Attacken auf alle Sinne: Tony Conrad gestorben

10. April 2016, 14:40
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Der Underground-Filmemacher und Drone-Musiker wurde 76 Jahre alt

New York – Soundkünstler, Filmemacher, Video-Artist, Komponist, Lehrer – was war Tony Conrad eigentlich nicht? Der 1940 in Concord, New Hampshire, geborene Sohn eines Malers war einer jener Universalisten, der seine Energien nicht auf eine Disziplin zu bündeln vermochte. "Sie mögen mich nicht kennen", sagte Conrad, der im Umkreis von Leuten wie Andy Warhol, Jack Smith und John Cale gewirkt hat, vergangenes Jahr dem Guardian: "Aber indirekt haben sich die Dinge, die ich gemacht habe, auch auf Sie ausgewirkt."

Das ist keineswegs eine Übertreibung. Über ein Mathematikstudium in Harvard kam Conrad mit den musikalischen Erneuerungsideen eines John Cage und Karlheinz Stockhausen in Kontakt. Anfang der 1960er-Jahre ging er zu La Monte Young nach New York, um selbst Musik zu machen. Als Violinist fand er in der Avantgardeszene der Lower East Side rasch Anschluss, um auf der Bühne stundenlang einzelne Intervalle zu zelebrieren.

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Auch für Jack Smiths filmischer Feier sexueller Ambiguität, Flaming Creatures, besorgte Conrad die Musik. Mit The Flicker fertigte er dann selbst ein Aushängeschild des strukturellen Films, der pulsierende Wechsel zwischen schwarzen und weißen Frames erzeugt darin einen hypnotisierenden Effekt (am Anfang warnt ein Insert vor möglicher Gesundheitsgefährdung).

Gemalte "Kinoleinwände"

Mit Lou Reed und John Cale spielte Conrad, bevor sie The Velvet Underground aus der Taufe hoben – das gleichnamige S/M-Buch von Michael Leigh ist bei ihm in der Wohnung herumgelegen. Mit seiner Yellow Movie-Serie, heute Teil der MoMA-Sammlung, überholte er hinsichtlich der Filmdauer noch Warhol: Seine gemalten "Kinoleinwände" sollten ein Leben lang brauchen, um ihre Gelbtöne voll zu entfalten.

In den 1970er-Jahren kehrte Conrad zur Musik zurück, mit der Krautrock-Band Faust realisierte er das einflussreiche Album Outside the Dream Syndicate, das minimalistische Drone-Klänge mit einem monotonen Beat zusammendachte. Noch Ende 2014 präsentierte der bis zuletzt aktive Künstler eine Installation in der Kunsthalle Wien. Am Samstag ist Tony Conrad, der an Prostatakrebs litt, in New York gestorben. (Dominik Kamalzadeh, 10.4.2016)

  • Tony Conrad mit seinem bevorzugten Instrument, der Violine.
    foto: archiv

    Tony Conrad mit seinem bevorzugten Instrument, der Violine.

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