Transsexuelle Spielfigur: Wütende Gamer fordern Entlassung von "Baldur's Gate"-Autorin

9. April 2016, 12:06
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Beleidigungen und Drohungen – Entwicklerstudio und Serienschöpfer stellen sich hinter die Schreiberin

Manche Videospiele erfreuen sich auch Jahrzehnte nach ihrem erstmaligen Erscheinen großer Beliebtheit und einer lebendigen Community. Ein solcher Fall ist auch das Rollenspiel "Baldur's Gate". Der 1998 von Black Isle entwickelte Titel hat erst Ende März eine neue Erweiterung unter dem Titel "Siege of Dragonspear" erhalten.

Diese bringt Entscheidungen hinsichtlich Handlung und Charakteren mit, die in einem reaktionären Spieleraufstand gegipfelt sind. Weil sie eine transsexuelle Spielfigur erschaffen hat, versuchen nun einige Spieler die Entlassung der Autorin Amber Scott zu erzwingen.

Kontroverse um transsexuelle Klerikerin

Im Rahmen der Handlung trifft man in "Siege of Dragonspear" auf eine Figur namens Mizhena. Diese wurde als Junge geboren, fühlt sich aber "in Wahrheit als Frau", beschreibt Polygon. Einige der Kritiker, die das Game auf Gog.com und Steam mit negativen Wertungen eingedeckt haben, beklagen "politische Korrektheit" und "LGBT-Propaganda". Es wurde gar die Sorge geäußert, dass Mizhena das Ansehen der alterwürdigen Abenteuer-Reihe gefährde.

Ebenfalls Anstoß genommen wird an einer Veränderung der Charakterin Safira. Diese gibt sich nun deutlich weniger flirtlustig, was Scott gegenüber Kotaku damit begründete, dass man sie nicht weiterhin als reines Sexobjekt präsentieren wolle. In der Kritik steht das Spiel allerdings auch aufgrund technischer Defizite, etwa Abstürze, Fehler im Multiplayermodus und Änderungen am Interface.

foto: screenshot

Seitenhieb auf Gamergate

Die Entwickler der Erweiterung, Beamdog Studios, trugen in der entbrannten Debatte nicht unbedingt zur Glättung der Wogen bei. Sie erklärten, dass ein guter Teil der negativen Kritiken ausschließlich auf Intoleranz basierten und es bei einem Spiel wie diesen doch eigentlich um den "heldenhaften Ethos" der Charaktere gehen solle, was sich als Anspielung auf die große Gamergate-Kontroverse verstehen lässt.

Die Bewegung Gamergate schrieb sich den Kampf für Transparenz und Ethik im Spielejournalismus auf die Fahnen, machte aber bald hauptsächlich durch Hasskampagnen Schlagzeilen, die sich hauptsächlich gegen Aktivistinnen, Journalistinnen und Entwicklerinnen richteten. Die Entwickler selbst riefen Gamer, denen die Erweiterung gefalle, dazu auf, positive Kritiken zu hinterlassen, um ein Gegengewicht zur "lauten Minderheit" herzustellen.

foto: baldur's gate

Ruf nach Entlassung

Auch Amber Scott ist nun im Visier einer Kampagne. Sie wird unter anderem via Twitter mit zahlreichen Drohungen eingedeckt. Ihren Gegnern geht es offenbar darum, ihre Entlassung zu erwirken. Man habe schon Alison Rapp zu Fall gebracht und werde es auch hier schaffen, so die Botschaft. Rapp war bis vor kurzem noch Mitarbeiterin bei Nintendo. Sie hatte Sexismus in der Games-Branche thematisiert, um den Grund ihrer Entlassung – laut Nintendo eine nicht gemeldete Nebentätigkeit – hat sich eine Kontroverse entsponnen.

Rückendeckung für Autorin

Scott erhält allerdings Rückendeckung. Beamdog-Gründer Trent Oster räumt zwar ein, dass man Mizhena besser ins Spiel hätte integrieren können – zumal die Figur den Spieler sehr unmittelbar mit ihrer sexuellen Identität konfrontiert – und das Charakterdesign in "Siege of Dragonspear" allgemein noch Feintuning benötige, grundsätzlich begrüße er aber die Arbeit seiner Mitarbeiterin. Mizhena soll nun als Charakter ausgebaut werden und könnte in Zukunft sogar in die Heldenriege des Spielers rekrutiert werden.

Auch Ed Greenwood, Erfinder des "Forgotten Realms"-Szenario, in welcher "Baldur's Gate" angesiedelt ist, kann die große Aufregung nicht nachvollziehen. Es handle sich um eine magische Welt, in der es auch Halb-Elfen und Halb-Orks gäbe, über deren Entstehung sich auch niemand mockiere. Dazu sei es auch durch im Spiel benutzbare Zauber und Gegenstände für Helden möglich, ihr Geschlecht zu wechseln. (gpi, 09.04.2016)

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