Wenn das Kind nur mit dem Vater schlafen geht

Kolumne10. April 2016, 17:00
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Lassen sich Kinder nur von einem Elternteil niederlegen, stellt sich auch die Frage, wer in der Familie das Sagen hat – die Eltern oder die Kinder?

Frage:

Ich bin eine 30-jährige verheiratete Mutter von zwei Kindern im Alter von 15 Monaten und drei Jahren. Bevor unser zweites Kind zur Welt kam, habe ich mit meiner Tochter gemeinsam in ihrem Zimmer geschlafen. Als dann unser Sohn da war, blieb ich mit ihm im Ehebett und mein Mann ging in der Nacht zu unserer Tochter, wenn sie aufwachte. Sie hat aber natürlich nicht akzeptiert, dass der Papa und nicht die Mama kommt, also hat sie geweint, bis ich kam. Mein Mann meinte, ich sollte beim Baby bleiben und nicht jedes Mal gleich hinüber gehen, sonst wird es jede Nacht so ein Hin und Her.

Einige Nächte lang habe ich meine Tochter dann weinen gehört und ging nicht zu ihr, um einen Konflikt mit meinen Mann zu vermeiden. Er wollte bei ihr sein und sie beruhigen. Nun geht sie seit 15 Monaten nur mehr mit ihrem Papa schlafen und auch in der Nacht kommt sie zu ihm. Diese Woche wollte sie dann doch wieder einmal mit mir schlafen gehen, doch das wurde zu einem Desaster: Nach kurzer Zeit wollte sie ihren Papa bzw. wurde mir gegenüber richtig aggressiv, also holte ich meinen Mann.

Ich glaube, dass meine Tochter jetzt seit längerer Zeit daran gewöhnt ist, dass mein Mann sie schlafen bringt und dass sie deshalb bei mir nicht einschlafen kann. Dazu kommt noch, dass ich sie vorher auch mehr oder weniger ignoriert habe und dass sie deshalb irgendwie böse auf mich ist. Kann das sein? Mein Mann meint, dass das deshalb so ist, weil ich generell schnell nachgebe und unsere Tochter weiß: Wenn sie bei mir so ein Theater macht, muss sie nicht schlafen. Jedenfalls kränkt es mich sehr und ich möchte die Situation wieder ändern, damit sie auch wieder gerne mit mir schlafen geht. Ich bitte Sie um einen Rat.

Antwort:

Es fällt mir mit Ihrer Beschreibung schwer, Ihre Frage zu beantworten. Der Grund dafür ist, dass ich keine Anzeichen dafür sehe, dass sie und ihr Mann bis jetzt nicht im Stande waren, Ihre Tochter zu beeinflussen, wenn es um das Thema Schlafen ging. Sie hat sich ausgesucht, wen sie möchte und Sie sind ihr entgegen gekommen. Ich nehme an, dass dies auf einer Theorie oder Philosophie Ihrerseits beruht. Aber das wissen Sie selbst am besten.

Entscheidend ist, dass Sie beide einer Situation zugestimmt haben, die zur Folge hat, dass Sie seit drei Jahren keine Nacht als Paar zusammen verbracht haben. Vielleicht ist Ihnen das nicht wichtig, aber dann müssen Sie diese Entscheidung konsequent weiter verfolgen und Ihre Kinder aussuchen lassen, bei wem sie schlafen möchten. Ihre Tochter hat sich von Ihnen zurückgewiesen gefühlt, als ihr kleiner Bruder zur Welt gekommen ist. Nun versucht sie, sich an ihrem Vater festzuhalten, der nicht bzw. noch nicht ihrem Wunsch widersprochen hat.

Ich bin mir nicht sicher, worum es in den Anschuldigungen Ihres Mannes Ihnen gegenüber geht. Es kann sein, dass es Ihnen besser oder auch schlechter geht, wenn Sie ihn diesbezüglich beeinflussen. Es ist aber auch unwichtig, solange Ihre Kinder – oder Ihre Philosophie über Kinder – die nächtliche Familienkultur definieren.

Mein Vorschlag ist, diesen unwesentlichen Streit zu überspringen. Sie und Ihr Mann sollten sich zusammensetzen und eine ernste Unterhaltung über den Verlauf der Nacht, wie er sich in der Familie eingebürgert hat, führen. Sie müssen klären, ob Sie beide mit der jetzigen Situation einverstanden sind, oder ab sie etwas ändern möchten. Ich weiß, dass Sie gerne hätten, dass Ihre Tochter bei Ihnen schlafen möchte.

Aber sind Sie und Ihr Mann darauf vorbereitet, all die Szenen durchzustehen, die damit verbunden sind? Sind Sie darauf vorbereitet, Ihrer Tochter zu sagen, dass Sie in jedem Fall bei ihr schlafen möchten? Ist Ihr Mann darauf vorbereitet, dies zu unterstützen? Abgesehen davon rate ich Ihnen, dass Sie sich die Beziehungen zu Ihren Kindern genauer ansehen und entscheiden, wer in der Familie das Sagen hat – die Eltern oder die Kinder? Die Antwort auf diese Frage ist wichtig für die zukünftige Atmosphäre in Ihrer Familie. (Jesper Juul, 10.4.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Seine nächste Kolumne erscheint am 24.4.2016.

  • Zehenspitzengefühl.
    foto: istockphoto.com

    Zehenspitzengefühl.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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