Widerspruch gegen Hassposter: Oft ein Schuss ins Knie

12. April 2016, 11:02
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Plattformen setzen darauf, dass Hass durch "Gegenrede" entschärft wird – doch die Nutzer werden allein gelassen

Das beste Mittel gegen Hass sei Liebe, das beste Mittel gegen Intoleranz sei Toleranz: Mit dieser Botschaft pries Facebook-Managerin Sheryl Sandberg die sogenannte Gegenrede, die laut dem sozialen Netzwerk das mächtigste Mittel gegen Hasspostings sei. Nutzer sollen anderen, die hetzen, beleidigen oder falsche Gerüchte verbreiten, einfach widersprechen. Facebook hatte sogar eine "Initiative für Zivilcourage Online" ins Leben gerufen, die mit einer Million Euro gefördert wurde. Doch Erfahrungsberichte zeigen, dass die Gegenrede nicht immer ein probates Mittel ist – und dass sie couragierte Nutzer sogar erst zur Zielscheibe machen kann.

Beschwerden gegen Twitter

Der Guardian berichtet etwa von der britischen Sozialarbeiterin Suzanne Fernandes, die online rechtsextremen Aussagen widersprach. Daraufhin begannen deren Urheber, Fernandes ins Visier zu nehmen. Sie bekam Todes- und Vergewaltigungsdrohungen und sammelte eine enorme Menge an Beweisen, um die Hassnachrichten zu dokumentieren. Doch die Aktionen der Polizei waren wirkungslos – genau wie Twitters Verwarnungen. Und das, obwohl die zwei Männer sogar festgenommen und erst gegen Kaution wieder auf freien Fuß gesetzt wurden. "Ich kann bezeugen, dass Twitter nichts gegen Trolle unternimmt", sagt Fernandes zum Guardian.

Keine Perspektivenvielfalt

Dasselbe bestätigen Aktivisten der antirassistischen "Black Lives Matter"-Initiative, deren Mailboxen täglich von Hassnachrichten überschwemmt werden. In der Facebook-Zentrale kam es indes zum Eklat, weil Mitarbeiter den "Black Lives Matter"-Slogan auf "All Lives Matter" umgeändert hatten. Das zeige, was das Fehlen von Diversity bewirke, sagt die Aktivistin Malkia Cyril zum Guardian. Denn Facebook bestünde nun einmal zu einem Großteil aus weißen Männern, die sich nicht in antirassistsiche oder feministische Perspektiven versetzen könnten.

Aktivisten sollen helfen

Große IT-Konzerne wollen nun weiter mit NGOs zusammenarbeiten, um weltweit für einen zivilisierteren Umgang im Netz zu sorgen. Doch Aktivisten glauben zusehends, dass der eingeschlagene Weg in die falsche Richtung führt. Die Firmen ermutigen Nutzer zur Gegenrede, ließen sie dann jedoch alleine, sagt etwa Chlo Winfield. Sie wurde jahrelang von einer Social Media-Bekanntschaft verfolgt. Obwohl sie ein Teenager war, unternahm die Polizei laut ihren Angaben wenig zu ihrem Schutz. Man warf ihr vor, anfangs freundlich mit ihm geschrieben zu haben. Dann gab man ihr den Tipp, doch ihre Profile zu löschen. "Es fühlt sich an, als wäre ich Schuld", so Winfield zum Guardian – ein Gefühl, das Opfer in sozialen Medien immer öfter bekommen. (red, 12.4.2016)

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    foto: apa/afp/nackstrand
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