Schulbuch-Debatte: Die akademische Ordnung der Ökonomen

Kommentar der anderen11. April 2016, 21:33
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Die Schulbuch-Debatte offenbart die Versäumnisse der Wirtschaftswissenschaften

Eine Gruppe universitärer Ökonomen will den Attac-Aktivisten Felber aus einem Lehrbuch für Gymnasien entfernen. Einerseits ein Sturm im Wasserglas. Andererseits Anlass für ein paar historische Reminiszenzen. Betrachtet man die Geschichte der letzten zweihundert Jahre, so zeigt sich, dass alle wichtigen kulturellen und intellektuellen Anstöße nicht aus der Universität gekommen sind. Darwin, Marx und Freud haben das Selbstverständnis unserer Gesellschaften nachhaltig geprägt, und alle waren außerhalb der Universität aktiv. Und auch Kant wäre nach heutigen Kriterien über die Stelle eines Assistenzprofessors nicht hinausgekommen, da er – mangels Publikationstätigkeit – nicht als hoffnungsvolle Nachwuchskraft gegolten hätte.

Es geht nicht darum, Herrn Felber in die Kategorie dieser Geistesheroen einzuordnen. Es geht auch eine Nummer kleiner. Universitäten sind strukturell konservative Einrichtungen, auch wenn die derzeitige Rhetorik Innovation als neues Schlagwort propagiert. Die Aufgabe der Universität ist die kumulative Entwicklung der sogenannten Normal Science – in Forschung und Lehre. Gesichertes Wissen soll verwaltet und an die nachfolgende Generation vermittelt werden. Neues kann nur in sehr kleinen Schritten und nur mit gehöriger Zeitverzögerung verarbeitet und in den Kanon aufgenommen werden. Epochale Durchbrüche in den verschiedenen Disziplinen werden selten an Universitäten erzielt.

Nun ist die Ökonomie hier möglicherweise eine Ausnahme, was auch mit ihrem wissenschaftlichen Status zu tun haben mag. Hinter dem Modellplatonismus der Ökonomen verstecken sich starke politische Annahmen darüber, wie eine Gesellschaft beschaffen sein sollte. Nicht umsonst nannte man noch zu Zeiten von Adam Smith diese Art des Nachdenkens über die Welt "moral sciences".

Die Verwissenschaftlichung der Diskussion über ökonomische Fragen geht zugleich mit einer Entpolitisierung einher. Die Idee einer politischen Ökonomie, wie sie noch im 19. Jahrhundert allgemein verbreitet war, ist einer Scheinobjektivität gewichen, die Fragen der Entstehung und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums in Fragen von ehernen, wissenschaftlich zu ergründenden Marktmechanismen aufzulösen versucht. Die politische Melodie dazu spielten lange Zeit Figuren wie Margaret Thatcher, die mit ihrem berühmten TINA-Sager (There is no alternative) einen radikalen Umbau der englischen Gesellschaft vorantrieb.

Diese Politik, unterstützt durch passende ökonomische Theorien und Modelle, funktioniert eine Zeitlang. Irgendwann erzeugt sie gesellschaftliche Verhältnisse, die das Denkmodell der herrschenden Ökonomen für jeden sicht- und spürbar widerlegen. Der Erfolg von Autoren wie Thomas Piketty, der das Thema Ungleichheit wieder eingeführt hat, belegt das. Selbst in einem Forum wie Davos macht man sich inzwischen Sorgen über die wachsende ökonomische Ungleichheit in westlichen Gesellschaften.

Da kommt einer wie Felber eigentlich gerade richtig. Er propagiert ein paar neue, vernünftige Ideen. Er hat damit auch Erfolg – nicht nur in Schulbüchern! Er beleuchtet blinde Flecken des derzeit dominanten ökonomischen Denkens, und er lässt sich nicht so leicht als radikaler Spinner abtun. Man sollte die aufgeregten Ökonomieprofessoren vielleicht sanft an den Grundsatz der Wissenschaft erinnern, der einer Theorie nur so lange Kredit gibt, bis sie widerlegt ist. Und die Widerlegung des derzeit an den Universitäten akzeptierten ökonomischen Gedankengebäudes können wir aktuell in Echtzeit schmerzhaft verfolgen. (Reinhard Kreissl, 11.4.2016)

Reinhard Kreissl ist Kriminalsoziologe in Wien.

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