"#OnTheRoad": Fragen zum besseren Leben

10. April 2016, 16:29
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Das Walktanztheater spielt im Druckwerk

Lustenau – Ein paar Päckchen Zigaretten werden im Lauf dieses Theaterabends aufgeraucht. Freilich pantomimisch. Die junge Kopftuchträgerin, die einen Abriss der Geschichte türkischer Migration präsentiert, pafft genauso wie der übermüdete Fahrer auf der Gastarbeiterroute, der kurz austritt. #OnTheRoad ist man nicht nur im Nachstellen der Touren in die Heimat, als Autofenster noch gekurbelt wurden. 22 junge Leute aus unterschiedlichen Ausbildungs- und Herkunftszusammenhängen recherchierten in Hohenems und Lustenau, in Kaynashli, Ayancik und Sinop.

Aufgeführt wird die Produktion im Druckwerk, einer ehemaligen Stickerei. Auf zwei Etagen lässt Brigitte Walk Hallen, Ausstellungs-, Verwaltungs- und Lagerräume bespielen, teilweise parallel: Im einen Zimmer pochen Mädchen auf Frauenrechte, nebenan liest man, untermalt von Klängen der Langhalslaute und der Schreibmaschine, Kundeyt Surdum vor.

Der Hebel-Preisträger lebt seit Anfang der Siebzigerjahre in Vorarlberg, seine deutsch verfasste Lyrik kreist um Fragen der Identität. Alle anderen Texte sind nicht Dichtung, sondern Wahrheit, besser: Wirklichkeit. Gespräche im Rheintal und an der Schwarzmeerküste grundieren Lebensgeschichten (Schreibwerkstatt: Brigitte Herrmann).

"Füre, zruk, ume, dure ..."

Von Sprachproblemen ist die Rede. Ein Vorarbeiter lernt seine Partie an: "Füre, zruk, ume, dure ...", die Truppe ahmt nach – das ist nicht Türkisch, sondern Dialekt. Choreografien (Anne Thaeter) balancieren Kollektives und Individuelles aus, gemeinsam sind den Menschen in Bewegung auch altmodische braune Koffer (Elisabeth Pedross).

Bayram Özer projiziert Fotos aus Alben und Archiven, die Vornamen aller Mitwirkenden plus Eltern sowie eine bunte Zeichentricksequenz nach Karagöz, dem türkischen Figurentheater schlechthin, in dem die Schatten der Jugendlichen mitmischen.

Integration changiert zwischen Möglichkeit und Möglichkeitsform: "Wenn man sich interessiert hatte ...", berichtet eine Erzählerin – "Hätte ...!", fällt man ihr ins Wort. Es gibt Widerspruch: "... hatte!"; es folgt gefolgt Korrektur mit Nachdruck: " ... hätte!"

Leitmotivisch wirkt die Idee vom besseren Leben. Wo ist es? Am Ort von Arbeit und Geld? Da, wo Familie ist? Dort, wo sie herkommt? Und wer bestimmt? Nicht nur im Stück werden Menschen herumgeschoben, ungeachtet dessen, ob auch sie selbst der Meinung sind, der zugewiesene sei "der beschte Platz". (Petra Nachbaur, 10.4.2016)

#OnTheRoad, bis 14. 4.

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