Grimme-Direktorin nimmt Satiriker Böhmermann in Schutz

8. April 2016, 23:08
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"Wir haben zu Recht ein Grundgesetz, das die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit und die Kunstfreiheit schützt"

Marl – Die Debatte um die Erdogan-Satire des TV-Satirikers Jan Böhmermann hat auch bei der Verleihung der Grimme-Fernsehpreise am Freitagabend im westfälischen Marl Wellen geschlagen. Böhmermann war ein Grimme-Preis für seine Satire um den Mittelfinger des griechischen Ex-Finanzministers Gianis Varoufakis zuerkannt worden.

Nach massiver Kritik an seiner Erdogan-Satire hatte er am Vormittag seine persönliche Teilnahme an der Verleihung in Marl jedoch abgesagt. Die Direktorin des Grimme-Instituts, Frauke Gerlach, nahm Böhmermann in Schutz. "Wir haben zu Recht ein Grundgesetz, das die Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit und die Kunstfreiheit schützt", sagte sie zu Beginn der Gala. Die Grenze für Satire sei weit. "Es besorgt mich sehr, mit welcher Hitzigkeit die Debatte geführt wird. Ich würde mich freuen, wenn die ganze Debatte wieder versachlicht würde." Persönliche Anfeindungen könne man nicht tolerieren. "Das ist ein Signal, das wir hier geben wollen."

Staatsanwaltschaft ermittelt

Böhmermann steht seit Tagen im Fokus wegen seiner "Schmähkritik" über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Die Mainzer Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Satiriker, weil er in seiner Sendung "Neo Magazin Royale" vor gut einer Woche in dem Gedicht über Erdogan mit Begrifflichkeiten unterhalb der Gürtellinie gearbeitet hatte. Zuvor hatte das NDR-Magazin "extra 3" eine Satire über Erdogan ausgestrahlt, in der dessen Vorgehen gegen Medien, Demonstranten und Kurden auf die Schippe genommen wird.

Ein Schüler hatte vor der Verleihung am roten Teppich vor dem Theater Marl ein Plakat hochgehalten, auf dem ein Porträt Böhmermanns mit dem Wort "Vermisst" überschrieben war. Der Schauspieler Max Mauff, der am Abend für seine Darstellung im ZDF-Film "Patong Girl" einen Grimme-Preis erhielt, nahm das Schild und posierte damit vor den Kameras.

"Besondere Ehrung"

Der Deutsche Volkshochschul-Verband hat Böhmermann eine weitere Auszeichnung zuerkannt. Für seine Verdienste um die Entwicklung des Fernsehens in der digitalen Welt erhielt er am Freitagabend im westfälischen Marl bei der Verleihung der Grimme-Fernsehpreise die "Besondere Ehrung" des DVV.

Diese wird alljährlich bei der Grimme-Preis-Gala verliehen. Die Entscheidung für diese Auszeichnung sei bereits im November vergangenen Jahres gefallen, sagte die DVV-Präsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), die auch saarländische Ministerpräsidentin ist.

Die DVV-Präsidentin äußerte sich auch zu dem umstrittenen Gedicht: "Dieses Gedicht hat sicherlich die Grenzen des guten Geschmacks verletzt und ist sicher alles andere als Grimme-Preis würdig." Aber das ändere nichts an Böhmermanns Qualitäten und Leistungen für eine offene, mutige und demokratisch-gelassene Medienwelt. "Deshalb ist diese Ehrung verdient."

In einer Zeitschrift zur diesjährigen Grimme-Preis-Verleihung heißt es über Böhmermann: "Sein erklärtes Ziel ist es, Inhalte nicht bloß gedankenlos zu konsumieren; die Zuschauer sollen sich im Idealfall nachhaltig mit der Thematik beschäftigen."

Insgesamt wurden 15 Grimme-Preise vergeben, überwiegend an Produktionen der öffentlich-rechtlichen Sender. Aber auch einige Formate der Privatsender waren dabei, "Weinberg" stammt sogar vom Abonnentenkanal TNT Serie. Erstmals wurden Preise für Kinder- und Jugendproduktionen sowie für besondere journalistische Leistungen verliehen. (APA, 8.4.2016)

  • Jan Böhmermann droht eine Haftstrafe.
    foto: apa/dpa/pedersen

    Jan Böhmermann droht eine Haftstrafe.

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