Julya Rabinowich: Rumwursteln und Dahinpratern

Kolumne8. April 2016, 17:00
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Der Prater als Überraschungsei zwischenmenschlicher Möglichkeiten – auf die nächsten 250 Jahre

Der Wiener Prater ist betörender Beweis des einsetzenden Klimawandels. Wo früher im Mai Bäume blühten, blühen sie seit zwei Jahren im April. Wenn die patriotisch roten und weißen Blüten dann in adretten Schneehauberln daherkommen, weiß man: Nix ist fix, schon gar nicht das Wetter.

Beständiger ist das Vorkommen diverser Exhibitionisten. Wenn die da sind, ist auch der Sommer endgültig da. Vor der Kastanienallee mit ihren beeindruckend hohen Stempeln verblasst allerdings jeder Versuch, Opfer zu erschrecken. Die Bäume hängen voller Phalli.

Hier fand der Höhepunkt des "Dritten Mannes" in einer schwankenden Kabine des Riesenrades statt, Jelineks Klavierspielerin ging, mit Nachtsichtgerät bewaffnet, auf Pärchenjagd. Die Hundezone stellt einzigartiges Auslaufpotenzial dar, und wer auf Mehrfachherausforderung steht, kann die selbsternannte Begegnungszone – jene Straße, die sich von der Jesuitenwiese hin zum Epplwasser zieht und eine Hauptschlagader diverser Konflikte darstellt – aufsuchen: mit Kind oder Fahrrad oder Hund. Am besten mit allem. Kontaktaufnahme garantiert. So oder so.

Der Prater ist überhaupt ein Überraschungsei zwischenmenschlicher Möglichkeiten. Hier haben wir Babys ausgeführt, mit den Schwiegereltern von der "Wilden Maus" aus auf Passanten gekotzt, geküsst, gebrüllt, geheult und gelacht. Möge es so nochmal 250 Jahre bleiben. Bitte. (Julya Rabinowich, 8.4.2016)

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