Papst-Schreiben öffnet Türen: Mehr Spielraum für Geschiedene

8. April 2016, 06:20
143 Postings

"Amoris laetitia" vorgestellt – Schönborn: "Sprache der Kirche hat sich verändert" – Schaffelhofer: Dokument ist "wie eine Schubumkehr"

Vatikanstadt – Der Papst ist in seinem Lehrschreiben zu Familie und Ehe auf Wiederverheiratete zugegangen – ohne jedoch an den Grundfesten der bisherigen Kirchenregeln zu rütteln. Franziskus ändert in seinem Schreiben "Amoris laetitia – über die Liebe in der Familie" zwar die bestehenden Gesetze für wiederverheiratete Geschiedene nicht, lässt aber mehr Spielraum für Einzelfallentscheidungen.

Wegen der zahllosen Unterschiede konkreter Situationen sei es klar, "dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte", heißt es in dem am Freitag veröffentlichten Dokument.

Einzelfallprüfung

Im Hinblick auf die Teilnahme an der Kommunion appelliert der Papst in dem rund 190 Seiten umfassenden Dokument an das Gewissen Wiederverheirateter und setzt auf die pastorale Kompetenz der Priester. Franziskus fordert eine "verantwortungsvolle persönliche und pastorale Unterscheidung der je spezifischen Fälle", Barmherzigkeit und Integration. "Niemand darf auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums."

Mit dem Lehrschreiben fasst der Argentinier die Ergebnisse der beiden Bischofstreffen aus den vergangenen Jahren zum Thema Ehe und Familie mit seinen eigenen Schlussfolgerungen zusammen. Im vergangenen Jahr hatten die Bischöfe in ihrem Abschlusspapier für eine vorsichtige Öffnung plädiert und Einzelfallprüfungen angeregt. Diese Idee greift Franziskus wieder auf, ohne jedoch verbindliche Vorgaben zu machen.

In Bezug auf homosexuelle Paare spricht sich der Papst wie schon bei früheren Gelegenheiten gegen jegliche Diskriminierung aus. Er fordert einen respektvollen Umgang, rüttelt aber nicht am katholischen Status quo. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften stünden keineswegs auf einer Stufe mit der Ehe zwischen Mann und Frau, heißt es in dem Lehrschreiben.

Liebe mit all ihren Facetten

Im Zentrum des Textes steht die Liebe mit all ihren Facetten. Dabei spricht der Papst auch ohne jede Peinlichkeit Themen wie Leidenschaft und Erotik an, die bisher in der katholischen Kirche meist ein Tabu waren. "Wir dürfen also die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen (...), sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten", schreibt er.

Franziskus erklärt zudem, nicht alle "doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen" müssten durch ein "lehramtliches Eingreifen" entschieden werden. "Es wird Aufgabe der verschiedenen Gemeinschaften sein, stärker praxisorientierte und wirkungsvolle Vorschläge zu erarbeiten." Was das Schreiben konkret ändert, werde sich ohnehin erst später zeigen, glauben Experten.

Der Wiener Erzbischof Christoph Schönborn bezeichnete "Amoris laetitia" als "wunderschönen Text", der darauf abziele, alle Gläubigen – und nicht nur Verheiratete – einzuschließen. "Etwas in der Sprache der Kirche hat sich verändert", sagte der Kardinal bei der Präsentation des Schreibens in Rom. Franziskus habe einen Ton gewählt, der voller Achtung und Respekt für alle Menschen sei und ihnen Mut mache.

Im Gespräch mit Kathpress sagte Schönborn zudem, dem Papst gehe es in seinem Schreiben um ein genaues Hinsehen auf die Lebensrealitäten und Lebensumstände der Menschen. Hinter dem gesamten Schreiben stehe eine besondere Logik: "Das Erste sind nicht die Normen, die zwar wichtig sind, an erster Stelle steht aber die Ausrichtung auf die Liebe."

"Schubumkehr"

Für Gerda Schaffelhofer, Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich, ist das Papst-Schreiben "wie eine Schubumkehr in der Kirche". Franziskus fordere "keinen sturen Gesetzesgehorsam" ein, der alle jene ausschließe, die das christliche Eheideal nicht lebten. "Der Geist der Barmherzigkeit atmet aus jeder Zeile dieses Schreibens", so Schaffelhofer in einer Stellungnahme gegenüber Kathpress.

Das Lehrschreiben wird es laut Kathpress ab 20. April auch als Buch auf Deutsch geben. Das übersetzte Dokument wird mit Einführungen und Stichwortverzeichnis herausgegeben, wie der Herder-Verlag am Freitag mitteilte. (APA, 8.4.2016)

Share if you care.