Zweiter Weltkrieg: Polnisches Gedenken mit Misstönen

10. April 2016, 09:00
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Ein Museum für jene Polen, die einst jüdischen Mitbürgern halfen, wird von der Regierung für eine geschichtspolitische Offensive benutzt

Ein paar Dorfbewohner stehen scheu am Straßenrand, als die Limousinen vorfahren. Hoher Besuch hat sich angesagt in der 4000-Seelen-Gemeinde Markowa im polnischen Vorkarpatenland. Staatspräsident Andrzej Duda wird hier am Abend ein Museum eröffnen: das "Museum der Polen, die Juden retteten".

Auf der Dorfstraße drängen sich hunderte geladene Gäste – Vertreter von Regierung und Parlament, jüdische und katholische Würdenträger, Abgesandte der Armee. In den Gesichtern der Anrainer spiegelt sich Skepsis, aber auch eine gute Portion Stolz auf ihr Markowa, das zum Symbol von Mut und Menschlichkeit in den Jahren der nationalsozialistischen Besatzung wurde. Mut und Menschlichkeit, die viele mit dem Leben bezahlten.

Im März 1944 ermordeten hier deutsche Feldgendarmen und Angehörige der Blauen Polizei, einer von den Deutschen aufgestellten polnischen Einheit, acht Juden, die im Haus der Familie Ulma Unterschlupf gefunden hatten. Danach erschossen sie den Bauern Józef Ulma, seine Frau Wiktoria und die sechs Kinder des Paares. Dasselbe Schicksal wie die Ulmas erlitten auch rund tausend andere Polen, die ihre jüdischen Mitbürger nicht der Mordmaschinerie der Nazis überlassen wollten.

Markowa liegt im südöstlichen Zipfel Polens. Nach Westen sind es 170 Kilometer bis Krakau, nach Osten nur 120 ins heute ukrainische Lwiw (Lemberg). Am Tag der Museumseröffnung Mitte März aber rückt Markowa ganz ins Zentrum. Das Dorf ist jetzt ein Ort des Gedenkens an die Nazigräuel in Osteuropa – und an jene Polen, die sich ihnen trotz Todesdrohung widersetzten.

Chronist des Alltags

Manche Fotos vom früheren Leben in Markowa stammen von Józef Ulma selbst. Der Obstbauer, der sich nebenbei der Imkerei und der Seidenraupenzucht widmete, war auch technisch interessiert: Er betrieb eine kleine Windmühle zur Stromerzeugung und war der Erste im Dorf, der seine Öllampen durch elektrisches Licht ersetzte. Und er war ein leidenschaftlicher Fotograf, der zum Chronisten des Alltags und der Feste seiner Gemeinde wurde.

Andere Bilder zeigen die Verstecke, in denen polnische Juden Unterschlupf fanden: Dachkammern, Keller, den Glockenstuhl einer Kirche, einen hohlen Baum. Das Museum kommt weitgehend ohne nationales Heldenpathos aus. "Nur manche Polen" hätten Juden geholfen, heißt es auf einer Schautafel.

Es war ein Pole, der die wohlhabende jüdische Familie im Haus der Ulmas denunzierte. Zuvor hatte er sie gegen Bezahlung bei sich selbst untergebracht, ihr Eigentum an sich gerissen, sie danach auf die Straße gesetzt und schließlich verraten. An den Erschießungen in Markowa war er als Angehöriger der Blauen Polizei sogar persönlich beteiligt.

So etwas nicht zu verheimlichen, gehört zur historischen Hygiene einer Gesellschaft. Das Museum versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden; die politische Begleitmusik unter dem Taktstock von Polens nationalkonservativer Führung aber klingt anders.

Präsident Duda, der aus den Reihen der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) kommt, erklärte bei seiner Eröffnungsrede die Würdigung polnischer Retter zum Gebot der "historischen Fairness".

Auch PiS-Chef Jarosław Kaczyński ist Akteur der aktuellen geschichtspolitischen Offensive, in der Imagepflege wichtiger erscheint als differenzierte Auseinandersetzung: Polen müsse sich gegen finstere Lügen verteidigen, die in "verschiedenen Ländern" und "manchen Kreisen" häufig zu hören seien, zitierte ihn am Tag nach der Eröffnung die Tageszeitung "Gazeta Wyborcza".

Festhalten am Ideal

Wer am Idealbild der Historie kratzt, gerät schnell in die Defensive. Der polnisch-amerikanische Historiker Jan Tomasz Gross, der seine Heimat im Zuge antisemitischer Säuberungen im Jahr 1969 verlassen musste und in seinen Büchern auch polnischen Antisemitismus zur Sprache bringt, wird massiv angefeindet.

Präsident Duda richtete im Februar ein Ersuchen an das Außenministerium, die Möglichkeit der Aberkennung seines staatlichen Verdienstordens zu prüfen.

Dieselbe Haltung kam zuletzt im Konflikt um den Oscar-Film "Ida" zum Ausdruck. Der polnische Streifen handelt von einer katholischen Novizin, die entdeckt, dass ihre Eltern Juden waren und von Polen ermordet wurden. Das Staatsfernsehen strahlte den Film im Februar mit einem zwölfminütigen Vorspann aus, der sich unter anderem gegen eine "Beleidigung der Nation" verwehrte.

Die Europäische Filmakademie (EFA) protestierte heftig: Der Vorspann unterstelle, dass der Film deshalb einen Oscar erhielt, weil er die Geschichte aus einer "pro-jüdischen Perspektive" erzähle. (Gerald Schubert aus Markowa, 10.4.2016)

Die Reise erfolgte mit Unterstützung des polnischen Außenministeriums.

  • Eine Frage der "historischen Fairness": Staatspräsident Andrzej Duda bei der Eröffnung des "Museums für Polen, die Juden retteten"
    foto: afp / wojtek radwanski

    Eine Frage der "historischen Fairness": Staatspräsident Andrzej Duda bei der Eröffnung des "Museums für Polen, die Juden retteten"

  • Allein im Vorkarpatenland retteten hunderte Polen insgesamt knapp 3000 Juden
    foto: gerald schubert

    Allein im Vorkarpatenland retteten hunderte Polen insgesamt knapp 3000 Juden

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