"In weiter Ferne": Mit der Fliegenklatsche durch den Bürgerkrieg

7. April 2016, 17:09
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Caryl Churchills Szenenfolge im Theater Hamakom in der Regie von Ingrid Lang

Wien – Es herrscht Krieg in Caryl Churchills Szenenfolge aus dem Jahr 2000. Deren Titel: In weiter Ferne. Menschen, die einander doch nahe sind, fallen übereinander her, ohne dass die Ursache für ihr mörderisches Verhalten klar würde. Mit dem humanen Terror ist es auch nicht getan. In der letzten von drei ausnehmend knappen Szenen nehmen bereits Tiergattungen und Wetterfronten an den Auseinandersetzungen teil. Zunächst aber tobt hier der Weltbürgerkrieg in den Einfamilienhäusern.

Im Theater Hamakom steht ein solches Wohnrelikt, ein offener Bungalow, der von anonymen Helfern um die eigene Achse gedreht wird (Bühne: Peter Laher). Szene eins gibt den misslichen Grundton vor. Ein Motorengeräusch schmiert ab. Das Mädchen Joan (Johanna Wolff) steht im rosa Nachthemd ihrer Tante Harper (Inge Maux) Rede und Antwort. Joan war ein unartiges Kind. Sie hat, anstatt zu ruhen, den Onkel beim Quälen von Flüchtlingen beobachtet. Die gestrenge Tante im Fauteuil wiegelt ab. Joan aber lernt, die Bürde der Mitwisserschaft zu tragen.

Eine Regieentdeckung

Anzuzeigen gilt die Entdeckung einer neuen, wunderbaren Regisseurin. Ingrid Lang lässt sich auf Caryl Churchills Ästhetik der Weglassung mit durchaus kühler Präzision ein. Ein-, zweimal gerät das Mädchen Joan ins Straucheln. Blicke werden wie Klingen gekreuzt. Der totale Ausnahmezustand, den das Stück verhandelt, gibt sich in knappen Gesten zu erkennen – in der Anbahnung von Vertraulichkeiten, die das Schreckensszenario vom Krieg aller gegen alle zu dementieren scheinen.

nestroy hamakom

Von der zweiten Szene bleibt vor allem ein Geräusch in Erinnerung. Joan ist Hutmacherin geworden. Sie und Todd (Matthias Mamedof) basteln surreale Hutkreationen, und mit knarrender Schere wird die Seide geschnitten. Der Kopfputz soll lauter zum Tode Verurteilte schmücken.

Zeugen des Terrors

Mit entblößter Brust defilieren 20 stumme Zeugen des Terrors vor dem Bungalow vorüber, und zwischen den Hutmachern kommt es gar zum Austausch von Zärtlichkeiten. Es ist, als ob die Stilisten, die Filmregisseure Pier Paolo Pasolini und Derek Jarman (etwa The Last of England) einander küssen würden.

Die Britin Caryl Churchill hat beider Einspruch gegen den Zerfall unserer solidarischen Kultur sehr wirksam beerbt. So herrscht ein frostiges, erstickendes Klima, das hässliche Gedanken freisetzt über den Stand der Dinge im spätesten Kapitalismus. Mit der Fliegenklatsche (Maux) soll die Invasion von Krokodilen und Rehen abgewehrt werden.

Das Theater Hamakom im Nestroyhof aber ist zur Stunde die vitalste Mittelbühne in Wien. Zu vernehmen war banger, betroffener Applaus. (Ronald Pohl, 7.4.2016)

Hamakom, weitere Aufführungen jeweils am 8., 9., 13.-16., 20.-23. April

  • "In weiter Ferne" im Theater Hamakom.
    foto: marcel köhler

    "In weiter Ferne" im Theater Hamakom.

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