Roma in Bulgarien: Das Elend heute, die Hoffnung für morgen

8. April 2016, 08:00
102 Postings

Als Erbe der kommunistischen Zeit leben in Bulgarien viele der rund 800.000 Roma isoliert in eigenen Vierteln und kleineren Gemeinden. Mit Bildung soll den Kindern eine bessere Zukunft geschaffen werden. Doch das ist von den Eltern oft gar nicht erwünscht

Taxis schlängeln sich durch die Straßenzüge voller Baracken, dann donnern Kinder mit einer Pferdekutsche vorbei. Die Sonne scheint, die Wege sind matschig, und die Bewohner beäugen misstrauisch jene, die fremd zu sein scheinen an diesem Ort. An einer Stelle sammeln sie sich und deuten bereits aus 50 Metern Entfernung, dass man hier nicht weitergehen soll, nicht weitergehen darf. Auf dem Weg zurück trottet ein schmächtiger alter Mann vorbei, ein dunkler Mantel wärmt die zierliche Gestalt. Er lächelt ein Lächeln voller Lücken und gibt ungefragt von sich: "Ich stehle nicht, ich sammle nur das Geld, das andere vergessen."

hoang
Ein Roma-Kind ist in Fakulteta mit der Pferdekutsche unterwegs.

Es sollte ein Witz sein, hier hat er allerdings einen traurigen Hintergrund. Hier, das ist Fakulteta in Bulgariens Hauptstadt Sofia, mit 40.000 Einwohnern eine der größten Roma-Siedlungen Südosteuropas. Hier, das bedeutet kaum fließend Wasser und Strom, wenige Jobs, dafür umso mehr Kriminalität, Armut, Prostitution, Drogen. Hier, das ist ein Ort, der zeigt, warum der heute begangene Internationale Tag der Roma immer noch seine Notwendigkeit hat.

"Roma sind immer an allem schuld"

Damals noch, als Teil des Warschauer Pakts, hat die kommunistische Führung eigene Roma-Viertel geschaffen. Sesshaft wollte man sie machen, isoliert hat man sie damit aber bis heute – und sie schließlich sich selbst überlassen. Das Verhältnis zwischen den Roma und dem Rest der Bevölkerung ist sowieso seit ewigen Zeiten angespannt. "Geht es nach den anderen, sind sie immer an allem schuld", sagt Tsvetomir Doumanov, Leiter der Caritas Sofia.

hoang
Ein Kind geht durch die matschigen Gassen von Fakulteta.

In Südosteuropa leben zwei Drittel der rund zehn Millionen europäischen Roma. EU und NGOs kritisieren in schöner Regelmäßigkeit Diskriminierungen in vielen Lebensbereichen. Dabei ist es nicht so, dass man tatenlos zusieht. Viele Initiativen wurden gestartet, 2005 etwa vereinbarten die Länder in der Region die sogenannte Dekade der Roma-Inklusion, um die Lage zu verbessern.

70 Prozent Arbeitslosigkeit in Banya

"Mir ist davon nichts aufgefallen", sagt Mitzko Stefanov Iliev. Der 51-Jährige, dunkles Haar, Schnauzer, wirkt lethargisch, vom Leben scheint er die Schnauze gehörig voll zu haben. Er gehört zu den etwa 800.000 Roma in Bulgarien und wohnt in Banya im Zentrum des Landes. 4000 Einwohner, 90 Prozent Roma, 70 Prozent arbeitslos. Das klingt trostlos, und das ist es auch.

hoang
Mitzko Stefanov Iliev vor dem Haus in Banya, in dem er und seine Familie über die Runden kommen.

Auf einer Anhöhe liegt Ilievs Haus. Gebäude, Innenhof, Zaun, alles wirkt ungeheuer heruntergekommen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man: Fenster und Türen sind relativ neu, Teile der Außenfassade wurden erst kürzlich rot gestrichen. Im Wohnzimmer mit einem Sammelsurium voller Möbel dröhnt eine Sitcom aus dem Röhrenfernseher, daneben köchelt ein Eintopf auf dem kleinen metallenen Herd.

Saisonarbeit in Griechenland

Iliev lebt mit seiner Frau, seiner Tochter und ihren fünf Kindern in insgesamt drei Zimmern. Er komme zurecht, sagt er, es reiche, um das Haus in Schuss zu halten und sogar Hühner und ein Pferd zu besitzen. Arbeit gibt es hier aber keine, seit zehn Jahren treibt es ihn jeden Sommer nach Griechenland. Dort in der Landwirtschaft benötige man Leute, und "wir werden ebenbürtig behandelt".

hoang
Banya von einer Anhöhe aus.

Hier fühlt er sich diskriminiert, kann aber kein Beispiel nennen. Er wünscht sich eine Verbesserung der Lage, konkrete Wünsche wollen ihm aber nicht einfallen. Nur angesprochen auf die früheren kommunistischen Zeiten entgleitet seinen Gesichtsmuskeln ein Lächeln. "Super" sei es damals gewesen, erklärt er. 15 Jahre lang habe er bis 1989 als Bauarbeiter gearbeitet, das Gehalt war gut, das Leben toll. Und jetzt halt Banya.

Dort will die Caritas dafür sorgen, dass zumindest die nächste Roma-Generation bessere Chancen hat, und unterstützt die hiesige Volksschule. Doch dafür müsse man erst die Eltern motivieren, sagt Doumanov: "Viele Roma gehen im Sommer ins Ausland, um Geld zu verdienen, und nehmen die Kinder mit. Die verpassen dann immer den Schulbeginn." Die Folge: Mit 14, 15 Jahren können viele nicht richtig lesen und schreiben. Doch langsam, so Doumanov, schaffe man ein entsprechendes Bewusstsein bei den Eltern. Das wäre auch bitter notwendig, schließlich ist das Armutsrisiko für Kinder in Bulgarien mit 45,5 Prozent deutlich höher als der EU-Schnitt mit 27,7 Prozent.

Besser Taxifahren als die Uni

In Fakulteta unterstützt die Caritas 25 Roma-Kinder dabei, die bulgarische Sprache zu lernen, allein mit Romanes lässt sich schwer ein guter Job ergattern. Von selbst kämen die Roma aber nicht auf die Idee. "Sie haben nicht die Werte, dass Bildung wichtig ist", sagt Doumanov, "hier verdient ein Taxifahrer mehr als einer mit Master-Abschluss."

hoang
Vasco will einmal nach England gehen.

Aber es gibt auch Ausnahmen. Vasco ist so eine. Der kleingewachsene 21-Jährige hat keine Lust, in den Chor des Wehklagens mit einzustimmen. "Es wird langsam besser, doch das hängt auch von den Personen ab." Er selbst hat den Schulabschluss in der Tasche, spricht englisch und französisch, bulgarisch sowieso. Auf Anhieb hat er einen Job im Supermarkt gefunden. Irgendwann will er weg, am besten nach England, etwas mit Fotografie machen.

Natürlich könne die Regierung mehr Jobs für die Roma schaffen, "doch die meisten Probleme machen wir uns selbst", sagt Vasco. "Immer gibt es Konflikte untereinander, wir können nicht zusammenleben." Rundherum sammeln sich wieder Menschen. Als Außenstehender, sagt Doumanov, sollte man in Fakulteta nie zu lange an einem Fleck stehen bleiben. (Kim Son Hoang aus Sofia und Banya, 8.4.2016)

Ein Teil der Reisekosten wurde von Sponsoren der Caritas übernommen.

Share if you care.