Bildungsreform: Von gerührt bis entsetzt

7. April 2016, 17:33
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Gute Absichten, aber zu kurz gegriffen: Experten haben am Entwurf für die Bildungsreform einiges auszusetzen

Wien – Viele Abstimmungsrunden waren nötig, bis der erste Teil des Schulrechtspaketes so festgezurrt werden konnte, wie er seit Mittwochabend versandfertig vorliegt.

Bis Anfang Mai dürfen weitere 93 Stellen mitreden und im Zuge des Begutachtungsverfahrens ihre Anregungen für die Bildungsreform einbringen. Jedenfalls in einem bislang heftig umstrittenen Punkt hat es die Regierung geschafft, möglichst viele Interessen unter einen Hut zu bringen: bei der Besetzung des Chefsessels in den Landesschulräten.

"Verletzendes" System

Dass die Kompetenzenfrage wieder nicht klar – und zwar zugunsten des Bundes – entschieden sei, hält die Bildungsexpertin Christa Koenne für symptomatisch: "Rührend" sei es, wie aus dem Entwurf gleichzeitig gute Absicht, aber auch Hilflosigkeit herauszulesen sei. Koenne sieht zwar manche Fortschritte, doch letztlich bleibe die Regierung nicht einmal auf halbem Weg stehen – etwa auch in der Frage des Sitzenbleibens. Dieses für die Kinder "verletzende" System gehöre ja nicht nur, wie nun geplant, in den drei ersten Volksschulklassen, sondern auch in der Mittelschule beseitigt. Um entscheidende Fragen von der Ganztagsschule bis zu den Bildungszielen drücke sich die Regierung herum.

Heide Lex-Nalis, Vertreterin der Elementarpädagoginnen von der Plattform Educare, ist vom Entwurf gar "entsetzt" – vor allem von jenen Passagen, die die Datenweitergabe vom Kindergarten in die Volksschule betreffen. Es sei nicht allein damit getan, bei der Schulanmeldung Unterlagen über Entwicklung und Sprachstand weiterzureichen: Um eine durchgängige Förderung leisten zu können, brauche es gemeinsame Weiterbildungsmaßnahmen von Volksschul- und Elementarpädagogen, die Dokumentation gehöre vereinheitlicht. Überdies seien begleitende Gespräche und längere Beobachtungszeiten vor dem Wechsel in die erste Klasse notwendig.

Klein, aber richtig

"Da, wo es teuer käme, passiert nichts", urteilt der grüne Bildungssprecher Harald Walser im Gespräch mit dem STANDARD, sieht aber "kleine Schritte in die richtige Richtung": Wenn der Gesetzesentwurf so bleibt, würden die Grünen dem Schulrechtspaket zustimmen.

Im Bildungsministerium geht man davon aus, dass das erste Paket kostenneutral ist. Die Rechnung, die dafür angestellt wird, kann aber auch der Koalitionspartner nicht ganz nachvollziehen: Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) kalkuliert nämlich, dass durch den Wegfall des klassischen Sitzenbleibens in den ersten drei Volksschuljahren ab 2019/20 genau um jene 1329 Kinder weniger in die Schule gehen, die etwa im Schuljahr 2014/ 15 eine Klasse wiederholen mussten – weshalb sich "der Bedarf an Lehrpersonalressourcen" verringere. Konkret will man so 106 Planstellen einsparen.

Fünf weitere Schulrechtspakete sollen dem ersten folgen, im Familienministerium will man sich in Kürze an die Erarbeitung des Bildungskompasses machen. (Gerald John, Karin Riss, 7.4.2016)

Hintergrund: Kernelemente der Schulreform

Grundsätzlich soll das Sitzenbleiben in den ersten drei Klassen künftig passé sein, allerdings: Die Lehrerkonferenz kann bereits während des Schuljahres den Wechsel in eine niedrigere Schulstufe beschließen. Auch die Entscheidung über Noten oder keine Noten fällt künftig am Schulstandort. Gleiches gilt für die Einrichtung von jahrgangsübergreifenden Klassen.

Wer wegen mangelhafter Deutschkenntnisse als außerordentlicher Schüler geführt werden muss, soll vor der Aufnahme in den Klassenverband für elf Stunden pro Woche eine Sprachstartgruppe besuchen. Danach geht es mit Sprachförderkursen weiter – hier soll "integrativ" gelernt werden.

Eltern bekommen eine Art Informationspflicht über alle Entwicklungsschritte ihres Kindes, die im Kindergarten dokumentiert wurden.

Die Leitungsfunktion in den Landesschulräten soll künftig nur noch ein Bundesbediensteter ausüben können. Auch Landesbedienstete können sich für die Zeit als Amtsleiter für den Bundesdienst karenzieren lassen.

Der Start der Neuen Oberstufe kann statt einer flächendeckenden Einführung bereits 2017/18 vom Schulstandort um bis zu zwei Jahre nach hinten verschoben werden. Das Berufsbild des "Erziehers für die Lernhilfe" wird geschaffen. (riss)

  • Einiges Neues im Unterricht verspricht die Schulreform: Sitzenbleiben soll in den ersten drei Klassen Volksschule passé sein – leistungsschwache Kinder können aber unter dem Jahr rückgestuft werden.
    foto: standard/christian fischer

    Einiges Neues im Unterricht verspricht die Schulreform: Sitzenbleiben soll in den ersten drei Klassen Volksschule passé sein – leistungsschwache Kinder können aber unter dem Jahr rückgestuft werden.

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