"Merkel hätte sich nicht auf Erdoğans Seite stellen dürfen"

Interview12. April 2016, 05:30
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Satire dürfe alles, sagt "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. Er verteidigt Böhmermann und kritisiert Merkel

Wien – Am Donnerstag ist "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer in Wien, um im Rahmen der "Journalismustage" eine Keynote zu halten. Zuvor beantwortet er dem STANDARD via Mail Fragen zur geplanten Bezahlschranke bei "Spiegel Online", dem geleakten "Spiegel"-Innovationsreport und was Satire so alles darf.

STANDARD: Seit dem Jahr 2000 hat der "Spiegel" rund 70 Prozent seiner Anzeigen verloren, neue Online-Erlöse sollen einen Teil kompensieren. Wann installiert "Spiegel Online" die angekündigte Bezahlschranke und welche Erwartungen haben Sie?

Brinkbäumer: Wir sind digital schon jetzt erfolgreich: 50.000 digital verkaufte "Spiegel"-Hefte und ein höchst profitables "Spiegel Online" sind eine wunderbare Ausgangsbasis. Jetzt geht es uns darum, die exklusiven und besonderen "Spiegel"-Inhalte noch deutlich wirkungsvoller als bisher ins Digitale zu transportieren und dort dann schlauer als bisher unseren Journalismus zu verkaufen. Mit den Tests fangen wir in wenigen Wochen an, und dann werden wir sehen, wann es fehlerlos funktioniert.

STANDARD: Welche Teile wandern hinter die Bezahlschranke?

Brinkbäumer: Das Wort "Bezahlschranke" zählt nicht zu meinen Lieblingswörtern, weil es so rigoros und abweisend klingt. Wir wollen das großartige "Spiegel Online" ja nicht kaputtmachen und auch unsere Leser nicht davonjagen, sondern ihnen einen besonderen Journalismus anbieten, für den sie dann gern und auf unkomplizierte Weise bezahlen. Was neu für viele Medienhäuser ist: Experimentierfreude, Kritikfähigkeit, auch die Fähigkeit, sich auf die Wünsche der Leser und Kunden einzulassen. Generell wird es so sein, dass Nachrichten und Tagesaktualität eher kostenlos bleiben und Exklusives und der klassische, hochwertige "Spiegel"-Journalismus eher Geld kosten.

STANDARD: Gibt es ein Vorbild, an dem Sie sich hier orientieren? Zum Beispiel "New York Times" oder bild.de?

Brinkbäumer: Bild.de nicht, die "New York Times" schon eher. Sie hat früh verstanden, dass eine digitale Verkaufsstrategie etwas ganz anderes ist als die großen, alten Print-Zeiten: Die Angebote werden kleinteiliger, man probiert und verwirft viel schneller, man lernt täglich. Die "Financial Times" macht es gut, viele andere auch.

STANDARD: Ein zunehmendes Problem sind Adblocker. Mit welcher Strategie gehen Sie dagegen vor? Können Sie sich eine technische Lösung vorstellen, wie sie etwa Gruner+Jahr und Axel Springer vorexerzieren, um Inhalte vor Werbeverweigerern zu blockieren?

Brinkbäumer: Ja, ich kann mir das vorstellen, weil der Qualitätsjournalismus sich refinanzieren muss.

STANDARD: Immer mehr Medien beschränken ihre Foren oder drehen sie überhaupt ab. Geht damit ein Stück Meinungsfreiheit und Diskussionskultur verloren, wie Kritiker meinen, oder haben Medien einfach keine Möglichkeit, des Hasses Herr zu werden?

Brinkbäumer: Es braucht jedenfalls eine Moderation, weil wir antisemitische Äußerungen oder manches andere, das nicht tolerierbar ist, ja nicht einfach deshalb durchgehen lassen können, weil das Internet halt so liberal und offen ist. Wir versuchen im Moment übrigens den umgekehrten Zugang: Der "Spiegel" stellt sich der Diskussion, wir sind deutlich offener als früher, viel besser erreichbar, und die Erfahrungen sind gut. Die meisten Leser wollen eine ernsthafte Auseinandersetzung, und auf die lassen wir uns gern ein.

STANDARD: Eine heftige, emotionale Debatte ist der "Lügenpresse"-Vorwurf, mit dem Medien konfrontiert werden. Was macht der "Spiegel", um aus dieser Glaubwürdigkeitskrise herauszukommen?

Brinkbäumer: Wir machen weiter. Kein Medium sollte sich von Lügen und Verunglimpfungen einschüchtern lassen, und der "Lügenpresse"-Vorwurf ist beides, Verunglimpfung und Lüge. Wir suchen ganz und gar ernsthaft nach der Wahrheit und recherchieren so präzise, wie wir nur können. Der "Spiegel" ist frei und unabhängig, kein Politiker und kein Anzeigenkunde sagt uns, was wir zu schreiben haben. Und dennoch sollten sich Medien der Debatte stellen; schon deshalb, weil Fehler selbstverständlich vorkommen. Die müssen wir zugeben und erläutern.

STANDARD: Immer wieder taucht der Vorwurf auf, dass die Herkunft von Tätern verschwiegen wird. Sind Sie mit den Empfehlungen des Deutschen Presserats einverstanden, hier zurückhaltend zu agieren, oder wünschen Sie sich eine andere Regelung?

Brinkbäumer: Der Presserat weiß, was er tut, da muss ich keine Ratschläge geben. Und man kann die Herkunft eines Straftäters auch unaufgeregt nennen, also auf eine Weise, die nicht Rassismus und Xenophobie schürt. Bei mutmaßlichen Tätern, also vor einem rechtsgültigen Urteil, müssen Journalisten ohnehin zurückhaltend berichten.

STANDARD: Der "Spiegel" hat den Türkei-Korrespondenten aus Angst vor Repressalien abgezogen. Kapitulieren Sie vor Erdoğan, oder geht es nicht anders?

Brinkbäumer: Sehen Sie sich den vorletzten "Spiegel"-Titel an, "Der fürchterliche Freund", eine Erdoğan-Karikatur. Nein, natürlich schreiben wir weiter, aber für unseren Korrespondenten Hasnain Kazim wurde es in der Türkei gefährlich, und er konnte ohne die ihm verweigerte Akkreditierung schlicht nicht arbeiten.

foto: spiegel
"Spiegel" Nr. 14 / 2016 von Anfang April.

STANDARD: Heftig diskutiert werden die "Schmähkritik" von Jan Böhmermann und das Verhalten des ZDF. Darf Satire alles, oder ist Böhmermann zu weit gegangen?

Brinkbäumer: Satire darf alles, ja. Ich finde nicht alles gut, das tut vermutlich niemand, aber genau darum darf es ja eben nicht gehen: Die Freiheit der Kunst oder die Meinungsfreiheit dürfen nicht da enden, wo es wehtut. Kanzlerin Merkel hätte sich auf keinen Fall auf Erdoğans Seite stellen dürfen.

STANDARD: Was sagt es über ein Medienhaus aus, wenn ein Entwurf des "Spiegel"-Innovationsreports nach außen weitergegeben wird?

Brinkbäumer: Gar nicht so viel, jedenfalls nichts Schlimmes. Wir möchten aus dem "Spiegel" ein multimediales und hochmodernes Unternehmen machen, und dazu gehört, dass wir Schwächen erkennen und diskutieren. Chefredaktion und Geschäftsführung haben den Innovationsreport in Auftrag gegeben, und so etwas hat nur Sinn, wenn dann angstfrei Kritik geäußert wird. Ich mag diese Offenheit. Eine Indiskretion ist nie schön, weil sie Einfluss auf den internen Umgang hat. Aber in meiner Zeit als Chefredakteur war es die erste, wir arbeiten hier ja längst diskret und voller Kraft und Vertrauen zusammen.

STANDARD: Ein"Hilfeschrei" und "Weckruf" wurde der Report von Medienjournalisten genannt. Wie würden Sie ihn bezeichnen?

Brinkbäumer: Als engagiert, leidenschaftlich. Der Innovationsreport lobt nicht, und das war auch nicht seine Aufgabe. Er zeigt Probleme und Lösungswege, und das sollte er tun. Wissen Sie, die meisten "Spiegel"-Leute sind ehrlich stolz auf dieses Haus, es gehört ihnen, es ist unser aller "Spiegel", und er ist das beste Medium Deutschlands. Ich kann mich über Debatten und Selbstkritik wirklich nicht aufregen, beides ist ganz gesund.

STANDARD: Wenn Ihnen ein solcher Bericht eines Medienhauses zugespielt worden wäre: Wie hätte die Schlagzeile des "Spiegel" dazu gelautet?

Brinkbäumer: (lacht) Ich hätte ihn jedenfalls erst einmal gelesen und hinterher die Schlagzeile formuliert. Manche Medienjournalisten schreiben lieber wütende Texte, ohne den Gegenstand ihrer Berichterstattung zu kennen.

STANDARD: Sie meinten in einer ersten Stellungnahme, dass Sie nicht mit allen Kritikpunkten übereinstimmen. Welche teilen Sie?

Brinkbäumer: Verzeihen Sie mir, aber die öffentlich diskutierte Fassung ist ein Entwurf und einige Monate alt. Die inhaltliche Diskussion führen wir hausintern.

STANDARD: Im Report werden auch die zahlreichen unterschiedlichen Marken kritisiert – mit 37 Logos der "Spiegel-Firmengruppe". Ihre Meinung dazu?

Brinkbäumer: Zunächst einmal ist es eine Freude, dass der "Spiegel" so viele erfolgreiche Tochterblätter und -unternehmen hat, aber wie gesagt: Wir lesen den Innovationsreport, diskutieren ihn und treffen unsere Entscheidungen; und all das hausintern.

STANDARD: Dem Zeit-Verlag steht womöglich ein Streik der Online-Redakteure ins Haus. Auch beim "Spiegel" gibt es Differenzen zwischen Online- und Printredaktion. Wann werden die Onliner gleich viel verdienen wie die Printkollegen? Ist das ein Ziel?

Brinkbäumer: Das wesentliche Ziel ist, das ganze Unternehmen "Spiegel" so kraftvoll auszurichten, wie es nur eben geht. Dazu gehören perfektes Zusammenspiel und perfekte Strukturen, und Ungerechtigkeiten helfen dabei natürlich nicht.

STANDARD: Generell hat man das Gefühl, als sei man beim "Spiegel" noch recht weit von einer gemeinsamen Kultur, einem An-einem-Strang-Ziehen entfernt. Stimmt dieses Gefühl, oder täuscht es?

Brinkbäumer: Oh ja, klar, das täuscht. Sie hören schon lange nichts mehr von Streit zwischen Online und Print, oder? Den "Spiegel" und nicht die "Zeit" betreffend, meine ich? Mein Kollege Florian Harms und ich vertrauen einander, weil jeder um die Stärken des anderen weiß, und das Gleiche gilt für die Redaktionen. Bei all den großen Projekten der vergangenen 15 Monate, den großen Enthüllungen ebenso wie den akuten Kriseneinsätzen, hat das ganze Haus Hand in Hand zusammengearbeitet. Wir können das erstaunlich gut. (Oliver Mark, Astrid Ebenführer, 12.4.2016)

Klaus Brinkbäumer (49) wechselte 1993 von "Focus" zum "Spiegel", wo er zunächst für die Ressorts Sport, Deutschland, Ausland und Gesellschaft arbeitete, um später als Korrespondent aus New York zu berichten. 2011 wurde er als Textchef Mitglied der Chefredaktion und stellvertretender Chefredakteur. Mit Jänner 2015 avancierte er zum Chefredakteur des Nachrichtenmagazins und zum Herausgeber von "Spiegel Online".

Link
journalismustage.at

Nachlese
"Spiegel" legt internen Innovationsbericht vor

  • "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer ist am Donnerstag zu Gast bei den "Journalismustagen" in Wien.
    foto: apa/dpa/christian charisius

    "Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer ist am Donnerstag zu Gast bei den "Journalismustagen" in Wien.

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