Jörg Haider 2.0

Kolumne8. April 2016, 11:40
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Die Geschichte der FPÖ hat gezeigt, Gipfelsturm und Absturz können rasch aufeinander folgen

Sechzig Jahre ist sie nun also geworden, und fast einem Drittel der heimischen Wählerinnen und Wähler erscheint sie weise genug, auch wählbar zu sein. In dieser Zeit war die FPÖ wie keine andere Partei von Umbrüchen erschüttert, deren Ursache in der Zusammensetzung ihrer Klientel lag. Als Sammelbecken überwiegend alter Nazis und rechter Liberaler unter dem Namen VdU 1949 gegründet, übernahm sie das in dieser Zusammensetzung steckende Konfliktpotenzial in die 1956 geborene "Freiheitliche" Partei. Der liberale Flügel eröffnete ihr nach Jahren des Dahindümpelns in der Opposition den Eintritt in eine Regierung mit der SPÖ, hatte aber seine Rechnung ohne den nationalen gemacht. Jörg Haider putschte sich an die Parteispitze und stellte die Partei auf einen aggressiven Populismus mit Führerkult um, gegen den SPÖ und ÖVP, auch unter sich international und neoliberal ändernden Umständen, kein Mittel wussten.

Regierungsverantwortung mitzutragen, ohne selber Regierungschef zu sein, und das mit einem Personal, das vor allem durch In- und Scheinkompetenz glänzte, sollte sich als das falsche Rezept erweisen. Haider spaltete die Partei, die er im Putsch erobert, auf 27 Prozent geliftet und auf zehn wieder minimalisiert hatte. Die Parteitrümmer aufzuräumen, die er nach seinem unrühmlichen Ende hinterließ, gilt heute als Straches politische Leistung.

Intellektuell kann Strache mit keinem seiner Vorgänger als Parteichef mithalten, aber das Konzept des modischen Feschaks – in seinem Fall angereichert um eine akzidentiell präsentierte weibliche Begleitung – hat er ebenso von Haider übernommen wie den hetzerischen Stil, der den alten Antisemitismus den Postern und Facebookern überlassen kann, solange er sie mit heimatliebender Fremdenfeindlichkeit füttert.

Damit hat er die FPÖ wieder in Höhen wie einst Haider geführt, und wenn er sie als die bestimmende Kraft im Lande rühmt, kann man ihm zumindest in humanitären und Sicherheitsfragen nicht widersprechen – da wirken die Koalitionsparteien wie seine Marionetten.

Wohin er seine Partei sonst noch führen wird, ist nicht so gewiss, wie er sich gibt. Das musste er zuletzt bei der Wiener Gemeinderatswahl erleben, bei der seine Bürgermeisterträume unrühmlich zerplatzten. Er markiert den Führer, aber schon die Nominierung eines Kandidaten für die Hofburg erwies nicht nur seine innerparteilichen, ihm von den Nationalen gezogenen Grenzen, sondern auch die dünne Personaldecke der Partei. Neben Andreas Khol ist Norbert Hofer der zweite Notnagel im Kandidatensextett.

Dessen Wahl wäre ein entscheidender Punkt in seiner politischen Lebensplanung, will er doch, geht die FPÖ als stärkste Partei aus den nächsten Wahlen hervor, in der Kanzlerfrage niemandem den Vortritt überlassen. Da könnte ein blauer Bundespräsident hilfreich sein, vielleicht nach vorheriger Entlassung der Regierung. Dieser Plan ginge nur auf, wenn die ÖVP mitspielt. Doch wie die Geschichte der FPÖ zeigt, können Gipfelsturm und Absturz rasch aufeinander folgen. Und er wird Bundeskanzler, wie er Wiener Bürgermeister geworden ist. (Günter Traxler, 7.4.2016)

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