F. Scott Fitzgerald: Im Angesicht der Niederlage

10. April 2016, 17:00
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Zwei neue Bücher – ein Roman von Stewart O'Nan und eine biografische Erzählung von Emily Walton – befassen sich mit Aufstieg und Niedergang von F. Scott Fitzgerald. Beide Bücher beleuchten eher unbekannte Facetten des Autors

Man werde noch über ihn reden, wenn die Namen seiner schreibenden Zeitgenossen vergessen seien, sagte Gertrude Stein, als sie ihren talentierten Landsmann Francis Scott Fitzgerald in den 1920er-Jahren in Paris kennenlernte. Fitzgerald war damals Mitte zwanzig. Bilddokumente aus jener Zeit zeigen ihn als gutaussehenden Mann in feinem Zwirn, mit ebenmäßigem Gesicht, widerspenstigen Haaren und spöttischem Schwärmerblick.

Sein 1920 erschienener Debütroman Diesseits vom Paradies hatte ihn auf einen Schlag zum Liebling der Leser und der Kritik gemacht. Dies nicht nur, weil er die junge Generation Amerikas nach dem Ersten Weltkrieg porträtierte, sondern vor allem, weil das unter dem Arbeitstitel Der romantische Egoist geschriebene Buch auch von den sogenannten Flapper-Girls handelt. Jungen, emanzipierten Frauen also, die Spaß haben wollten und sich das Rauchen und Trinken (in Zeiten der Prohibition) nicht nehmen ließen.

Man hatte in diesen Kreisen Geld, tanzte den Charleston, die Haare der Damen waren kurz, die Röcke auch, und Scott Fitzgerald galt mit drei Romanen, 50 Kurzgeschichten und einem Theaterstück, die er innerhalb von fünf Jahren geschrieben hatte, als der Prophet und Chronist des Jazz-Age, der Roaring Twenties.

Immer die Liebe

Angefangen hat alles mit der Liebe. 1896 in Saint Paul, Minnesota geboren, tat sich Scott Fitzgerald zunächst in der Schule schwer. Die Aufnahmeprüfung für Princeton bestand er nur knapp. Er brach sein Studium allerdings ab, um im Mai 1917, einen Monat nach dem Kriegseintritt der USA, freiwillig in die Armee zu gehen. Während seiner Ausbildung in Montgomery, Alabama, lernte er dann seine spätere Frau Zelda kennen.

Diese Begegnung markierte das folgenreiche Aufeinanderprallen zweier Schutzloser, die sich bis zum tragischen Ende beider – Scott starb 1940 vom Alkohol gezeichnet in Los Angeles, Zelda verbrannte 1948 im von außen verschlossenen Zimmer einer Nervenheilanstalt in North Carolina, deren Patientin sie war – nicht voneinander lösen konnten.

Zunächst schien der mittellose Leutnant der aus gutem Haus stammenden vier Jahre jüngeren Zelda aber eine zu wenig gute Partie zu sein, sie lehnte die Heirat ab. Der Abgewiesene ging nach New York, wo er in einer Werbeagentur arbeitete und nebenbei wie ein Besessener schrieb, um zu Anerkennung, Geld und über diesen Umweg zur Hand der Angebeteten zu gelangen. Was gelang. Nur eine Woche nachdem Diesseits vom Paradies im renommierten Scribner's-Verlag erschienen war, heirateten Scott seine Zelda. Die nächsten Jahre ließen es die beiden in New York, Paris und an der Riviera, wo Fitzgerald seinen Großen Gatsby schrieb, richtig krachen.

Und es scheint wie eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet der Roman Der große Gatsby, der als das bedeutendste Werk des Autors gilt, den Niedergang Fitzgeralds einläutete. Denn das Buch war anders als erwartet ein mäßiger Erfolg – auch, weil es die Publikumserwartung nicht erfüllte.

War es ihm in seinen früheren Texten darum gegangen, Figuren zu zeichnen, die in höchster Geschwindigkeit immer auf die freudvollste Welt zusteuerten, die zu finden war, schlug der Autor im Gatsby andere Töne an. Natürlich spielt die Welt der Schönen und Reichen, die Fitzgerald, wie er in einem Brief an Hemingway schrieb, immer nur verbunden mit Charme und Vornehmheit interessierte, auch hier eine Rolle, doch wesentlich gebrochener.

Auch Gatsby ist einer, der mit ausgestreckten Armen dem Leben nachrennt, im Kern aber handelt der Roman vom Unterfangen, sich um der Liebe willen einmal noch neu zu erfinden und als ein anderer, Erfolgreicher, die Frau zurückzugewinnen, die während seines Militärdienstes einen anderen geheiratet hat. Hier klingen Themen an, die Scott bis am Ende umtreiben werden, nämlich die Suche und das Nichtfinden der Lösung, des Glücks und der Liebe.

Nach Gatsby begann für Scott Fitzgerald die Zeitspanne, die er später seine "Crack up"-Phase nennen wird. Es waren schreckliche Jahre, erst 1934 wird er mit dem Roman Zärtlich ist die Nacht wieder ein Buch publizieren. Bis dahin hält er sich mit unbedeutenden, aber gutbezahlten Kurzgeschichten für Magazine über Wasser. Er trinkt, verliert den Halt, verprasst Geld. Die gesundheitlichen Probleme Zeldas nehmen zu, die 1921 geborene Tochter Scottie wird vernachlässigt. Zwei Bücher, die biografische Erzählung Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte der österreichischen Autorin Emily Walton und ein Roman des US-Autors Stewart O'Nan blenden nun zurück in die Anfänge und das Ende dieser "Crack up"-Phase.

Westlich des Sunset

O'Nan nimmt sich in Westlich des Sunset der letzten drei Lebensjahre Fitzgeralds an, in denen der Autor als Drehbuchschreiber in Hollywood arbeitete. Für den mit gesundheitlichen und finanziellen Problemen kämpfenden Scott, von dessen einstigem Ruf nur noch Trümmer übrig sind, ist die Filmindustrie indes alles andere als eine Traumfabrik. Drehbuchschreiber werden zwar gut bezahlt, sie rangieren aber weit unten auf der Hierarchieleiter. Meist haben sie Skripts umzuschreiben und aufzupeppen, oft in Richtung Effekt und Publikumswirksamkeit. Entwürdigend schnell werden Aufträge entzogen und anderen übergeben.

O'Nan erzählt den Roman distanziert in der dritten Person, wobei viele biografische Fakten aus Briefen in das Buch einfließen, etwa Scotts Aufenthalt im Ressort Garden of Allah, wo Bogart und andere Filmgrößen sich tummelten, sowie Begegnungen mit Filmleuten wie Goldwyn. Trotz allem stemmte sich Fitzgerald, den späte Fotos als aufgeschwemmten Mann zeigen, in jener Zeit gegen den Alkoholismus. Er arbeitet im Studio und in den frühen Morgenstunden an einem Roman, um Schulden bei seinem Agenten, der Scotts Texte nirgends mehr unterbringen kann, abzuzahlen und das Studium Scotties und den Klinikaufenthalt Zeldas zu finanzieren.

Immer wieder fährt er zu seiner mit Medikamenten ruhiggestellten Frau, holt sie ab, um außerhalb der Anstalt mit ihr den Hochzeitstag zu feiern. Die Hoffnung, dass sie die Klinik verlassen kann, gibt er nicht auf. Ein weiterer Strang des Romans handelt von der Beziehung Fitzgeralds mit der Journalistin Shiela Graham, die sich ebenfalls nicht unkompliziert gestaltete. In Shielas Apartment stirbt Scott Fitzgerald 1940 völlig entkräftet an einem Herzinfarkt.

O'Nan hat mit Westlich des Sunset, obwohl der Roman in Hollywood spielt, ein stilles, zurückhaltendes Buch geschrieben, das langsam Fahrt aufnimmt und am Ende große Romankunst ist – auch, weil es von einem Mann handelt, der im Angesicht der Niederlage nicht aufzugeben bereit ist. Zudem steht O'Nans wie aus Seide gesponnene Prosa derjenigen seiner Hauptfigur in nichts nach.

Emily Walton geht in ihrer biografischen, ausschließlich an Fakten orientierten Erzählung wesentlich näher an die Fitzgeralds heran. Auf 160 äußerst informativen, flüssig zu lesenden Seiten blendet Walton in das Jahr 1926. Scott, Zelda und Scottie haben in Juan-les-Pins in der Nähe von Antibes an der Riviera Quartier bezogen. Sie wollen dem New Yorker Rummel, vor allem aber den Ablenkungen und ihrer Genusssucht entfliehen, die sie Monat für Monat 3000 Dollar (heute ca. 40.000 Dollar) gekostet hatte.

Auf Eis gelegt

Es ist für sie aber gleichzeitig die Rückkehr an einen Ort, an dem sie die Vergangenheit einholt, hier in der Nähe hatte Scott seinen Gatsby geschrieben, während Zelda sich in ein Techtelmechtel mit einem französischen Piloten verwickelte, das mit einem Selbstmordversuch Zeldas endete.

Das Projekt, seinen neuen Roman zu schreiben, legt Scott schnell auf Eis, meist das von Drinks. Er stürzt ab, vernachlässigt seine Familie, wird öffentlich auf- und ausfällig, unter anderem, indem er mit einem Saufkumpan einen auf einen Tisch gefesselten Kellner zu zersägen gedenkt. Die psychischen Probleme Zeldas, später wird Schizophrenie diagnostiziert, nehmen währenddessen zu. Aus dem einstigen Traumpaar werden Fremde, Befremdete.

Als Leser spürt man, dass hier nicht nur beziehungsmäßig ein Kipppunkt erreicht ist – und ein Übergang vom Fliegen zum Fallen. Das Beeindruckende an Waltons Buch ist, dass die Autorin neben dieser beginnenden Lebenstragödie noch eine zweite Dimension einbringt, denn ihr Buch ist nicht nur die Verneigung vor Scott, sondern auch die Wiedererweckung einer verlorenen Zeit, die so lange nicht zurückliegt.

Denn in Juan-les-Pins hatten sie sich in der Künstlerkolonie des US-Ehepaars Sara und Gerald Murpy, das bei Walton und in Zärtlich ist die Nacht eine wichtige Rolle spielt, alle getroffen: Picasso, Dos Passos, Cole Porter, Cocteau, Fitzgerald und Hemingway, dessen Mentor Scott war.

Sie kamen nicht nur in das damals noch ruhige Fischerdorf, um auszuspannen, sondern vor allem, um ohne viel Geld das zu zelebrieren, was damals als künstlerischer Lebensentwurf noch möglich war.

Einige Jahre später, 1929, das Jazz-Age hatte mit dem Börsenkrach ein abruptes Ende gefunden, schrieb Hemingway an Fitzgerald. Unter anderem ging es in dem Brief darum, dass es unter Schriftstellern, die das Verlangen hätten, gut zu schreiben, keine Konkurrenz geben könne, denn, so Hemingway: "Sie sitzen alle im selben Boot. Ein Konkurrenzkampf innerhalb dieses Bootes – das auf den Tod zufährt – ist etwas genauso Albernes wie Sport an Deck treiben – Der einzige Wettstreit ist der, das Boot überhaupt zu erreichen, und der findet ganz in einem selber statt." (Stefan Gmünder, Album, 10.4.2016)

  • Als alles noch gut schien: Scottie, Zelda und F. Scott Fitzgerald in den 1920er-Jahren in New York.
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    Als alles noch gut schien: Scottie, Zelda und F. Scott Fitzgerald in den 1920er-Jahren in New York.

  • Emily WaltonDer Sommer, in dem  F. Scott Fitzgerald beinahe einen  Kellner zersägteBraumüller 2016168 Seiten, 19,90 Euro
    cover: braumüller verlag

    Emily Walton
    Der Sommer, in dem F. Scott Fitzgerald beinahe einen Kellner zersägte

    Braumüller 2016
    168 Seiten, 19,90 Euro

  • Stewart O'NanWestlich des SunsetDeutsch von Thomas GunkelRowohlt 2016416 Seiten, 10,60 Euro
    cover: rowohlt

    Stewart O'Nan
    Westlich des Sunset

    Deutsch von Thomas Gunkel
    Rowohlt 2016
    416 Seiten, 10,60 Euro

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