Schiele und seine Epigonen auf dem Prüfstand

6. April 2016, 17:39
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Echt oder unecht ist eine bei Werken von Egon Schiele oftmals gestellte Frage. Kommende Woche, am 12. 4., gewährt Expertin Jane Kallir im Wien-Museum Einblick in den heiklen Prozess der Authentifizierung

Wien – Spektakuläre Fälschungsskandale der letzten Jahre verleiten zur Annahme, es handle sich um ein Phänomen jüngeren Datums. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall und waren Nachahmungen und Fälschungen seit jeher ein "natürliches" Zubehör des weltweit florierenden Kunstmarktes. Die Attrappen-Spreu vom Original-Weizen zu trennen gehört dort zum Alltag.

Bei Fragen zur Authentizität spielt bereits publizierte Fachliteratur eine wesentliche Rolle. Allerdings können etwa in Werkverzeichnissen nur jene Kunstwerke erfasst werden, die zum Zeitpunkt der Bearbeitung auch dokumentiert und somit bekannt waren. Tauchen später unbekannte Arbeiten auf, gilt es den jeweils auf diesen Künstler spezialisierten Experten zu befragen, der die Echtheit nach einer Begutachtung bestätigt – oder eben nicht.

Im renommierten Kunsthandel ist dieses Vorgehen die Norm, bei Online-Plattformen oder Tandlern dagegen die Ausnahme. Eine Schwachstelle, die Betrüger nützen, um über diese Peripherie teils fragwürdige Werke in den Handel zu schleusen. Dazu kommt: Nur die wenigsten Fälschungen werden aus dem Verkehr gezogen und kursieren, wiewohl längst enttarnt, weiter auf dem Markt.

Glücksritter mit Ausdauer

Eine Endlosschleife, die oft von Expertisen-Shopping begleitet wird. Besonders die Fraktion der Glücksritter ist gerne bereit, in solche vermeintliche Trouvaillen zu investieren. Sie lassen sich von einem Negativgutachten nicht abschrecken und klappern die Fachwelt so lange ab, bis jemand eine Zuschreibung wagt oder zumindest nicht ausschließen würde. Ausdauer, die fallweise mit einer saftigen Rendite belohnt wird.

All diese Facetten kennt die Fachwelt im Falle Egon Schieles zur Genüge. Wiewohl die Dunkelziffer unbekannt ist, dürfte er wohl der am öftesten kopierte und gefälschte Künstler Österreichs sein. Die international einzig anerkannte Expertin für sein OEuvre ist Jane Kallir, Autorin des 1990 veröffentlichten Catalogue Raisonné und Enkelin Otto Kallirs, der seine Neue Galerie (Wien) 1923 mit der ersten posthumen Schiele-Retrospektive eröffnete.

Sie verfügt nicht nur über ein stattliches Archiv, sondern auch über einem enormen Erfahrungsschatz. Jährlich trudeln bei ihr Anfragen zu 50 bis 60 Werken ein, wovon sich – ihrer Meinung nach – fünf, höchstens zehn Prozent als authentisch entpuppen. Der Rest, erzählt Kallir, wandert in jene Schublade, die problematischen Arbeiten vorbehalten ist und in der sich im Laufe der Jahre viele, sehr viele Fotos angesammelt haben. Gibt es Motive oder einen Entstehungszeitraum, der besonders oft betroffen ist? Ja, Personen und Aktdarstellungen sowie den Zeitraum von 1910 bis 1918.

Nachträglich koloriert

Das am häufigsten gefälschte Sujet sei ein Selbstporträt, wobei "gefälscht" ein nur bedingt treffender Begriff ist. Oftmals handelte es sich ursprünglich auch um Nachahmungen oder Kopien bekannter Werke. Dazu kommt jene Gruppe, die nachträglich und zur besseren Verkäuflichkeit koloriert und damit verfälscht wurde. Werke anderer Künstler, die, um eine Signatur ergänzt, in einen "Schiele" verwandelt werden wollen, sind am leichtesten als Fälschungen zu identifizieren.

Die ersten dürften laut Kallir übrigens schon im letzten Lebensjahr des Künstlers entstanden sein. Und nicht einmal große Sammler waren davor gefeit: weder Heinrich Rieger noch Förderer Arthur Roessler. Dass ihr Urteil Werte schafft wie vernichtet, dieser Verantwortung ist sich Kallir bewusst. Kommende Woche (12. 4.) gewährt die Kunsthistorikerin aus New York in einem Vortrag im Wien-Museum Einblick in ihre Arbeitsweise, die den Prozess der Authentifizierung nachvollziehbar machen soll: anhand von Beispielen der besten und schlechtesten Fälschungen, die – erraten – auch vom Publikum erkannt werden sollen. (Olga Kronsteiner, 6.4.2016)

"Echt oder unecht? Egon Schiele auf dem Prüfstand", Wien Museum, 12. 4., 17.00

www.wienmuseum.at

  • Das 1920 in einer Grafikmappe reproduzierte Selbstporträt gilt als die am öftesten "kopierte" Schiele-Zeichnung überhaupt.
    foto: montage / galerie st. etienne

    Das 1920 in einer Grafikmappe reproduzierte Selbstporträt gilt als die am öftesten "kopierte" Schiele-Zeichnung überhaupt.

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