"Une histoire de fou": Die Politik einsamer Männer

8. April 2016, 10:00
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Robert Guédiguians Film rund um Attentäter Aram und sein zufälliges Opfer Gilles wirft einen Blick auf die armenischen Terroranschläge in den frühen 1980ern

Wien – Im entscheidenden Moment zögert der junge Mann, der eine Wohnung gegenüber der türkischen Botschaft in Paris bezogen hat, bevor er dann doch auf den Knopf drückt. Der Attentäter zündet die Bombe und nimmt dabei ein ziviles Opfer in Kauf. Die für den Anschlag verantwortliche Geheimorganisation hat zwei Ziele: Als Rache für den Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkrieges sollen türkische Politiker in ganz Europa getötet und der historische Völkermord in die internationalen Schlagzeilen gebracht werden.

Angesichts des aktuell eskalierenden militärischen Konflikts um Bergkarabach, in dem sich die Türkei einmal mehr als Schutzmacht Aserbaidschans in Stellung bringt, gewinnt Une histoire de fou plötzlich an Brisanz. Denn Robert Guédiguians Erzählung rund um den Attentäter Aram (Syrus Shahidi) und sein zufälliges Opfer Gilles (Grégoire Leprince-Ringuet) wirft einen Blick auf die armenischen Terroranschläge in den frühen 1980er-Jahren – und damit auf die Geschichte eines Landes, das von Europa lange Jahre wenig beachtet wurde.

Historischer Prolog

Dennoch ist Une histoire de fou, trotz seines politischen Themas, nicht unbedingt ein politischer Film. Das liegt daran, dass Guédiguian sich offensichtlich nicht so recht entscheiden konnte, welcher Geschichte er den Vorzug geben wollte. Als langer historischer Prolog in Schwarzweiß fungiert der Mord an dem für den Genozid verantwortlichen Talaat Pacha in Berlin 1921. Sechzig Jahre später landet der Film in Marseille, wo Aram sich gegen seinen politisch gemäßigten Vater auflehnt und sich den armenischen Terrorbrigaden anschließt.

In der Folge wechselt Guédiguian wiederholt die Schauplätze: In Beirut, wohin Aram nach dem Anschlag geflohen ist, stehen interne Machtkämpfe und eine unmögliche Liebe an der Tagesordnung, während in Paris der im Rollstuhl sitzende traumatisierte Gilles seinen Hass auf die Welt auslebt.

Roman als Basis

Basierend auf dem 1982 erschienenen Roman La Bomba von José Antonio Gurriarán interessiert sich Une histoire de fou weniger für die politischen Hintergründe – am auffälligsten in der Episode im Libanon, wo sich die internationalen Revolutionäre in Interessensgruppen spalten -, sondern für die private Geschichte zweier einsamer Männer. Dem schlechten Gewissen, mit dem Aram nicht zurechtkommt, steht die Verbissenheit von Gilles gegenüber, der – Ironie des Schicksals und des Drehbuchs – zusehends in der Familie des Geflohenen seinen Platz findet.

Dass Robert Guédiguian damit gleich mehrere Erzählungen in einem Film inszeniert, das gereicht dem Film Une histoire de fou nicht unbedingt zum Vorteil, weil die politische und die private Geschichte sich immer weiter voneinander entfernen.

Auf die Frage, ob man unschuldige Opfer in Kauf nehmen darf, weiß dieser Film immerhin eine eindeutige Antwort. (Michael Pekler, 8.4.2016)

Jetzt im Kino

  • Im Kopf der Bomber, im Kopf der Opfer: Der Film "Une histoire de fou" von Robert Guédiguian basiert auf dem 1982 erschienenen Roman "La Bomba" von José Antonio Gurriarán.
    foto: agat films

    Im Kopf der Bomber, im Kopf der Opfer: Der Film "Une histoire de fou" von Robert Guédiguian basiert auf dem 1982 erschienenen Roman "La Bomba" von José Antonio Gurriarán.

  • festival du film français d'helvétie

    Filmausschnitt (französisch mit engl. Untertiteln).

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