"Den Hanappi-Mythos wird es noch rund 20 Jahre geben"

Interview7. April 2016, 11:06
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Er ist Symbolfigur und Mythos, doch für Hardy und Michael ist Gerhard Hanappi einfach nur Vater. Im ballesterer-Interview sprechen die beiden Söhne über den Kompromissverein Rapid, die Stimmung in englischen Stadien und legendäre Schachspiele

"Wir haben die ganze Jugend immer und überall gebaut. Er hat uns dann gesagt, wie viel Eimer Wasser wir zu wie viel Schotter mischen müssen und so weiter." Architekten sind die Söhne von Gerhard Hanappi, Hardy und Michael, dennoch nicht – genauso wenig wie Fußballer. Beide haben zwar im Rapid-Nachwuchs gespielt, aus unterschiedlichen Gründen ist aus der Profikarriere aber nichts geworden. "Mir ist 1968 dazwischengekommen, da waren dann Blues und das schöne Leben wichtiger", sagt Hardy. "Ich habe wegen Meniskusproblemen aufgehört, heute habe ich links ein künstliches Kniegelenk", sagt Michael. Zum Interview trifft der ballesterer Hardy und Michael Hanappi auf der TU Wien, wo Vater Gerhard einst sein Studium abschloss.

ballesterer: Ihr Vater ist vor 36 Jahren gestorben. Wie ist er in der öffentlichen Erinnerung noch präsent?

Michael Hanappi: Hauptsächlich durch das Stadion. Das war doch jedem geläufig. Dadurch haben sich auch Jugendliche dafür interessiert, wer er war – Fußballer und Architekt. Ich glaube, den Hanappi-Mythos wird es noch rund 20 Jahre geben, dann nicht mehr.

Hardy Hanappi: Er war eine Symbolfigur für den Nachkriegsaufschwung Österreichs. Er hat gezeigt, dass man erfolgreich sein kann – sowohl als Sportler als auch als Mensch. Das ist dann verloren gegangen, als er aufgehört hat zu spielen.

ballesterer: Waren Sie enttäuscht, dass es nie zur Diskussion gestanden ist, den Stadionneubau wieder nach Ihrem Vater zu benennen?

Michael H.: Ja, aber da rennt man gegen Mauern. Das ist eine finanzielle Sache.

Hardy H.: Die Stadt Wien hat ja einen großen Teil mitfinanziert und dafür eine gewisse Mitsprache bekommen, insbesondere die Vizebürgermeisterin Renate Brauner. Die Renate ist eine Studienkollegin von mir und eingefleischter Rapid-Fan. Wir haben uns darüber unterhalten, dass zur Finanzierung des Stadions Sozialpartnerschaft nötig war – typisch österreichisch. Man musste dem SPÖ-nahen Klub noch einen ÖVP-nahen Pfeiler dazustellen, das war Präsident Michael Krammer. So kann man ein neues Stadion bauen. Und der Kompromiss mit dem Namen war: Der Stadionvorplatz heißt Gerhard-Hanappi-Platz, das Stadion heißt Allianz Stadion. Das ist jetzt ein Kompromissverein. Und in dem Kompromissverein hat unser Vater selten Platz gehabt. Er hat ja seinerzeit mit den Funktionären Probleme gehabt, ist kurz vorm Ausschluss gestanden.

ballesterer: Worum ist es damals gegangen?

Hardy H.: Er wollte Sachen aufdecken, die der Funktionärsclique nicht genehm waren. Es sind Spieler gekauft worden, die nicht einsatzfähig waren, und zwar um deutlich überhöhte Summen. Über irgendwelche Kanäle ist dann wahrscheinlich wieder etwas zurückgeflossen.

Michael H.: Der Papa hat immer gesagt: Das sind Leute, die vom Fußball keine Ahnung haben. Er hat sie als Kofferträger bezeichnet.

Hardy H.: Damals hat dieser merkwürdige Trainerkult begonnen. Auf einmal ist der Trainer zur Figur geworden und der Sportler zum Vollidioten, so wie das heute gerne medial aufbereitet wird.

ballesterer: Und als Reaktion haben Sie als Spieler zur Austria gehen müssen?

Michael H.: Ja. Irgendwann hat mein Vater gesagt, er will von Rapid nichts mehr wissen. Bei der Arbeit am Weststadion hat es auch kleine Reibereien gegeben, weil der Vorstand eine VIP-Lounge wollte, die größer war als so mancher Teil der Tribüne. Er wollte dann nicht mehr zur Pfarrwiese rausfahren, weil er dort immer die Funktionäre getroffen hätte. Dann hat er den Ferdl Smetana und den Pepi Argauer von der Austria angerufen und ausgemacht, dass ich am nächsten Tag dort trainiere. Eigentlich habe ich mich auch wohlgefühlt, ein bisschen schwierig war es aber schon, plötzlich von Grün-Weiß auf Violett zu wechseln. Die Leute haben geredet: "Der Hanappi bei der Austria, das gibt’s ja nicht."

ballesterer: Offenbar war der Bruch aber nicht so gravierend, dass er das Stadion ad acta gelegt hätte.

Hardy H.: Der Bruch war auf vielen Ebenen, aber nicht auf der geschäftlichen. Mein ältester Sohn, der Tibor, hat dann auch bei der Austria angefangen, nachdem er im Park entdeckt worden ist. Ich hätte ihn damals nicht zu Rapid getan, innerfamiliär war das präsent: Das geht nicht mit diesen Leuten.

ballesterer: Welche Bedeutung hat denn die Familie für Ihren Vater gehabt?

Hardy H.: Dadurch, dass er selber aus einer zerstörten Familie gekommen ist, hätte er gerne so etwas wie eine Dynastie gehabt. Wir waren auch immer zu viert: Vater, Mutter, zwei Kinder. Das war eine Einheit, das war ihm extrem wichtig.

ballesterer: Sie tragen auch seinen Vornamen …

Hardy H.: Das ist ein klassisches Arbeiterphänomen. Der älteste Sohn kriegt denselben Vornamen, wurscht, ob er ihm gefällt oder nicht. Deswegen heiße ich jetzt auch Hardy und nicht Gerhard. Er hat versucht, alles zusammenzuhalten und ein guter Familienvater zu sein.

Michael H.: Und das war er auch. Wir haben immer am Sonntagnachmittag eine Partie Schach gespielt.

Hardy H.: Spasski gegen Fischer.

Michael H.: Das habe ich am schönsten in Erinnerung, auch weil er mich das Spiel gelehrt hat. Das war etwas ganz etwas Wichtiges für ihn so wie das Wienerlied, überhaupt das Musikalische und das Gesellige.

Hardy H.: Im Haus in Spanien hat er für jedes Kind ein Schlafzimmer eingerichtet, gleich mit Doppelbett, weil die auch einmal Kinder kriegen werden. Da hat er die Idee gehabt, wir sind ein Clan. Das wird etwas, das er in seiner Kindheit nicht gehabt hat, und das wird schön. Wir haben das dann natürlich zerbröselt und nicht so gemacht, wie er wollte.

ballesterer: In der Öffentlichkeit hat er sehr zurückhaltend gewirkt. War er das?

Hardy H.: Auf Videos von den Länderspielen sieht man, dass bei der Bundeshymne jeder Spieler irgendwie dasteht, nur er, kerzengerade, Augen geradeaus, die Hände an der Hosennaht. Er hat jedes Jahr den Fairness-Pokal gewonnen. Er war ein sehr korrekter und braver Mensch, der nie recht laut war. Und er hat sich diebisch gefreut, wenn ihm etwas gelungen ist.

Michael H.: Er hat einmal auf einer Reise einen russischen Großmeister beim Schach geschlagen. Der hatte ihn schon komplett abgeräumt und hat nicht mehr so aufgepasst. Das hat er mit einer Freude erzählt.

Hardy H.: Brav, aber auch schlau.

ballesterer: Sie haben seinen sozialen Aufstieg erwähnt. Hat er sich selbst als Symbolfigur für den sozialdemokratischen Traum gesehen?

Hardy H.: Ich glaube schon. Er war ja dann auch unter den Sportlern für Kreisky. Er war SPÖ-Mitglied, beim Bund Sozialdemokratischer Akademiker, alles in braver Arbeitertradition. Er hat auch erzählt, wie er sich versteckt hat bei den Februaraufständen 1934. Er war sicher der Erste in der Familie, der zur Matura gebracht worden ist. Er hat dann aber immer mit beiden Parteien können, also klassische Sozialpartnerschaft.

ballesterer: War es ihm wichtig, dass auch seine Söhne die Matura machen?

Michael H.: Der Vater war da eigentlich sehr offen, fast auf die Art: Solange es euch glücklich macht, macht was ihr wollt. Aber er war immer ein Amerika-Fan, und eines Tages haben mich die Eltern nach der Volksschule in die amerikanische Schule gesteckt, von heute auf morgen. Ich habe nicht gewusst, wie mir geschieht – ohne ein Wort englisch zu sprechen, außer vielleicht "Help" oder was man sonst von den Beatles gekannt hat.

Hardy H.: Er war kein Bildungsbürger, der uns pusht, dass man etwas lernt. Er hat mir auch meinen ersten Gitarrenverstärker geschenkt, einen Vox 30.

ballesterer: Hat er Anschlussprobleme mit den anderen Fußballern gehabt? Dass er als Akademiker sich womöglich auf einem anderen Niveau unterhält?

Hardy H.: Nein. Er hat auch "der" Butter und "das" Teller gesagt. Heutzutage lasse ich das auch manchmal fallen, weil ich eine Nähe zur Wiener Originalsprache erhalten möchte. Es hat eine Rolle gespielt, dass er an einer technischen Universität studiert hat. Auf die Techniker schauen die Mediziner und Juristen ja ein bisschen runter. Die dürfen umgangssprachlich daherreden.

ballesterer: Kommen wir zum Stadion zurück. Wie ist er eigentlich an diesen Auftrag gekommen?

Michael H.: Zu diesem Zeitpunkt hat er schon relativ viele öffentliche Aufträge gemacht. Von meiner Warte her ist dann klar: Warum sollte jemand, der sonst Krankenhäuser baut, ein Stadion bauen und nicht jemand, der weiß, wie so eine Anlage funktioniert?

Hardy H.: Bei den Architekten war es damals ähnlich wie bei den Trainern, es war nicht so ein Kult. Wenn man fragt, wer die großen Stadien dieser Zeit gebaut hat, wird man auf Namen kommen, die kein Mensch kennt. Heute ist das etwas anderes, wenn man sich das Beispiel der neuen WU anschaut: Da gibt es eigene Pressure-Groups, die versuchen Namen durchzukriegen.

ballesterer: War das Weststadion sein Traumprojekt?

Michael H.: Ja. Für ihn war eine fixe Sache, dass ein Fußballstadion keine Laufbahn haben darf. Wir haben uns in England zwei, drei Spiele angeschaut, und da habe ich gemerkt, was er meint. Da sitzen die Leute direkt bei der Cornerfahne. Bei der Stimmung hat sein Herz gelacht, da hat er gesagt: "So muss das werden."

ballesterer: War er mit dem Ergebnis zufrieden?

Hardy H.: Am Ende bist du stolz, so ein großes Stadion gebaut zu haben, und vergisst die vielen kleinen Dinge, die du gerne anders gehabt hättest. Als Architekt bist du Frustration gewöhnt, er hat über 100 Tankstellen für die BP gebaut. Da sind furchtbare Verbrechen darunter, aber du musstest ja Geld verdienen.

ballesterer: Wie ist es Ihnen gegangen, wenn Sie im Stadion waren?

Hardy H.: Das Hanappi-Stadion war schon gut und schön, aber es war halt eines von vielen. Man hat gewusst, der Papa hat es gebaut, ich habe noch an den Sesseln mitgezeichnet. Mit Tuschefeder, das war viel Arbeit, damals war ja noch nichts automatisiert.

ballesterer: Sie haben mitgebaut?

Hardy H.: Ich habe mitgezeichnet, gebaut haben die Arbeiter. Insgesamt waren wir vier bis fünf. Ein Riesenauftrag für so ein kleines Büro. Ich habe ja drei Jahre lang Architektur und Bauingenieurwesen auf der TU studiert, da habe ich mitgekriegt, wie leidenschaftslos man als Architekt den fertigen Dingen gegenübersteht. Das letzte Match im Stadion hat mich aber schon gerührt.

ballesterer: Sie haben gesagt, dass das Stadion die Erinnerung an Ihren Vater hochgehalten hat. Hat es sie vielleicht auch entleert? Also vom Spieler weg zu einem Ort gelenkt?

Hardy H.: Er ist ein Mythos. Und ein Mythos hat keine materielle Existenz, deswegen wird ihm eine zugeschrieben. Und was kann man einem Mythos, den man als Fangemeinde teilt, besser zuteilen als den Ort, an dem man sich trifft. Es wäre schön, wenn die Fans das weiterleben würden. Auch wenn hundertmal Allianz Stadion in der Zeitung steht, bin ich überzeugt, dass es für sie das Hanappi bleiben wird.

ballesterer: Die Fans sprechen sich ja dafür aus, es Weststadion zu nennen.

Michael H.: Aha, das ist mir neu. Das kann ich mir nicht vorstellen, weil Weststadion hat es am Anfang geheißen, aber das ist irgendwie nichts Greifbares.

Hardy H.: Ich finde die Idee gar nicht so unsympathisch, dann nennen wir das Happel-Stadion einfach Oststadion.

Michael H.: Bei Rapid haben ja manche damit gerechnet, dass es Sankt Hanappi heißen wird.

ballesterer: Wäre ihm das mit dem "Sankt" überhaupt recht gewesen? Er soll sich ja zum Agnostiker entwickelt haben.

Hardy H.: Sicher nicht, er war schon sehr säkular. Von der Konfession war er altkatholisch, aber er hat da keine großen Berührungspunkte gehabt. Wie er älter geworden ist, hat er angefangen Schopenhauer zu lesen. Das hat ihm gefallen, diese kritische, zynische, der Welt abgewandte Art, aber schon mit Witz. Weil einen Schmäh hat er gehabt. Das hat nicht mit irgendetwas klerikal Ernstem und Moralischem zusammengepasst.

ballesterer: 1965 hat er als erster Fußballer das Goldene Verdienstkreuz der Republik Österreich bekommen. Blöd gefragt: Wofür?

Michael H.: Warum denn nicht?

Hardy H.: Das ist das Ritual des Bundes. Nationalität muss man stiften, sonst geht sie stiften. Und nach den Skifahrern hat man die Fußballer herangezogen. Gerhard Hanappi als Identitätsstifter der Nation. So einfach ist das. (Jakob Rosenberg & Clemens Gröbner)

Zu den Personen

Gerhard "Hardy" (64) und Michael (58) sind die Söhne von Gerhard Hanappi. Hardy ist Professor am Institut für Wirtschaftsmathematik der TU Wien, Michael arbeitet in der Immobilienbranche.

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