erinnert auch an die prächtige Natur. An den Berg Damavand, die Gebirge, die Steppen, an Wanderungen und das Klettern in den Bergen, mit der Familie, Freunden oder gar allein. Sie gibt ihren von Luftverschmutzung geplagten Einwohnern eine gute Gelegenheit, einmal frische Bergluft einzuatmen.

Teheran, eine Stadt mit Lärm, vielen Geräuschen, bunten Bildern – und Gerüchen. Schon im Morgengrauen nimmt man in den Gassen den Geruch von frischem Brot in den Bäckereien wahr. Teheran, eine Stadt mit Geschichte, die in jedem Ziegelstein der Gebäude versteckt ist. Mit Straßen und Plätzen, die vieles zum Erzählen haben.

Teheran, sowohl eine Stadt mit Bewegung und Eile als auch eine Stadt mit Ruhe und Bedacht. Eine Stadt mit Widersprüchen: Jung und Alt, Freund und Feind.

Meine Stadt

Woran denke ich, wenn ich das Wort "Teheran" höre? Jedes Mal, wenn ich am Seyed-Khandan-Platz auf der Fußgängerüberführung stehe und unter mir die bunten Autos und Taxis sehe, die durcheinanderfahren, wenn ich die Sammeltaxis betrachte, deren Fahrer mit lauten und genervten Rufen nach Fahrgästen suchen, wenn ich die Menschen betrachte, die mit hastigen Schritten durch die Stadt eilen, hebe ich kurz meinen Kopf nach oben und sehe die Berge, weit entfernt, im Norden Teherans.

Sie vermitteln Stille und Ruhe. Dann blicke ich kurz nach rechts und bemerke, wie die morgendliche Sonne langsam hinter den östlichen Hügeln Teherans hervorblickt. Am blauen Himmel sieht man rote und orangefarbene Streifen, die sich immer mehr ausbreiten. Jedes Mal beim Anblick dieses Gemäldes weiß ich: Das ist Teheran. Ein Ort, an dem Ruhe und Gehetze zusammen wohnen. Ein Ort, an dem in einer Sekunde sowohl Stille als auch Lärm herrscht. Das ist Teheran. Das ist meine Stadt. Unsere Stadt. (Raana Saheb Nassagh, 30.5.2016)

Raana Saheb Nassagh verbrachte die ersten elf Jahre ihres Lebens in Österreich. Seit zehn Jahren lebt sie in Teheran, der Hauptstadt des Irans. Ihr Lieblingsort ist dort, wo man sich zu Hause fühlt. Zu Hause, das ist für Saheb Nassagh ein Wort, das einem viel bedeutet. "Es trägt Sicherheit, Geborgenheit und Liebe in sich. Ich weiß noch immer nicht, wo sich mein Zuhause befindet", sagt sie. Die Frage "Österreich oder Iran? Welches Land ist besser?" bringt sie zum Lachen. "Wie kann man zwischen der frischen Wiese neben der Donau und den nächtlichen Stadtlichtern in Teheran entscheiden? Manche Fragen haben keine Antwort, stattdessen brauchen sie Erfahrungen. Eine Stadt zu fühlen und zu erleben schließt sie ins Herz ein. Heißt das dann nicht, zu beiden zu gehören? Oder vielleicht auch zu keinem? Muss man zu einem Ort gehören? Reicht es nicht aus, einfach zufrieden zu sein, wo man ist? Wir sehen uns, vielleicht in Österreich, vielleicht im Iran, vielleicht auch in einem anderen zu Hause."

Zum Thema

  • Teheran, eine Stadt der Gegensätze. Hier Lärm und Stau, dort prächtige Natur.
    foto: ap/vahid salemi

    Teheran, eine Stadt der Gegensätze. Hier Lärm und Stau, dort prächtige Natur.

  • Auf dem Berg Tochal, nördlich von Teheran.
    foto: afp/behrouz mehri

    Auf dem Berg Tochal, nördlich von Teheran.

Share if you care.