Studieren in Stockholm: HIV-Forschung, Ikea und Wände anbrüllen

Blog20. April 2016, 12:25
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Warum ein Studienaufenthalt in Schweden die berufliche Weichenstellung darstellte und mit welchen unorthodoxen Mitteln man des Schwedische erlernen kann

Februar 1999, Stockholm, Schweden. Die Abreise war ein komisches Gefühl, wie das Verlassen eines Schiffes im Bewusstsein, dass man so etwas (schönes) auf genau dieselbe Weise nie mehr wieder erleben würde. Netterweise holten mich eine ehemalige Mitschülerin und ein Mitschüler mit dem Auto ab. Auf diese Weise konnte ich sowohl meinen ganzen Krimskrams mitnehmen, als auch innert zwei Tagen behutsam wieder nach Mitteleuropa zurückkehren.

Die Organisation der zurückliegenden fünf Monate hatte mehr als ein Jahr zuvor begonnen. Es war 1997, Erasmus steckte mehr oder weniger in den Kinderschuhen und die wenigen angebotenen Destinationen von der Uni Wien aus hatten mich nicht so recht begeistert. Gemeinsam mit einem Kollegen aus dem Biochemiestudium beschloss ich deswegen, etwas Exotischeres zu wagen, und Schweden kannte ich immerhin schon von einem Urlaub. Auch wenn das bedeutete, dass wir fast alles selbst organisieren mussten. Ein aus Stockholm nach Wien berufener Professor half bei der Auswahl der interessanten Forschergruppen am Karolinska Institut und der Kollege schaffte es sogar, ein Auslandsstipendium zu ergattern, welches er mit mir teilte – wofür ich auch heute noch äußerst dankbar bin.

Erfolgreich die Wand angebrüllt

Wir besuchten ein (oder zwei?) Semester Schwedischkurs an der Uni Wien, bei einer Lehrerin mit, sagen wir mal, ungewöhnlichen Methoden. Eine Übung, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist, bestand darin, eine Viertelstunde die Wand anzubrüllen, ob sie mit einem ins Kino gehen möchte: "Vill du följer med på bio ikväll?" "Lauter!". Es sollte sich dann in weiterer Folge zeigen, dass die Tatsache, dass wir uns die Mühe gemacht hatten, die Landessprache zu lernen, auf sehr viel Wohlwollen stieß.

Pünktlich zum 1. Oktober kamen wir in Stockholm an, mitten im dunklen schwedischen Winter. Trotzdem war es für mich ein Gewinn gegenüber dem typischen Wiener Winter: hell war es zwar nur von 8 Uhr morgens bis 15 Uhr, aber es war während dieser Zeit meist auch sonnig. Die Wohnungsproblematik – die Situation in Stockholm war so prekär, dass man im Grunde nur über Wohnungstausch eine Bleibe im Stadtzentrum finden konnte – hatte sich durch die Hilfe eines freundlichen Engländers gelöst. Mit diesem kamen wir durch einen weiteren meiner Mitschüler in Kontakt, der für die gleiche Jugendorganisation arbeitete. Ted, der Expat, hatte uns eine Wohnung in einem südlichen Vorort von Stockholm (Ålby) organisiert, was zwar weitab vom Schuss, aber immerhin noch an der U-Bahn und sehr leistbar war. An einem der ersten Tage kam er auch noch mit Möbeln, die er von Kollegen zusammengeborgt hatte, an. Wir lebten also fünf Monate in einer Mischung aus 70er-Jahre-Style und alten Kinderzimmern, mit ein paar IKEA Möbeln obendrauf. Ted und seine Frau luden uns gleich noch zum Abendessen ein, damit wir "uns am ersten Abend nicht so alleine vorkommen" würden. Das finde ich bis heute eine der nettesten Gesten, die ich je erlebt hatte.

Weichenstellung für die Zukunft

Die Forschungsarbeit am Karolinska war für mich als Achtsemester unglaublich spannend und faszinierend und wahrscheinlich mit einer der Gründe, warum ich in der Forschung geblieben bin. Täglich gab es inspirierende Seminarvorträge, mit den Professoren war man per Du und ich durfte selbstständig im Labor der Sicherheitsstufe 3b an Blut von Aids-Patienten, das also lebende HI-Viren enthielt, arbeiten. Zwei Paar Handschuhe, Mundschutz und maximale Verhüllung waren dabei Pflicht und für mich eine ebenso nervenzehrende wie lehrreiche Erfahrung.

Nebenbei tauchten wir noch so gut als möglich in die schwedische Kultur und das eiskalte Meer zum Abkühlen nach diversen Saunagängen ein. Besonders bei den Weihnachtsfeiern waren wir recht populär, weil wir gut Walzer tanzen konnten. Nur meinen mühsam einstudierten Satz zur Einladung ins Kino konnte ich auf Schwedisch nie anbringen — wir gingen zwar häufig zum "Stockholm Film Festival", aber durchwegs in internationaler Begleitung. (Peter Kolb, 20.4.2016)

Peter Kolb lebt und forscht in Marburg. Zuvor studierte er Biochemie an der Universität Wien, promovierte an der Universität Zürich und verbrachte seinen Postdoc an der UCSF in San Francisco.

  • Auch ohne Erasmus-Aufenthalt in Schweden vermutlich verständlich.
    foto: istock/igor stevanovic

    Auch ohne Erasmus-Aufenthalt in Schweden vermutlich verständlich.

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