Ganztagsschule à la Griss

Blog6. April 2016, 15:08
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Die unabhängige Präsidentschaftskandidatin Irmgard Griss will sich in die Schulpolitik einmischen. Das wäre gut – wenn es nur auch im Detail durchdacht wäre

Irmgard Griss will flächendeckend die Ganztagsschule einführen. Zumindest schrieb sie das in ihr 21-Punkte-Programm, das sie kürzlich im Rahmen ihrer Präsidentschaftskandidatur vorgestellt hat. Abgesehen davon, dass ein solch detailliertes politisches Programm für eine Wahl dieser Art durchaus ungewöhnlich ist (warum aber eigentlich nicht?), will Griss damit ihre Unabhängigkeit und, vor allem, ihre moderne Einstellung zu den Dingen des Lebens demonstrieren. Das zeigt auch die Art der Präsentation mittels 3-D-Drucker.

Allerdings: Mit Modernität, gar Progressivität, hat die Forderung nach einer Ganztagsschule erst einmal wenig zu tun. Seit Jahrzehnten lassen Wohlhabende ihre Kinder Schulen besuchen, in denen sie ganztägig betreut werden – oft Privatschulen, zumeist gegen gutes Geld, nicht selten in einem elitären Umfeld.

Es waren stets die "Normalos" und die weniger Begüterten, die sehen konnten, wo ihre Kinder blieben – wenn nicht bei der Mutter, von Beruf Hausfrau. Dass dies kein Konzept für eine erfolgreich berufstätige Frau wie Irmgard Griss ist, verwundert nicht – so gesehen machte sie mit der Ganztagsschule vor allem einen pragmatischen Vorschlag.

Paradigmenwechsel notwendig

Allerdings bleibt es eine Überschrift. Die Bedingungen, die Umstände, unter denen diese begrüßenswerte Initiative stattfinden soll, bleiben im Dunkeln. Soll es mehr Geld für die Schulen geben? Mehr Personal? Welches Personal, wie viel Geld? Und woher soll dieses kommen? Soll die Ganztagsbetreuung nur in der Volksschule gelten oder für die gesamte Pflichtschulzeit? Wie stark würde sich Griss hier in die Regierungspolitik einmischen?

Viele Schulen müssten umgebaut werden, und es wäre wohl nicht weniger als ein Paradigmenwechsel: Alle am Schulwesen Beteiligten müssten nicht nur akzeptieren, sondern aktiv daran arbeiten, dass Schule nicht nur eine Bildungseinrichtung ist – sondern ein zentraler Ort für Kinder und Jugendliche, an dem sie leben, heranwachsen, Freunde finden, sich bilden und formen. Dafür braucht es freilich nicht nur Lehrer, die fachlich kompetent und engagiert sind und auch am Nachmittag zur Verfügung stehen, wenn es darum geht, das Gelernte zu vertiefen.

Geld für die Schüler

Es braucht zudem Vertrauensmenschen für Krisensituationen, es braucht Sozialarbeiter und Psychologen – wie es sie übrigens in den Gesamtschulen in Finnland, Schweden und Norwegen auch gibt. In die nordischen Bildungsstätten wird großzügig investiert – wenn auch in absoluten Zahlen weniger als in Österreich. Der Verdacht liegt nahe, dass das Geld dort eher bei den Schülern ankommt, hierzulande eher in der Verwaltung.

Nähme man ein flächendeckendes Ganztagsschulkonzept ernst, wäre man schnell auch beim Modell der Gesamt- oder gemeinsamen Schule. Das gemeinsame Lernen in einer Ganztagsschule, die entsprechend gut ausgestattet ist, erlaubte auch jene innere Differenzierung, die all jene beruhigen müsste, die sich mit Händen und Füßen gegen "verordnete Gleichmacherei" bei Kindern wehren.

System mit Schwächen

Notwendig wäre eine tiefgreifende und radikale Reform mehr denn je, denn jeder kann sehen, dass das Mantra der Bildungsministerin ("Bestätigung", "sind auf dem richtigen Weg") nichts nützt und fast schon komisch wirkt. Nichts ist in Ordnung, wenn jeder vierte Schüler nicht sinnerfassend lesen kann, wenn ein Drittel aller 15-jährigen Jugendlichen eine deutliche Leseschwäche aufweist. Allein die Logik sagt einem, dass da der bisherige Weg offenbar der Holzweg war und man in eine andere Richtung marschieren muss. Das gelänge übrigens in einer verpflichtenden Ganztagsschule besser – die Schülerinnen und Schüler ließen sich dort für regelmäßiges Lesen viel besser "einfangen".

Aber so weit kommt es gar nicht. Weder in Griss' Programm noch in der Regierungspolitik. Zu viele mächtige Lobbys arbeiten dagegen. Mitunter scheint es, als wollten gerade die finanziell Bessergestellten gar nicht, dass Kinder aus ärmlichen Verhältnissen, Migranten und sozial Benachteiligte dieselben guten Chancen im Leben haben wie ihr eigener Nachwuchs. Früher nannte man das Standesdünkel. (Petra Stuiber, 6.4.2016)

  • Ganztagsschule: gute Idee, aber die Probleme stecken im Detail.
    foto: heribert corn

    Ganztagsschule: gute Idee, aber die Probleme stecken im Detail.

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