Primärversorgung: Missstimmung rund um Pilotprojekt

11. April 2016, 16:53
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Das lang angekündigte Gesetz lässt auf sich warten – Unklarheit um zweiten Wiener Standort

Wien – Die Verhandlungen über das Primärversorgungsgesetz ziehen sich seit Monaten, auch die nächste Frist, die sich die Gesundheitsministerin mit Ende April gesetzt hat, wackelt.

Ziel ist es, eine rechtliche Basis für die Kooperation von Ärzten und Gesundheitsberufen in Form von Primärversorgungszentren (PHC) zu schaffen. Die Ärztekammer wehrt sich vor allem gegen Direktverträge zwischen Krankenkasse und dem einzelnen Arzt.

Was sich die Politik von PHCs erwartet: eine Entlastung der Ambulanzen durch längere Öffnungszeiten und medizinische Schwerpunkte außerhalb der kostenintensiven Spitalsinfrastruktur.

Unter Dach und Fach

Bislang läuft österreichweit erst ein Erstversorgungspilotprojekt in Mariahilf. Für den zweiten Wiener Standort fand man im März nach der vierten Ausschreibung ein Team von drei Allgemeinmedizinern. Erstmals gesucht wurde im März des Vorjahres.

Darüber, wo die Ärzte einziehen sollen, bestand nie Zweifel. Die Ausschreibung, formuliert von Ärztekammer und Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), gab vor, dass das PHC "im Umkreis von 170 Meter vom Haupteingang des Donauspitals" liegen soll – "als genaue Lokalisation dient die äußere Schiebetür". WGKK-Obfrau Ingrid Reischl bestätigte dem STANDARD Anfang März 2016, dass die Praxis auf einem Rohdachboden direkt gegenüber dem Donauspital unterkommen werde.

Davon geht auch Zahnarzt Michael Bulla aus, dem das Gebäude gehört. Er gibt an, er reserviere der Kasse die Räumlichkeiten für das PHC-Projekt "bereits seit zwei Jahren unentgeltlich". Über einen Bericht im STANDARD mit dem Titel "Primärversorgung: Mehr privat, weniger Stadt" vom 8. März 2016 ärgert er sich. Darin stand, dass Bullas Frau 2011 das 1.500 Quadratmeter große Grundstück zu einem Quadratmeterpreis von 220 Euro von der Stadt Wien zum Preis von 330.000 Euro erworben hat.

Weil letztlich aber ein dreistöckiges Gebäude samt Tiefgarage auf dem Areal entstanden ist, hat Bulla – wie vertraglich vereinbart – für die erzielte Nutzfläche rund 265.000 Euro nachgezahlt, laut Kaufverrtag wieder 220 Euro pro Quadratmeter. Auch für die Vermietung an eine Bank musste nachgezahlt werden, weil laut Flächenwidmung und Kaufvertrag das Gebäude "medizinischen und sozialen Zwecken" vorbehalten war – macht rund 20.000 Euro. Hinzu kamen etwa 95.000 Euro für eine Rettungszufahrt. Familie Bulla hat insgesamt 710.890,54 Euro – ohne Aufschließungskosten – an die Stadt gezahlt.

Weniger auskunftsfreudig ist man bezüglich der letztlich tatsächlich entstandenen Nutzfläche. Eine Quadratmeteranzahl wollten Herr und Frau Bulla trotz mehrfacher Nachfrage bei PR-Berater Alexander Foggensteiner, der dem STANDARD als Freund vorgestellt wird, nicht nennen.

Im Haus befindet sich neben der Dentalklinik und der Privatordination von Herrn Bulla eine Jugendzahnklinik, die an den Krankenanstaltenverband (KAV) vermietet ist. Auch zur Höhe der Miete gibt es für den STANDARD keine Auskunft. Doktor Bulla sagt, er sei Vollblutarzt, der ein "innovatives, zukunftsweisendes Projekt" ins Leben gerufen habe, sein Interesse gelte der Medizin. Herr Foggensteiner ergänzt, dass Herr Bulla ein guter Mensch ist, dem es um das Wohl der Patienten geht. (mte, riss, 12.4.2016)

  • Beim Donauspital soll das zweite PHC entstehen. Der Vermieter reserviert die Räumlichkeiten seit zwei Jahren für die Krankenkasse.
    foto: standard

    Beim Donauspital soll das zweite PHC entstehen. Der Vermieter reserviert die Räumlichkeiten seit zwei Jahren für die Krankenkasse.

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