Mindestsicherung für Jugendliche – eine Problemzone

Blog10. April 2016, 13:34
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838 Euro im Monat macht es jungen Männer leichter, ihre Lehre hinzuschmeißen – mit dem Risiko von Kriminalität und Radikalisierung

Wenn man im neuen Profil die Titelgeschichte über Wiener Jugendbanden liest, sticht ein Muster in den Biografien vieler jungen Bandenmitgliedern ins Auge: Abgebrochene Lehre, Mindestsicherung, Herumlungern in Parks, Abgleiten in die Kriminalität.

Die beschriebenen jungen Männer im Alter zwischen 15 und 21 mit Migrationshintergrund hatten eine Chance auf eine Lehrstelle, doch haben sie die Lehre irgendwann abgebrochen. Das ist ein höchst ungünstiger, möglicherweise katastrophaler Bruch in einem jungen Leben, der meist nur möglich ist, weil sie auf die Mindestsicherung zurückfallen können.

Besser als eine Lehrstelle

838 Euro im Monat ist nicht viel Geld zum Leben; für einen jungen Menschen, der noch bei den Eltern leben kann, ist das nicht gar nicht wenig. In einer Lehre verdient man auch nicht mehr. Kein Wunder, dass sich viele Jugendliche, und vor allem Männer, die Mühen einer geregelten Arbeit angesichts dieser Option nicht antun.

Und es sind viele: In Wien bezogen vor einem Jahr 22.500 Menschen unter 25 Mindestsicherung. Laut Profil sind es jetzt ein Viertel aller 20- bis 24-jährigen Männer.

Schwierig, später Fuß zu fassen

Nicht alle, die in diesem Alter Mindestsicherung beziehen, bleiben darin stecken, nicht alle werden kriminell. Aber das Risiko ist groß – für sie und für die Gesellschaft. Wer als junger Mensch nicht zu arbeiten lernt, hat es später im Leben viel schwieriger, im Berufsleben Fuß zu fassen und ein geregelte Existenz aufzubauen.

Anders als in vielen anderen europäischen Ländern gibt es in Österreich nur wenig Jugendarbeitslosigkeit. Fast jeder, der will, findet eine Lehrstelle, zumindest in einer überbetrieblichen Lehrwerkstätte. Aber die Mindestsicherung hält zu viele davon ab, eine Lehre durchzuziehen und einen anfangs schlecht bezahlten Job anzunehmen.

Stadt Wien will in Einzelfällen kürzen

Die Stadt Wien hat vergangenes Jahr versprochen, mehr zu tun, damit junge Mindestsicherungsbezieher auch tatsächlich Arbeit suchen – indem man sie mehr unterstützt und ihnen schrittweise das Geld kürzt, wenn sie sich nicht beim AMS melden. Aber das dürfte bei jenen, die keinen echten Willen zum Arbeiten haben, nicht viel nützen. Denn die möchte ohnehin kein Betrieb nehmen.

Gefahr der Radikalisierung

Die laufende Debatte über mögliche Einschränkungen bei der Mindestsicherung sollte sich weniger auf Flüchtlinge als auf solche Jugendliche konzentrieren. Es geht nicht darum, junge Menschen zu einem Leben in bedrückender Armut zu verdammen, sondern zu verhindern, dass Arbeitslosigkeit und Mindestsicherung von Anfang an ihr Leben bestimmen.

Geschieht hier nichts, züchtet man eine Generation junger Männer heran, die im besten Fall ein Leben der Langeweile mit Hang zur Kriminalität führen – im schlechtesten Fall aber für jene Radikalisierung offen sind, die in Paris und Brüssel aus Mitbürgern Terroristen gemacht hat. (Eric Frey, 10.4.2016)

  • Ein Viertel aller Männer 20- bis 24-Jährigen bezieht in Wien Mindestsicherung
    foto: apa / barbara gindl

    Ein Viertel aller Männer 20- bis 24-Jährigen bezieht in Wien Mindestsicherung

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