Journalismus nahe am Leser

9. April 2016, 08:00
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Internationale journalistische Projekte zeigen, wie man bestimmte Bevölkerungsgruppen gezielt ansprechen und in die Berichterstattung einbinden kann

Perugia – USA-Reisende oder aufmerksame Seher von US-Serien und -Filmen kennen die typischen schwarz-weißen Werbetafeln, die man in der amerikanischen Provinz an jedem Straßenrand antrifft: "Wir verkaufen Ihr Haus" oder "Wir bieten Ihnen die Möglichkeit, von zu Hause aus Geld zu verdienen" ist darauf zu lesen, darunter eine Telefonnummer. Diese kurze und knappe Aufforderung zur Kommunikation hat Lokaljournalisten aus New Jersey inspiriert: Sie fragen Passanten nach Themen, die sie interessieren und die sie gerne in ihrer Zeitung lesen würden. Sie hoffen, dass sie mit den Anzeigetafeln andere Menschengruppen erreichen als jene, die die online-typischen Möglichkeiten der Interaktion nutzen wollen und können.

Von dem einfallsreichen Beispiel aus New Jersey erzählte am Freitag in Perugia der Journalist und Berater Josh Stearns, dessen Organisation The Local News Lab Lokaljournalisten unter anderem dabei unterstützt, neue Lesergruppen zu gewinnen und die Leserbindung zu stärken.

Vertrauen aufbauen

"Nah am Leser berichten" und "den User einbinden" sind mittlerweile Gemeinplätze des Journalismus geworden. Will das einzelne Medium, der einzelne Journalist diesem Imperativ folgen, sind neue und innovative Ideen gefragt, denn der Wille des Lesers, bei einer Stammzeitung zu bleiben, schwindet ebenso wie das Vertrauen in die Mainstream-Medien im Allgemeinen.

Wenn es um bestimmte gesellschaftliche Themen und Phänomene geht, ist das Vertrauen in etablierte Medien, seien es die großen Häuser oder Lokalzeitungen, besonders erschüttert. Polizeigewalt in den USA ist so ein Thema. Die Medien berichteten in den letzten Jahren aufgeregt von den Morden an jungen schwarzen Männer und auch von den anschließenden Protesten, aber eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema fehlt vielerorts. Das liege unter anderem daran, dass es in den USA keine gezielte und strukturierte Dokumentation dieser Tötungen gebe, erklärte Mary Hamilton, beim britischen "Guardian "für Leserkontakte zuständig. Hamilton startete mit ihrem Team das Projekt "The Counted".

Tote zählen

"The Counted" zählt, so wie der Name sagt, die Opfer von Polizeigewalt in den USA. Mithilfe von Journalisten vor Ort, aber vor allem mithilfe von Verwandten und Freunden der Toten sowie von Aktivisten werden Namen und Fotos der Getöteten registriert. Eine kurze Beschreibung des Falles sowie etwaige bereits veröffentliche Medienberichte liefert "The Counted" auch.

Neben Journalisten, die vor Ort in den USA recherchieren, setzen Hamilton und ihr Team vor allem auf Kommunikation über Facebook. Hier liefern sie auch Infos über ihre Methoden und bitten um Informationen. "In einigen schwarzen Communitys in den USA herrscht großes Misstrauen gegenüber Medien. Wir als eine renommierte Zeitung aus Großbritannien kommen leichter an die Menschen und ihre Geschichten heran", sagt Hamilton.

Angst vor Flüchtlingen

Den umgekehrten und, wie es scheint, härteren Weg muss Larry Moore Macaulay gehen: Er hat jede Menge Geschichten, die er unbedingt einem größeren Publikum erzählen will, doch lange fand er kein Gehör bei den etablierten Medien. Macaulay, Gründer und Chefredakteur des Refugee Radio Network (RRN), hat sich zur Aufgabe gemacht, "der Angst, die zwischen den Flüchtlingen und den Rest der Gesellschaft steht", mit journalistischen Methoden zu begegnen. Unzufrieden mit der Berichterstattung über die Flüchtlinge und die damals beginnende Flüchtlingskrise, begann er mit anderen Flüchtlingen, direkt aus den Flüchtlingscamps zu berichten.

Facebook und andere soziale Medien sind für jene, die in den Flüchtlingscamps sitzen, das einzige Fenster zur Welt, erklärt der Journalist und Aktivist Macaulay. Mit seinem Radioprojekt will er diese Menschen vernetzen und ihnen eine Stimme geben, aber vor allem der Mehrheitsbevölkerung vermitteln, "wer wir sind und wieso wir da sind", so Macaulay.

Menschen und Profis

Refugee Radio Network (RRN) streamt 24 Stunden live im Internet, und zwei Jahre nach seiner Gründung hat das Flüchtlingsradio auch Programmfenster in sieben sogenannten Freien Radios in Deutschland. Große Medienhäuser wie Al Jazeera oder die Deutsche Welle laden Macaulay und seine Kollegen mittlerweile auch als Experten in ihre Sendungen ein. "Es war ein langer Weg, bis wir als Menschen, aber auch als journalistische Profis wahrgenommen und akzeptiert wurden", erzählt Macaulay. (Olivera Stajić, 8.4.2016)

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  • Das Projekt "The Counted" vom britischen "Guardian".
    foto: screenshot /the guardian

    Das Projekt "The Counted" vom britischen "Guardian".

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