Günter Brus: Freundschaft und Kunst im Exil

8. April 2016, 21:20
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Schau über Berliner Jahre des Künstlers im Grazer Bruseum

Graz – Tischtücher, Tapeten, Rechnungsblöcke, ein Stammtischbuch: Oswald und Ingrid Wieners Lokal Exil in Berlin war voll von Dingen, die mit Kunst überzogen wurden. Unentwegt sprudelte die Kreativität der Gäste Günter Brus, Gerhard Rühm, Dieter Roth, Dominik Steiger, Christian Ludwig Attersee, Markus Lüpertz, aber auch Joseph Beuys, der den finanziellen Grundstein für das Beisl legte. Rückblickend ist es jammerschade, dass nicht alles erhalten blieb.

Exil hieß für Günter Brus ab 1969 nicht nur ein Stammlokal. Tatsächlich musste er mit Frau und Kind aus Wien fliehen, weil ihm wegen einer Kunstaktion Haft drohte. Tiefe Freundschaften und ein Stück Kunstgeschichte entstanden in diesen Jahren. Einen Ausschnitt zeigt nun, kurz nach der Eröffnung der großen Brus-Schau im Martin-Gropius-Bau Berlin die Ausstellung Das gute alte West-Berlin im Bruseum.

Kurator Roman Grabner kann auf den riesigen Vorlass von Brus zurückgreifen, zeigt aber auch viele Leihgaben privater Sammler. Rund 80 Prozent wurden noch nie publiziert, darunter sind ganz bemerkenswerte Einzelarbeiten der erwähnten Künstler und viele Gemeinschaftsarbeiten. Bunte Blätter, auf denen verschiedene Striche und Schriften verschmelzen.

Nicht nur im Lokal Exil, dem ein eigener Raum in der Schau gewidmet ist, fand die Kunst der illustren Schar statt, auch in Publikationen und per Post. Etwa in der Schastrommel, erst von Otmar Bauer, Hermann Nitsch, Rühm und Wiener als Zentralorgan der "Österreichischen Exilregierung" gegründet, später eine wichtige Kunstpublikation. Ihr folgten die Edition Hundertmark und die wie Flugblätter gedruckten Gedanken.

Brus und Rühm widmeten sich – vertraglich auf Bierzetteln fixiert – 1974 zwei Monate lang gegenseitig alles, was sie schufen. Mit Wiener produzierte Brus einen bisher nie gezeigten Trickfilm, Attersee und Brus schickten sich per Post Blätter hin und her und vervollständigten sie so.

Die Ausstellung würdigt auch die wenigen Künstlerinnen aus dem Umfeld der Männer: die verstorbene Andrea Tippel, die Malerin und Videokünstlerin Dorothy Iannone. Großartig sind die Filme von Margaret Raspé, die mit Kopfkamera filmte, was sie 1971 außer Kunst so machte: Schnitzel panieren, Hühner rupfen und Geschirr spülen. (Colette M. Schmidt, 8.4.2016)

  • Ein Juwel: Brus zeichnete sich als Kafka, Rühm als dessen Mutter.
    foto: universalmuseum joanneum / j. j. kucek

    Ein Juwel: Brus zeichnete sich als Kafka, Rühm als dessen Mutter.

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