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Reportage9. April 2016, 10:00

Die Aprilnächte sind noch kalt im Ourikatal am Fuße des machtvollen, schneebedeckten Atlas-Gebirges. Untertags allerdings heizt die Sonne schon auf mitteleuropäischen Hochsommer. Doch Abdelaziz Aït Addi will sein dickes Sakko trotz erster Schweißperlen auf der Stirn nicht ausziehen. Der Bürgermeister der Großgemeinde Ourika in Hemdsärmeln? Geht gar nicht. Schließlich ist er gekommen, um André Heller dafür zu danken, dass er der Region weit über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit verschafft.

Prachtvoll sei der Garten "Anima", marokkanisch, mit internationalen Einsprengseln. Ebenso wichtig wie die Naturschönheit ist dem Bürgermeister allerdings die soziale Komponente. Zwar liegt Marokkos Pro-Kopf-Einkommen innerhalb der afrikanischen Staaten im oberen Bereich. Doch rund eine Million Marokkaner müssen mit weniger als einem Euro am Tag auskommen. Die Arbeitslosigkeit vor allem am Land ist hoch. Auch die Jungen aus Ourika müssen, wenn sie denn überhaupt Arbeit finden, nach Marrakesch auspendeln.

"Der Garten 'Anima' trägt dazu bei, die Emigration nach Europa zwar nicht zu stoppen, aber einzudämmen, weil er den Menschen sinnvolle Arbeit gibt", sagt der Bürgermeister. In Hochzeiten werkten bis zu 300 Gärtner, Bauarbeiter, Handwerker, vorwiegend Berber aus den umliegenden Dörfern, für Hellers Traum vom idealen Garten. Derzeit sind es immerhin noch dreißig, dazu kommen Zulieferanten, Handwerker. Ihr Monatseinkommen liegt zwischen dreihundert und sechshundert Euro, weit über dem marokkanischen Durchschnittsgehalt.

Schönster Blick

foto: stefan liewehr
Überraschende Entdeckungen: Skulpturen bekannter und befreundeter, lokaler und internationaler Künstler hat André Heller in sein Pflanzenreich gebracht.

"Wenn man Menschen anständig entlohnt, Sozialversicherung und Gesundheitsvorsorge bezahlt, haben sie keinen Grund wegzugehen", bestätigt Gregor Weiss, Generalmanager von Hellers "Anima"-Projekt. Auch Touristen, hofft der Bürgermeister, werden künftig ihr Geld nicht nur in Marrakesch ausgeben, sondern Station in dem kleinen Dorf Douar Sbiti machen, wo sich Hellers Paradiesgarten über die Fläche von 4,2 Fußballfeldern erstreckt. Shukran! Danke! Innig umarmt Abdelaziz Aït Addi zum Abschied den Grund seines Frohsinns, den wichtigsten und prominentesten Einwohner.

Der hat vor acht Jahren rund dreißig Kilometer außerhalb von Marrakesch eine ehemalige, acht Hektar große Rosenfarm erworben – ein ausgedörrtes, durch Überdüngung totes Stück Land: "Da war nichts, keine Pflanze, nicht einmal ein Grashalm. Nur rote Erde", erinnert sich Heller. "Aber es gab den schönsten Blick der Welt auf das Atlasgebirge. Und den wird es immer geben."

Er ließ den trockenen Lehmboden austauschen und brachte innerhalb von sechs Jahren auf drei der acht Hektar eine anmutige Gartenschönheit namens "Anima" erblühen. Über konkrete Zahlen und Kosten spricht André Heller nicht, aber es ist nicht schwer zu raten: Sie sind hoch.

Gut im Abschiednehmen

"Ich würde das Letzte verkaufen, das ich habe, wenn es mir ein Lernen ermöglichen würde, das ich sonst nicht habe. Das Wichtigste ist doch, sich lernend zu verwandeln, weiße Flecken auf der Landkarte zu tilgen. Natürlich, wer eine Expedition macht, muss für die Ausrüstung Geld ausgeben. Und wenn man keine Sponsoren hat – und ich habe als Sponsor nur mein Wunschdenken, diesen Garten wahr werden zu lassen – dann muss man alles in die Waagschale werfen."

schurian
Ausschnitt aus der Dokumentation "Anima" (11.4., 23.35 Uhr, ORF2)

Also warf er für sein neues Gartenreich einen Großteil seiner wertvollen Kunstsammlung in die Waagschale, ebenso sein Haus und den dazugehörigen, ebenfalls öffentlich zugänglichen Garten in Gardone am Gardasee. "Ich bin gut im Abschiednehmen. Wäre ich Frau Lot gewesen, ich hätte mich nicht umgedreht. Wer soll denn für meine Vorstellungen von Richtig und Falsch auf die Barrikaden steigen, wenn nicht ich?"

Dieser Park in Gardone, der von dem Naturforscher Arthur Hruska zu Beginn des vorigen Jahrhunderts angelegt und von Heller weiterfantasiert und mit Kunst verfeinert wurde, mag wie eine kleinere Übungswiese für seinen großen Lebenstraum gewesen sein. Doch nun wollte er etwas aus dem Nichts erschaffen, nur nach seinen Vorstellungen, "das ebenfalls vielleicht erst in hundert Jahren seinen Höhepunkt erreicht haben wird".

foto: suzy stöckl
Zu Beginn gab es nichts, nur rote Erde, die urbar gemacht wurde.

Verschwenderische Fantasie

Aber er wollte doch auch selber "noch ein Stückl von der Pracht erleben und verzaubert sein von dem, was tatsächlich schon lebt, deshalb schaut der Park nicht aus wie ein Sechsjähriger, sondern wie ein Fünfzigjähriger".

Dreißig 25 Meter hohe Palmen ließ er auf Tiefladern quer durchs Land, über Schotterwege und enge Passstraßen des Atlasgebirges nach Douar Sbiti bringen. Er verpflanzte alte, windschiefe Olivenbäume in seinen Garten und rettete gepeinigte, im Absterben begriffene Kakteen aus den Hinterhöfen von Abbruchhäusern, übersiedelte sie behutsam in eigens angefertigten Käfigen. Aus hunderten Pflanzen, aus Palmen, Efeu, Olivenbäumen und Strelizien, aus Euphorbien, Rosmarin und Rosen, Bambus und Araukarien, aus Drachenbäumen, Bananenstauden, Orangenbäumchen und Lavendel komponierte er eine unglaubliche Symphonie aus Gerüchen, Farben, Formen.

fotos: stefan liewehr / suzy stöckl
Verheißungsvolle Begrüßung: "Anima, Wiederkehr des Paradieses, erschaffen von André Heller."

Mit verschwenderischer Fantasie streute er Skulpturen bekannter und befreundeter, lokaler und internationaler Künstler hinter und unter und zwischen die Pflanzen: Köpfe, Stelen, Totems, Wächter, Tiere, Fabelwesen aus Draht und Blech und Stahl und Holz. Er ersann den "Vater aller afrikanischen Köpfe", ein riesiges, mit Blumen bekränztes Haupt aus Mosaik. Er pflanzte Rodins Der Denker in den von Rosmarin umrandeten Rosengarten und stellte dahinter ein rostiges (Flüchtlings-?) Boot auf, eine Art Arche Noah der Gegenwart. Dem geschundensten Tier Marokkos, dem Esel, setzte er ein wasserspeiendes Denkmal aus tausenden Mosaiksteinen. Weder neben den Pflanzen noch neben der Kunst gibt es Hinweisschilder, nur wer mit dem Herzen sieht, sieht gut.

Begehbares Gartenbild

"Anima" ist wie ein farb-, aroma- und hörintensives, begehbares Bild von einem Garten. Es wuchert und blüht und duftet, es zirpt und zwitschert und quakt. Letzteres ist tatsächlich ein kleines Wunder. Die Frösche kehren ins Paradies zurück. Singvögel sind in Marokko rar geworden über tausendundeine Nacht, Frösche vom Aussterben bedroht.

Der marokkanische Biologe Hassan al-Mouden hatte unlängst in einem Interview mit der deutschen Wochenzeitung Die Zeit das rasante Verschwinden der Frösche beklagt. Würden weiterhin Oasen zubetoniert und stattdessen Golfplätze errichtet, so warnte er eindringlich, würden in fünf Jahren ganze Populationen ausgestorben sein.

foto: suzy stöckl

Zwar hat Marokko das Klimaschutzabkommen unterschrieben und will die Energiewende schaffen. Doch der Rat der Klimaforscher (IPCC) prognostiziert, dass Marokko von der globalen Erderwärmung besonders bedroht ist. Bei steigenden Temperaturen werden die Niederschläge abnehmen, dafür extremer ausfallen.

Wüsten würden sich ausbreiten, Landwirtschaftsflächen zurückgehen. Trinkwasser würde Mangelware. Dem will Heller eine sauerstoffspendende, kühle Grünoase entgegensetzen. "Gras ist besonders wasserfressend. Wir haben hier ein Mikroklima geschaffen und nach Pflanzen gesucht, die möglichst wenig Wasser brauchen", sagt Weiss. Bei Jobantritt hatte der polyglotte "Abenteurer, der mit Vasco da Gama die Welt erobert hätte" weder von Bauen noch von Garten eine Ahnung. "Wir waren beschützt durch unsere Teilnaivität, dass man sich Dinge zutrauen kann, von denen man keine Ahnung hat, was sie in der Realität wirklich bedeuten. Es war ein todesmutiges, gegenseitiges Vertrauen, das sich als richtig herausstellte", sagt der botanische Autodidakt Heller.

Anders als die Königsstadt liegt Douar Sbiti nicht auf einem unterirdischen See, "man kann also nicht einfach tiefer runter bohren und den Menschen das Wasser abgraben, so wie es die Golfplätze rund um Marrakesch tun", erläutert Weiss. "Aber wir liegen strategisch gut zwischen Atlas und Marrakesch. Mit dem Schnee vom Atlasgebirge im Winter kommen wir über den heißen Sommer."

Die Wasserzuteilung ist außerdem streng geregelt, landwirtschaftlichen Betrieben wird ein bestimmtes Kontingent zugeteilt. Für "Anima" durften drei achtzig Meter tiefe Brunnen gegraben werden. In Seitentunneln, die in sechzig Meter Tiefe angelegt wurden, wird das Sickerwasser gesammelt.

Wurzeln schlagen

"Mein Plan war nicht, einem verwöhnten Fratzen in einem Märchenambiente einen Luxuswohnsitz zu bauen, sondern Arbeitsplätze und einen Ort der Erholung und der Kühle zu schaffen", sagt Heller. "Die Menschen werden herkommen, um im Schatten zu sitzen und einen klaren Gedanken zu fassen. Bei Temperaturen von über fünfzig Grad, da ist man nicht mehr bei sich. Ich wollte auch einen Ort für mich, meine Familie, meine Freunde schaffen. Ich bin nicht als Tourist hier, sondern als jemand, der Wurzeln schlagen will." Mindestens sechs Monate im Jahr wird er, gemeinsam mit der Frau seines Herzens, Albina Bauer, hier leben – nicht zuletzt auch, um den Park sukzessive zu erweitern.

foto: stefan liewehr

"Marokko ist die große Liebesgeschichte meines Lebens, seit ich 1972 das erste Mal hierher gekommen bin. Ich habe nie die Augen verschlossen vor der Realität des Landes." Dass er sein gesamtes Vermögen in einem von islamistischem Terror umzingelten Land investiert hat, beunruhigt ihn nicht.

"Ich habe keine Angst vor Terroristen. Im Gegenteil, die habe ich in Paris, Brüssel, London, Madrid intensiver als hier. Ich weiß, dass dieser Ort und meine Absicht und die aller Menschen, die ihn gemeinsam geschaffen haben, beschützt sind. Das kann man natürlich für verrückt halten, aber es ist meine tiefe Überzeugung", sagt er. "Und ich handle nur gemäß meiner Überzeugungen und nicht der Warnungen anderer. Außerdem, was kann man dem Terror Besseres entgegensetzen als die stetige Schönheit eines Parks, die noch dazu ständig größer wird?" (Andrea Schurian, 8.4.2016)

"Anima", 11.4., 23.35 Uhr, ORF2

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Anima