"Jenufa": Im Räderwerk der Emotionen

7. April 2016, 15:35
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Janáceks "Jenufa" an der Wiener Staatsoper mit Dorothea Röschmann

Wien – Die Opern von Leos Janácek haben sich ins Repertoire unzweifelhaft eingebürgert. Doch die Statistik zeigt, wie relativ diese Behauptung zu verstehen ist – wurde doch sein berühmtestes Werk, Jenufa, seit der Wiener Staatsopernpremiere vor sage und schreibe 14 Jahren gerade erst 32 Mal gezeigt. Dabei ist es kaum weniger packend und aufwühlend als die Spitzenreiter in den Aufführungslisten.

Die Zeit verfliegt: Damals, 2002, wirkte die Inszenierung von David Pountney in ihrem naiven Naturalismus noch als möglicherweise geeignetes Vehikel für die Geschichte, die sich aus dem unverrückbaren Glauben der Protagonistin an Vergebung und Erlösung speist. Inzwischen jedoch ist die ungebremste Folklore ziemlich schwerfällig geworden, ist die Glaubwürdigkeit der Seelenregungen allein von der musikalischen Ebene abhängig.

Das Mädchenhafte

Dort tut sich schier Unglaubliches. Angela Denoke, die damals bei der Premiere die Titelpartie gab, ist nun – während die Zeit verflog – bei der Küsterin angekommen und von der Ziehtochter um eine Generation aufgerückt. Als Jenufa markiert Dorothea Röschmann die mädchenhaft Reine idiomatisch und eindringlich, dabei nicht ohne Schärfen.

Als ihre beiden Ziehbrüder liefern Christian Franz (als Laca) und Marian Talaba (als Stewa) stimmige Charakterporträts. Inmitten des guten Ensembles ist es jedoch Denoke vorbehalten, die tiefschürfendste Charakterstudie zu enthalten: eine nicht bloß hexenhaft destruktive Figur, sondern auch innig liebende.

Zusammengehalten und getragen wird der Abend jedoch vom Orchestergraben aus, wo der deutsche Dirigent Ingo Metzmacher für ein präzis verzahntes Räderwerk von Janáceks markanten Motiven sorgt, die er in sich äußerst energiegeladen präsentiert und zu großen Spannungsbögen gruppiert. Dabei wird das Orchester aller Genauigkeit zum Trotz nie zur Maschine, es bleibt das Staatsopernorchester ein atmender Organismus mit musikantischem Einschlag, wenn es ans Folkloristische geht. Die Folge war denn auch großer Jubel – und dies für alle Beteiligten. (Daniel Ender, 7.4.2016)

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