"Dark Souls 3" im Test: Ein letzter, großer Gipfelsturm

10. April 2016, 11:00
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Teil drei der Rollenspielserie lädt trotz gewohnter Härte auch Neueinsteiger ins Fantasy-Epos

Das allererste Mal in seinem Leben auf dem höchsten Gipfel eines Berges zu stehen, ist eine einzigartige Erfahrung. Unten, am Fuß des Riesen, sieht man nur die übermächtigen Wände, Zinnen und Spitzen aufragen; auf dem Weg zum Ziel richtet sich der Blick sowohl nach unten, auf das bereits Geleistete, als auch nach oben, auf das scheinbar Unüberwindliche. Erschöpft, aber glücklich steht man irgendwann auf dem Dach der Welt und sieht voll Staunen, wie weit unten man begonnen hat, wie klein die Welt ist – und ist von einem Gefühl höchsten Glücks wie berauscht.

Die Spiele von From Software – "Demon's Souls", die beiden ersten Teile von "Dark Souls" und "Bloodborne" – lassen sich mit diesem Bild wunderbar beschreiben. Für die millionenfach gewachsene Fangemeinde der Serie, die seit Anbeginn ihrem Konzept zum Teil bis in kleinste Details kompromisslos treu geblieben ist, sind diese Spiele nicht zuletzt auch wegen der Anstrengungen, die zu ihrer Bezwingung nötig sind, beispiellose Ausnahmeklassiker.

Mit "Dark Souls 3" wartet nun ein weiterer Riese auf seine Bezwingung – und Schöpfer und Mastermind Hidetaka Miyazaki ist es ein weiteres Mal gelungen, diesen Weg zu einem außerordentlichen Erlebnis zu gestalten. Wer nach dem allgemein als weniger inspiriert geltenden zweiten Teil der Reihe skeptisch war, kann aufatmen: "Dark Souls 3" schließt an die besten Momente der Serie an und markiert als potenzieller Abschlusstitel der Trilogie einen Höhepunkt, der für sich selbst bestehen kann. Entwarnung: Der folgende Text enthält keine Spoiler.

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Video: Wir spielen den Anfang von "Dark Souls 3" – zum Artikel

Rollenspiel mit taktischem Hack’n‘Slash-Gameplay

Doch der Reihe nach, und auch für alle, die sich noch nicht zum Kreis der "Soulsborne"-Veteranen zählen: "Dark Souls 3" ist wie seine Vorgänger und auch der PS4-Exklusiv-Titel des Vorjahres, "Bloodborne", ein Action-Rollenspiel, in dem Spielerinnen und Spieler als einsame Helden eine düstere Welt erforschen und gegen unzählige Monster und besonders furchterregende Bossgegner antreten. Rollenspieltypisch können Charakter und Ausrüstung im Spielverlauf verbessert und verschiedene Spielstile ausprobiert werden, doch in ihrem starken Fokus auf Action unterscheidet sich die japanische Kultspielreihe grundsätzlich von anderen Rollenspielen: Der Kern des Gameplays ist und bleibt der fordernde, actionreiche Kampf in taktischer Hack’n’Slash-Manier, der Geschick, Strategie, Aufmerksamkeit und sekundengenaues Timing fordert.

Diese Kämpfe sind in "Dark Souls 3" auf gewohnt hohem Niveau, wenn nicht sogar noch einen Tick furioser als in den Vorgängern. Knapp 200 verschiedene Waffen laden zum Experimentieren mit teils grundlegend unterschiedlichen Attacken, und das "Focus"-System erweitert die ohnedies komplexen Kampfmöglichkeiten um teils spektakuläre Spezialangriffe, die – eine der markanten Neuerungen – ebenso wie Zauber nun eine Art Mana verbrauchen. Schon die kleinen Gegner verzeihen wenige Fehler, überraschen mit Geschwindigkeit, schierer Masse oder neuen Taktiken, und die gewohnt atemberaubenden Bosskämpfe fordern auch erfahrene Spieler. Gut, dass sich Spielerinnen und Spieler deshalb merkbar schneller als in den zuweilen behäbig-taktischen Vorgängern zur Wehr setzen können.

Die DNA des immer noch rasanteren "Bloodborne" ist nicht nur in der hier zum Einsatz kommenden Grafik-Engine, sondern auch im Gameplay unverkennbar: Schneller, responsiver und zugleich brachialer war kein "Souls" zuvor – auch wenn die vorsichtige Herangehensweise mit erhobenem Schild nach wie vor legitim bleibt. Überhaupt lässt einem "Dark Souls 3" viele Optionen, seinen eigenen Spielstil zu finden, ob als wendiger Fernkämpfer, behäbiger Ritter, feuerwerfender Magier oder vorsichtiger Heiler. Gerade das Fehlen strikter Charakterklassen lässt das Feilen am eigenen Helden zur großen Stärke der Serie werden.

Masochismus? Ganz und gar nicht!

Dass die Spiele von From Software nur etwas für abgehärtete Hardcore-Masochisten seien, ist ein Vorurteil, das sich beständig hält – und das leider dafür sorgt, dass sich weniger Ambitionierte von Vornherein nicht an diese Ausnahmespiele heranwagen. Das ist schade, denn zum einen entgeht den so Abgeschreckten eines der außergewöhnlichsten Spielerlebnisse der Gegenwart, zum anderen tut es auch dem Gamedesign Unrecht. Um eines dennoch klarzustellen: "Dark Souls 3" ist wie seine Vorgänger kein einfaches Spiel. Es verzeiht keine Fehler, fordert höchste Konzentration und Vorsicht und bestraft Achtlosigkeit schnell und brutal. Wer stirbt, ist aber so gut wie immer selbst daran schuld – auch der schwerste Gegner lässt sich bei genug Geschick ganz ohne Gegentreffer besiegen. Dennoch: Wer die ängstliche Bemutterung der Spielerinnen und Spieler in Mainstreamspielen gewohnt ist, wird hier schnell an seine Grenzen stoßen. Das Charaktersystem ist auf den ersten Blick überkomplex und wird kaum erklärt, ein Tutorial existiert so gut wie nicht und schon die ersten Gegner können Anfänger zur Verzweiflung treiben.

In diesen vermeintlichen Unfreundlichkeiten eine Geringschätzung der eigenen Spielerschaft zu sehen, ginge aber am Wesen der Spiele von From Software völlig vorbei. Wie kaum andere Spiele lädt "Dark Souls 3" dazu ein, aus seinen harten Lektionen zu lernen, verschiedene Strategien selbst auszuprobieren, achtsam und vorsichtig zu werden und letztlich an der Prüfung zu wachsen. Nicht nur der Spielercharakter steigt im Level auf, sondern auch die Spielerinnen und Spieler – wer nach einiger Zeit und Übung zu früheren Gebieten zurückkehrt, ist verlässlich verblüfft darüber, wie einfach die zuvor so schwierigen Prüfungen mit dem Dazugelernten zu meistern sind.

"Dark Souls" nimmt seine Spieler ernst, überträgt ihnen ein großes Stück Verantwortung und behandelt sie wie Erwachsene – im Ausgleich dafür belohnt es mit den euphorischsten Siegesräuschen, wenn scheinbar unschaffbare Aufgaben endlich erledigt sind. No risk, no fun – und das Risiko bleibt immer vorhanden, auch bei vermeintlicher Übermacht als erfahrener Veteran.

Reicher Lohn der Mühen

Doch nicht nur der adrenalingetränkte Siegestaumel beim Sieg über einen der zahlreichen monströsen Endgegner motiviert dazu, sich den letztlich immer fairen Herausforderungen in "Dark Souls 3" zu stellen. Neben dem gewohnt beeindruckenden Charakterdesign, das vom kleinsten bis zum größten Gegner mit Fantasie, düsterem Detailreichtum und Originalität begeistern kann, ist es seit jeher das außergewöhnliche und tatsächlich einzigartige Level-, besser: Weltdesign, das "Souls" himmelhoch über die Konkurrenz erhebt. "Dark Souls 3" führt seine Spielerinnen und Spieler in eine riesige, sinnvoll und architektonisch logisch in sich verschachtelte Welt, in der die zahlreichen atemberaubenden Aussichtspunkte stets den Blick auf die nahen und fernen weiteren Stationen des Weges erlauben.

Wenn der Blick von den gigantischen Zinnen auf die Türme der riesenhaften Festung vor einem fällt, können sich Spielerinnen und Spieler sicher sein, dass sie, vielleicht erst Stunden später, auf exakt diesen Türmen stehen werden. Die Räume, Architekturen und Landschaften in "Dark Souls 3" sind stets logisch durch Wege, Brücken, Aufzüge und auch wieder zahlreiche Abkürzungen miteinander verknüpft, auch wenn der dritte Teil der Reihe das ultrakompakte Weltdesign des in dieser Hinsicht unübertroffenen ersten Teils der Reihe durch stärkeren Fokus auf weitläufige Arenen nicht übertrifft.

Eine Ausnahme dieser räumlichen Verschränkung bietet der zentrale Hub, die neu interpretierte Version des Firelink Shrines; in diesem von jedem Speicherpunkt per Warp erreichbaren Heimatgebiet können erbeutete Seelen in Levelaufstiege, Waffen und Zauber investiert werden, und auch eine im Spielverlauf wachsende Zahl wichtiger NPCs bevölkert diese kleine, im Prinzip aus dem Urvater "Demon’s Souls" übernommene sichere Basis.

Atmosphärische Welt voller Geheimnisse

Ein weiterer Grund für den wachsenden Erfolg der Spiele des ursprünglich kleinen Entwicklers From Software ist abseits des für sich allein brillant bestehenden Gameplays aber stets auch in der unnachahmlichen Atmosphäre seiner Spiele begründet. Die düstere, zerstörte Fantasy-Welt auch von "Dark Souls 3" erschlägt Spielerinnen und Spieler schier mit Details, grausigen Szenerien und zum Teil atemberaubenden architektonischen Kunststücken – an einigen wenigen Stellen im Spiel, auch das sei angemerkt, beginnt die Hardware von Konsolen und starken PCs unter dieser Pracht zu stöhnen.

Nur wenige Spiele erzählen allein durch ihre Umgebungen und Details derartig fesselnd von ihrer Geschichte und lassen dieses "environmental storytelling" so sehr zum Zentrum ihrer Handlung werden. Wer die rätselhafte Story um das Königreich mitten in einer allumfassenden Apokalypse restlos verstehen oder auch nur entwirren will, wird aber auch dabei nicht an der Hand genommen: Kaum etwas wird erklärt, die spärlichen Cutscenes geben manchmal mehr neue Fragen als Antworten, NPCs sprechen in Rätseln und der Großteil der Hintergrundgeschichte erschließt sich wieder nur durch genaue Beobachtung und die Beschreibungen der hunderten Gegenstände, die sich in dieser Welt finden lassen. Kein Wunder, dass die Spiele von From Software genau deshalb sogar eine Art eigener Fan-Scholaren wie zum Beispiel VaatiVidya oder EpicNameBro hervorgebracht haben, die sich in minutiös recherchierten Videos durch dieses Labyrinth tüfteln.

Die Rückkehr des Königs

Auch wenn dies im Spiel selbst inhaltlich nicht bestätigt wird, fühlt sich "Dark Souls 3" doch an wie ein krönender Abschluss, wie ein konsequenter Gipfelpunkt in der Ausformulierung einer bewundernswert kompromisslosen Designphilosophie. Dabei bemüht es sich allerdings auch, nicht nur alte, sondern auch neue Spielerinnen und Spieler anzusprechen – darunter werden sicher auch viele sein, die die Welt Hidetaka Miyazakis erst durch den PS4-Gothic-Horror-Zwilling "Bloodborne" kennengelernt haben. Gerade im ersten Drittel des mit etwa 60 bis 80 Stunden ohnedies umfangreichen Spiels sorgen spürbar freundlichere Speicherpunkte dafür, dass nicht nur Profis Zugang finden – auch für jene stellen aber gerade die späteren Herausforderungen noch legendäre Aufgaben bereit. Der Einstieg ins Spiel gestaltet sich somit um einiges leichter als in fast allen Vorgängern, "Bloodborne" inklusive. Und hätte sich From Software auch dazu durchgerungen, die nach fünf Spielen kaum veränderte und immer noch unverschämt komplizierte Charakterverwaltung besser zu erklären, stünde Anfängerinnen und Anfängern noch ein eigentlich unnötiger Stolperstein weniger im Weg.

Doch auch das sollte interessierte Neulinge nicht davon abhalten, sich der Faszination dieser Ausnahmespiel zu ergeben. "Dark Souls" bietet nach wie vor ein beispielloses, einzigartiges Spielerlebnis, das nicht umsonst von einer begeisterten weltweiten Spielerschaft fast kultisch verehrt wird – und die zahlreichen Wikis, YouTube-Videos und Hilfeseiten zeugen von einer engagierten, freundlichen Community, die durch das gemeinsame Erlebnis auch merkbar zusammengeschweißt wird. Natürlich, auch das darf nicht unerwähnt bleiben, hat auch das einzigartige Multiplayer-System daran großen Anteil, das wieder heimtückische Invasionen, vor allem aber auch hilfreiche Kooperation beim ansonsten oft einsamen Kampf gegen das Spiel anbietet – diesmal sogar für bis zu sechs menschliche Spielerinnen und Spieler zur selben Zeit.

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Video: Trailer zu "Dark Souls 3"

Fazit

Ist "Dark Souls 3" nun jenes Spiel, das sich Millionen Fans erwartet haben? Absolut – und in gewisser Weise ist das auch eines der bescheidenen Probleme dieses brillanten Trilogie-Abschlusses. Wer die vorherigen Werke kennt und liebt, sieht sich im dritten Teil nämlich durchaus auch mit Bekanntem konfrontiert, das Erinnerungen weckt – und schon deshalb weniger überrascht, als dies etwa dem großen ersten Teil gelingen konnte. Das reicht vom erneuten Auftauchen einiger bekannter NPCs über gelegentlich unübersehbare Verwandtschaft von Gegnern mit jenen ihrer Vorgängerspiele bis hin zu reinen Äußerlichkeiten: Verfallene Ritterburgen und gewaltige Kathedralen, düstere Sümpfe und finstere Kerker hat man immerhin auch von den Vorgängern sowie "Bloodborne" durchaus noch im Gedächtnis. So konsequent und sympathisch es auch ist, dass Hidetaka Miyazaki fast störrisch an seiner unverdünnten spielerischen Vision festhält und sie vom Nischenspiel "Demon’s Souls" bis zum jetzigen potenziellen Blockbuster bewahrt hat, so sehr wünscht man sich doch auch beim nächsten Projekt eine Weiterentwicklung statt noch mehr vom zugegeben brillanten Selben.

Wie ganz am Anfang gesagt: Das allererste Mal in seinem Leben auf dem höchsten Gipfel eines Berges zu stehen, ist eine einzigartige – aber auch einmalige Erfahrung. Denn dieses allererste Mal lässt sich nicht wiederholen, auch wenn die Berge, die man noch besteigen wird, vielleicht höher, herausfordernder und objektiv schöner sind. "Dark Souls 3" ist ein fantastisches, forderndes und gewiss auch prägendes Erlebnis für all jene, die sich zum allerersten Mal auf den Weg zu einem der euphorischen Gipfel der Spiele von Hidetaka Miyazaki machen. Für bereits erfahrene Spielerinnen und Spieler der Vorgänger ist es, bei allen kleineren Kritikpunkten, "nur" ein weiterer großartiger Höhenrausch, der neue Herausforderungen, einen Hauch Nostalgie, aber auch ein klein wenig Trauer bereithält: So schön wie beim allerersten Mal wird es nie wieder – das ist die leise Ernüchterung eines jeden, der wieder und wieder auf die Berge steigt.

Das ist jedoch absolut kein Grund, diesmal im Tal zu bleiben. "Dark Souls 3" ist ein großes, und ein großartiges Spiel geworden – ein AAA-Spiel ohne jede Anbiederung an einen vermeintlichen Massengeschmack. Schon alleine deshalb ist es einzigartig. (Rainer Sigl, 8.4.2016)

"Dark Souls 3" erscheint am 12. April ab 18 Jahren für PC, PS4 und XBO. UVP: ab 59,99 Euro.

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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Dark Souls 3

Nachlese

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