Maschek: "Was wir intendieren, ist eigentlich Journalismus"

Interview12. April 2016, 06:00
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Am Mittwoch feiern Peter Hörmanseder und Robert Stachel mit "Fake! In Wahrheit falsch" Premiere im Wiener Rabenhof. Ein Gespräch über die Ehrlichkeit der Politik, der Medien und der Bilder

STANDARD: Maschek ist vor allem mit Politsatire bekannt geworden. Das neue Programm klingt so, als wäre mehr der Fake selbst Thema?

Hörmanseder: Es geht nach wie vor um Politik. Aber die Herausforderung diesmal ist, etwas zu behandeln, das für uns selbst völlig normal ist: das Fälschen. Das ist gerade ein sehr bestimmendes Thema, weil man nicht mehr weiß, welcher Wahrheit man vertrauen kann, ob es so etwas wie eine Wahrheit überhaupt gibt. Insofern ist der Fake grundsätzlich politisch.

STANDARD: Meta-Maschek, sozusagen?

Hörmanseder: Wir sprechen dabei auch uns selbst als Figuren an, ja, werden ein bisschen zeigen, wie wir arbeiten. Das macht das Programm insofern schwierig, als wir riskieren, die gebaute Realität auf der Bühne zu zerstören indem wir dazusagen: Es ist nicht wahr.

STANDARD: Maschek ist mit seinen Fakes ja selbst schon zum Original geworden.

Hörmanseder: Es ist mittlerweile absurd, wie mit Kommentaren à la "Das ist so, als hätte Maschek sich das ausgedacht!" ein wertendes Urteil über politische Verhältnisse abgegeben wird. Dass man also quasi mit einer künstlerischen Intervention im echten politischen bzw. journalistischen Leben thematisiert wird. Zum Beispiel im Bundespräsidentschaftswahlkampf.

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Mascheks Parodie aller Bundespräsidentschaftskandidaten.

STANDARD: Absurd, aber auch befriedigend? Schließlich haben Sie von allen Kandidaten Parodien geliefert.

Hörmanseder: Befriedigend in dem Sinn, dass man beim Publikum eine Relevanz hat. Schön wäre allerdings, wenn ein Politiker einmal sagt, ich hab durch Maschek erkannt, wie falsch das ist, was ich mache, und ich möchte nicht mehr bei denen vorkommen, indem ich ab jetzt wahnsinnig gute Politik mache.

STANDARD: Das ist aber wohl noch nicht vorgekommen? Was kann Satire also beitragen?

Stachel: Auch wenn unsere Form die Satire oder Komödie ist: Was wir intendieren, ist eigentlich Journalismus. Für mich erfüllt Satire eine Funktion der Erträglichmachung. Ohne die Satireformate würde man weniger von der Politik mitkriegen, viele schauen sich lieber die Heute-Show an als täglich die Tagesschau. Zwar ist das eine durchgekaute Information, aber das ist in der Tagesschau ja nicht anders. Das meinen wir mit unserem Fake-Begriff: Dass letztlich alles Fake ist, auch wenn es so tut, als seien es die seriösen Nachrichten eines öffentlich-rechtlichen Senders. Die sind, wenn auch nicht in böser Absicht, aber auch nur eine Sichtweise.

STANDARD: So wird es sehr schwierig, als Gesellschaft gemeinsame Grundlagen zu finden.

Stachel: Das ist ja die große Gefahr. Also muss es zu einem emanzipatorischen Prozess kommen. Das Überprüfen von Informationen, das Doublechecken, wird immer mehr Aufgabe des Konsumenten sein. Das ist eine unangenehme Arbeit, aber es gibt niemanden mehr, der sie uns abnimmt.

foto: rabenhof/katsey.org
Mediale Irreführung: Der eine gibt vor, in Paris zu sein, steht aber in China. Der andere behauptet New York als Standort, ist aber in Paris.

STANDARD: Fakes sind vor allem auch ein Phänomen des Internets. Maschek sind gemeinsam mit Stermann und Grissemann die letzten im ORF verbliebenen Politsatiriker. Warum?

Stachel: Uns kommt zugute, dass wir keine Erfindung des ORF sind. Uns gab es schon viele Jahre vorher, wir haben uns auf der Bühne als eine Art Gegenfernsehen verstanden. Dort hat uns Alfred Dorfer gesehen und 2005 in seine Sendung Dorfer's Donnerstalk eingeladen. Wir haben damals ausführlich diskutiert, wie wir Teil des Systems werden können, das wir eigentlich kritisieren.

Hörmanseder: Wir machen ein Format, das das Fernsehen thematisiert, da wäre es unlogisch, wäre man nicht mehr im Fernsehen. Unsere Arbeit ist für uns eine Dringlichkeit. Sie ist ein Korrektiv, ein eitriger Zehennagel, der sich wiederum aus der Energie des Mediums ernährt.

Stachel: Das geht auch nur dank der großen Freiheit, die man uns innerhalb von Willkommen Österreich lässt. Wir konnten auf diesen etablierten Medientanker ORF grad noch aufspringen, als er abgelegt hat vom Anschluss an die Jetztzeit. Und jetzt fährt er eben so lang, bis der Eisberg kommt. Die jungen Kollegen von heute suchen diese Autonomie wahrscheinlich eher auf Youtube, wo sie nicht erst Redakteuren ihre Witze erklären müssen.

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Mascheks Kommentar zur "Obergrenze" für Flüchtlinge.

STANDARD: Am Ende verfolgt jeder seinen Youtube-Spartenkanal?

Hörmanseder: Aktuell irritiert mich, wie unprofessionell die Parteien sind, dass sie es nicht einmal schaffen, einen vernünftigen Youtube-Kanal zu betreiben. Das Bundeskanzleramt hat in den vergangenen drei Jahren 15 Videos online gestellt! Nur die FPÖ hat ein absurd professionell gemachtes FPÖ-TV.

Stachel: Daran erkennt man, wie weit vorn die FPÖ ist. Die Regierung ist selbst schuld, wenn es bei der nächsten Wahl nicht klappt.

STANDARD: Bundespräsidentschaftskandidat Andreas Khol hat sich über das "Khollum"-Video jedenfalls PR-tauglich gefreut…

Hörmanseder: Das war ja die einzig mögliche Antwort, sich das anzusehen und gute Miene zu machen. Es hätte schon eine Idee gegeben, darauf wieder zu reagieren. Aber wir haben gesagt, das ist uns zu viel der Ehre. Es ist ganz gut, wenn die Kommunikation von unserer Seite nur in eine Richtung geht.

STANDARD: Oft scheint‘s, Sie synchronisieren, was Politiker eigentlich sagen wollten, wären sie ehrlich – oder mutiger. Ist Politik Fake?

Stachel: Ich glaube nicht, dass der Faymann für sich sagt, ich schwindle jetzt die Leut‘ an. Doch wenn ich mein gesamtes Erwachsenenleben in einem Parteiapparat verbracht habe und dazu der Kontakt mit der Wirklichkeit ausschließlich über Umfragen geht, ist die Rücksicht auf die eigene Klientel wohl erdrückend.

foto: apa/herbert pfarrhofer
Werner Faymann in Mascheks Polit-Puppenshow "Bei Faymann" von 2009.

STANDARD: Maschek-Fakes wollen als solche erkannt werden. Wann klappt so eine offensichtliche Lüge?

Hörmanseder: Eine Geschichte kann noch so geisteskrank sein, aber in sich muss sie total stimmen. Beherrscht man das nicht, kann man etwas hunderttausendmal behaupten, und es glaubt einem keiner. Das merkt man bei Politikern, die im Nachhinein klarzustellen versuchen, etwas sei ja nur ironisch gemeint gewesen. Das haut nicht hin. Wir haben als Vorteil zudem die Bilder, die wir mit einer quasi falschen Wahrheit belegen.

STANDARD: Bilder sind ja ziemlich bedeutungsoffen – sind die Ausschnitte immer echt? Wie läuft der Arbeitsprozess ab?

Hörmanseder: Manchmal muss man sie ein bisschen manipulieren. Aber nicht oft, meist sind sie unverfälscht. Das Materialsammeln ist langwierig und verdichtet sich gegen Ende hin, wenn wir die Essenzen herausfiltern. Unser Zugang ist aber, dass wenn etwas aktuell passiert und dazupasst, es in ein Programm reinkommt, auch wenn dieses schon länger läuft.

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Nicht nur die Politik, auch die Religion wird gerne zur Vorlage genommen.

STANDARD: Schreiben Sie sich die Texte deshalb nicht auf?

Hörmanseder: Nein, so viel Arbeit macht das ja nicht. Der Grund ist: Wir müssen uns keine Texte merken, sondern nur Geschichten.

Stachel: Wir kommen ja nicht aus der Schauspielerei. Einen Text einzulernen und wiederzugeben, wäre am Anfang viel zu hölzern geworden. Das Spielen aus einem Moment heraus, der nicht ein Aufsagen ist, sondern eine Improvisation mit der Haltung Ich-bin-jetzt-Faymann-und-sage-das-mit-Faymanns-Stimme – das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit.

STANDARD: Wo könnte Maschek nicht "drüberreden"?

Hörmanseder: Nix drüberzureden gibt es prinzipiell über Menschen, die keine öffentliche Relevanz haben oder im wahrsten Sinne unschuldig sind. Oft hängt das mit Leid zusammen. Es gibt kaum etwas anderes, das man mit einem Flüchtlingskind erzählen kann. Es ist immer das Flüchtlingskind. (Michael Wurmitzer, 12.4.2016)

Peter Hörmanseder (geb. 1970 in Wels) und Robert Stachel (geb. 1972 in Wiener Neustadt) sind als Maschek bekannt für ihre synchronisierten Videoclips. Gegründet haben sie die Gruppe vor bald 20 Jahren gemeinsam mit Ulrich Salamun. Der Name leitet sich vom ungarischen "másik" her und bedeutet entgegengesetzte Seite oder Rückseite. Auf der Bühne fürs Fernsehen entdeckt wurde das Satiretrio 2005 von Alfred Dorfer für Dorfers Donnerstalk. Seit 2012 sind Hörmanseder und Stachel als Duo fixer Bestandteil von Willkommen Österreich. Dazu kommen Bühnenprogramme.

maschek.org

"Fake! In Wahrheit falsch" im Rabenhof-Theater

  • Die Medien sehen Robert Stachel (li.) und Peter Hörmanseder skeptisch. Das ist auch Berufsgrundlage der Drüberreder. Mit den Terroranschlägen von Paris hat das Sujet nicht zu tun.
    foto: rabenhof/katsey.org

    Die Medien sehen Robert Stachel (li.) und Peter Hörmanseder skeptisch. Das ist auch Berufsgrundlage der Drüberreder. Mit den Terroranschlägen von Paris hat das Sujet nicht zu tun.

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