Flüchtlinge: Was man aus Schweden für Österreich ableiten kann

8. April 2016, 07:00
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In den vergangenen Jahren kamen hunderttausende Flüchtlinge nach Schweden. Forscher übertrugen die Erfahrungen nun auf Österreich

Wien – Die große Zahl an Flüchtlingen, die im Vorjahr nach Österreich gekommen ist, sorgt seit Monaten für hitzige Debatten in Politik und Medien, aber auch Kaffeehäusern und Wohnzimmern. Fundierte Einschätzungen zu treffen fällt schwer. Nicht nur, weil das Thema ideologisch aufgeladen ist, sondern auch, weil über die Migranten noch immer nicht sehr viel bekannt ist. Nun liefert die bisher umfassendste Studie zum Thema erste Anhaltspunkte für die möglichen Auswirkungen auf Arbeitsmarkt und Volkswirtschaft.

Die Forscher der Donau-Universität in Krems und des industrienahen Instituts EcoAustria haben sich die Erfahrungen Schwedens zu Nutze gemacht. Denn während in Österreich bislang vor allem Menschen aus Ex-Jugoslawien, der Türkei und Osteuropa untergekommen sind, nimmt Schweden schon seit Jahren Flüchtlinge auf, etwa viele Iraker und Syrer. Daraus wird in der Studie für Österreich abgeleitet.

Schleppende Integration

Zu welchem Ergebnis kommen die Forscher also? Die Integration dürfte nur sehr schleppend verlaufen, sagt der Ökonom Johannes Berger zum STANDARD. In Schweden hatten 39 Prozent der Flüchtlinge nach fünf Jahren einen Job. Der Rest war arbeitslos, in Schulungen, auf Sozialleistungen angewiesen oder suchte nach gar keiner Arbeit. In letztere Gruppe könnten vor allem Frauen fallen, sagt Berger von EcoAustria.

In Afghanistan, dem Irak und in Syrien geht nur circa eine von acht Frauen einer bezahlten Arbeit nach. In den noch viel traditionelleren Ländern bleiben die meisten Frauen daheim bei den Kindern. Zum Vergleich: Auch wenn in Österreich die Kindererziehung noch großteils Frauensache ist, arbeiten etwa fünf von acht Frauen. Damit ist die Erwerbsquote schon fast so hoch wie unter Männern, bei denen sechs von acht einer bezahlten Arbeit nachgehen (der Rest macht eine Ausbildung, ist krank, in Frühpension oder arbeitslos).

Pessimistischer als das AMS

Kombiniert mit den Eigenheiten des österreichischen Jobmarktes kommt das Modell der Forscher zum Ergebnis, dass nach fünf Jahren 36 Prozent einen Job haben werden. Je besser die Bildung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, einen Job zu finden. In der Studie wird davon ausgegangen, dass 80 Prozent der Flüchtlinge gering qualifiziert sind. Das wurde von der Ausbildungsstruktur der Heimatländer abgeleitet und ist pessimistischer als bisherige Ergebnisse des AMS.

Langfristig kommen die Flüchtlinge dem Modell zufolge auf eine Erwerbsquote von 54 Prozent. Nach dem zuvor genannten Beispiel werden also vier von acht Flüchtlingen arbeiten. In Österreich liegt die Quote geschlechterübergreifend bei 71 Prozent, das sind 5,5 von acht Personen.

Nur wenig Gebildete betroffen

Aber was heißt das Ganze für bereits in Österreich lebende Menschen? Hier sind die Rückschlüsse der Studie mit Vorsicht zu genießen. Denn sie arbeitet mit der Annahme, dass heuer, 2017 und 2018 jeweils wieder 100.000 Asylanträge gestellt werden. Man kann die Effekte also als Maximalwerte interpretieren oder für den Fall, dass die Obergrenze der Regierung nicht hält.

Im Prinzip sind der Studie zufolge nur Menschen mit geringer Bildung vom Flüchtlingsandrang auf dem Arbeitsmarkt betroffen. Unter ihnen soll die Arbeitslosenquote bis 2020 um 0,4 Prozentpunkte stärker steigen als im Szenario mit sehr wenigen Flüchtlingen, bis 2030 um 0,6 Prozentpunkte. Die Löhne dürften in dieser Gruppe um 2,5 Prozent niedriger sein, als sie es sonst wären.

Menschen mit maximal einem Pflichtschulabschluss sind jetzt schon mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent arbeitslos. Wer hingegen eine Lehre oder Matura gemacht hat, dürfte leicht profitieren und ist schlechtestenfalls gar nicht betroffen. Die Wirtschaftsleistung ist laut den Forschern im Jahr 2020 um ein Prozent höher als ohne Flüchtlingsandrang. (Andreas Sator, 8.4.2016)

  • Löhne und Arbeitslosenquote der ansässigen Bevölkerung.
    grafik: standard

    Löhne und Arbeitslosenquote der ansässigen Bevölkerung.

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