Nashorn beobachten in Namibia: Rhino, gib acht!

Ansichtssache8. April 2016, 05:30
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Im riesigen Palmwag-Schutzgebiet in Namibia können sich Nashörner völlig frei bewegen. Nachgestellt wird den bedrohten Tieren nicht, die Chancen auf eine Sichtung stehen gut. (Ulf Lippitz, Rondo, 8.4.2016)

foto: wilderness safaris

Es ist 8.37 Uhr, der Jeep bremst abrupt ab. Johann, der namibische Guide, hat zwei graue Rundrücken ausgemacht. Sie lugen hinter einem blassgrünen Strauch hervor, die vier Mitreisenden begreifen, dass diese bebenden Hügel zu zwei Nashörnern gehören, und bei genauerem Hinsehen wird klar: Es handelt sich um ein Weibchen und sein Kalb.

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Johann hält den Finger vor den Mund. Nicht reden, wenn ein Nashorn in der Nähe ist! Keine hektischen Bewegungen! Keine Parfums oder Deos! Die Dickhäuter haben zwar ein schlechtes Sehvermögen, aber einen fantastischen Geruchssinn. Johann bewegt sich wie in Zeitlupe, steigt aus dem Jeep, schleicht sich hinter das Auto und stellt sein Funkgerät an. Er kommuniziert mit den Rhino-Trackern, die in einem anderen Teil der namibischen Steinwüste Nashörner aufspüren. Schließlich flüstert er: "Wir müssen gehen." Die Kuh ist den Wildhütern bekannt, sie hat vor einigen Monaten ein Jungtier verloren, als sie panisch vor Menschen weggerannt ist und der Stress ihre Muttermilch nährstoffarm gemacht hat. Deshalb lieber in Ruhe lassen.

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Mit einem Ruck stehen die zwei Nashörner auf. Die Mutter hat nur einen Stumpf, wo ihr Horn sein sollte. Sie wendet das Maul in die Richtung des Jeeps, der 80 Meter entfernt auf der Schotterpiste steht, schürzt die fleischigen Lippen und nimmt Witterung auf. Das Kalb steht dicht gedrängt neben ihr. Plötzlich rennen beide weg. Es klingt, als würde eine Marschkompanie wegdonnern. Johann wirbelt mit seinen Schuhen den Boden auf. Ein Test. Der Staub fliegt von ihm weg. "Der Wind hat gedreht", sagt er. Deshalb haben die Nashörner die Menschen gerochen.

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Auch wenn die beiden Tiere weggerannt sind, ist die Stimmung wie elektrisiert. Um auf dem kargen Hochplateau im Nordwesten Namibias, am Fuße der Etendeka-Berge, Spitzmaulnashörner anzutreffen, brauchen Reisende viel Glück und Geduld. Zufällig ist Johann mit dem Wagen auf die Tiere gestoßen. Das ist etwa so, als hätten alle einen Sechser im Lotto gemacht. Wahnsinn!

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Und was für ein friedlicher Zeitvertreib, Nashörner mit Fernglas und Kamera zu verfolgen. Als Ernest Hemingway vor 80 Jahren Afrikas Savannen besuchte, reiste er noch mit Gewehr und Jagdführer an. In seinem Reisebericht Die grünen Hügel Afrikas schrieb er 1935 über das Glück, nach Tagen des Aufstöberns endlich ein "Rhino" erlegt zu haben: "Da lag es, lang-rumpfig, schwer-flankig, prähistorisch aussehend, die Haut wie vulkanisierter Hartgummi und eine Spur durchsichtig aussehend, von einer schlecht geheilten Hornwunde, an der die Vögel herumgepickt hatten, entstellt ... Dies war schon ein verteufeltes Biest."

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Heute engagieren sich die Noblen dieser Welt begeistert für die "Biester" und deren Arterhaltung. Im Sommer arbeitete Prinz Harry mit der britischen Stiftung Save the Rhino in Namibia zusammen, er fuhr mit Wildhütern durch die Naturschutzgebiete, half mit, Nashörner zu markieren und zu katalogisieren. Dabei kam er auch in der Palmwag-Region vorbei, in der Johann für das Desert Rhino Camp arbeitet.

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Es gibt in vielen Nationalparks und privaten Wildreservaten Afrikas die Möglichkeit, Breitmaul- und Spitzmaulnashörnern zu begegnen. Doch die Population nahe dem Camp ist einzigartig. Erstens sind die Tiere an das Wüstenleben angepasst. Zweitens leben sie komplett frei, kein Zaun hält sie in einem wie großzügig auch immer bemessenen Park. Damit gehören sie zur größten frei umherziehenden Population des Kontinents. Die Nashörner wandern zwischen der Skeleton Coast am Atlantik und dem Etosha-Nationalpark im Landesinneren auf 1.000 Kilometern hin und her. Allein 4.500 Quadratkilometer – das ist größer als das Burgenland – umfasst die Palmwag Concession, ein Schutzgebiet, zu dem das Desert Rhino Camp gehört.

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Dass die gefährdeten Säugetiere hier so ungestört ziehen können, liegt am unwirtlichen Gelände. Namibia ist mit 2,56 Einwohnern pro Quadratkilometer eines der am dünnsten besiedelten Länder Afrikas, in der trockenen Region Kunene mit dem Etendeka-Bergen leben noch weniger Menschen. Es gibt also genug Freiraum für die Nashörner.

Vor 20 Jahren hat zudem eine Naturschützerin alle Farmen der Palmwag Concession aufgekauft, die Zäune niederreißen lassen, sich mit der Nashornstiftung verbündet und einen riesigen Schutzraum geschaffen. Eine einzige Zufahrtsstraße führt hinein oder hinaus. Dort steht ein Tor, vor dem Besucher ihre Autos abstellen, um von Jeeps ins zwei Stunden entfernte Camp gebracht zu werden.

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Der Zugang zur Unterkunft ist nur einem ausgesuchten Kreis erlaubt. Entweder ist man Gast in der Lodge mit seinen acht Hütten oder Wissenschafter des Save the Rhino Trust Namibia. Ein Anteil des Zimmerpreises wandert in die Töpfe der Stiftung. Der sehr selektierte Tourismus unterstützt die Forschung und den Kampf gegen die Wilderei.

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Diese bedroht die Tiere nach wie vor. Allein 2015 ist die Zahl der abgeschossenen Nashörner – sowohl Breitmaul- als auch Spitzmaulnashörner – im benachbarten Südafrika auf 1.200 gestiegen, auch aus Namibia meldet der World Wide Fund eine alarmierende Zunahme. Die Wildhüter der Palmwag Concession halten die Zahl der Nashörner geheim, um den Wilderern das tödliche Handwerk zu erschweren. Im südlichen Afrika leben knapp 5.000 Tiere der Spitzmäuligen, schätzt der WWF. Man kann nur vermuten, dass es sich in der namibischen Region Kunene um eine dreistellige Zahl handelt.

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Wer als Reisender ein Spitzmaulnashorn in freier Wildbahn erleben will, braucht erst einmal einen starken Kaffee. Um 6.30 Uhr macht sich jeden Morgen eine kleine Gruppe aus dem Desert Rhino Camp auf den Weg. Tagsüber zeigt das Thermometer bis zu 30 Grad an, kurz nach Sonnenaufgang sind es lausige zehn. Zum Glück hat Johann Wolldecken mitgenommen, in die sich die schlafwarmen Gäste einwickeln können.

Auf der Buckelpiste geht es langsam vorwärts, aus der Ebene erheben sich massige Berge, die wie abgeschnittene Kegel aussehen und ein wenig an den Grand Canyon erinnern. Das Millionen Jahre alte Lavagestein glänzt in der Frühsonne und im richtigen Winkel wie Schnee, später am Tag wird es einfach nur graubraun schimmern. Die Landschaft sieht dermaßen lebensfeindlich aus, dass man sich gar nicht vorstellen kann, in solch einem Terrain Tiere sehen zu können.

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Doch Johann hat Luchsaugen. Da, schwarze Punkte am Horizont – Strauße! Dort, sandfarbene Striche, die sich wie Schiffsbuge heben und senken und beinahe mit der Landschaft verschwimmen – Giraffen! Plötzlich ein schwarz-weißer Fleck links am Wegesrand – eine Oryxantilope!

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Innerhalb von zwei Stunden, in denen sich der Wagen behutsam dem nordwestlichen Teil des offenen Schutzgebietes nähert, sehen die Gäste Große Kudus mit Hörnern wie Schraubengewinde, kleine Springböcke, wachsame Hyänen, noch mehr Oryxantilopen und sogar eine kleine Gruppe Wüstenelefanten.

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Johann zeigt auf einen blassgrünen Strauch, der wie ein Riesenigel aussieht. Milchbusch nennen die Einheimischen das Gewächs. Was harmlos klingt, ist hochgiftig. Johann bricht einen der Zweige auf, ein weißer, klebriger Saft tropft heraus, der für Menschen tödlich ist. Er erzählt von einer Begebenheit, als eine Gruppe Reisender mit trockenen Zweigen ein Barbecue in der Wildnis angezündet hat. Über den Rauch kam das Gift in das Fleisch, alle Beteiligten starben angeblich. Später bittet Johann die Reisenden, sich bei der Notdurft besser hinter einem Milchbusch zu verstecken, als unter einem Akazienbaum zu hocken. "Every tree is a leopard tree", gilt in Namibia.

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Und dann liegen plötzlich die beiden Nashörner vor einem, die Kuh mit ihrem Kalb. Erst als sie wegrennen, sehen alle das abgesägte Horn. Eine reine Vorsichtsmaßnahme. Damit wollen die Wildhüter die bedrohten Tiere vor dem Abschuss bewahren. Ohne Horn sind sie wertlos für die Wilderer.

Eine Stunde später. Der Wagen parkt nun in einer Senke, ein Wildhüter in tarngrüner Kleidung taucht wie aus dem Nirgendwo auf. Es ist Jason, einer der Rhino-Tracker. Er redet leise mit Johann, beide flüstern den Urlaubern kurze Kommandos und Informationen zu: "Zwei Nashörner. Höchstens einen Kilometer entfernt. Ruhig bewegen. In einer Linie. Ma'm, den weißen Hut absetzen." Die in der Wüste unnatürliche Farbe würden die Tiere trotz Sehschwäche sofort bemerken.

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Adrenalin schärft die Sinne. Die Augen sind wacher, wenn sie den Horizont absuchen. Und die Füße treten sachter auf als noch vor einer Minute. Was war das für ein Geräusch? Hinter einem Hügel warten zwei weitere Tracker. Walter und Denzel, ein alter und ein junger Mann, sind mit Jason seit fünf Uhr morgens unterwegs. Fünf Stunden später haben sie eine andere Mutter und ihr Jungtier aufgespürt.

Jason und Walter sind vom Volk der Himba, die im Nordwesten des Landes leben. Wenn die beiden Männer miteinander reden, klicken einige Laute wie Lichtschalter. Als Kinder haben sie von ihren Eltern und Großeltern gelernt, wie man sich von Nashörnern fernhält oder sich an sie heranpirscht. Was als Überlebens- und Jagdstrategie gelehrt wurde, nutzen die jungen Männer heute, um die Tiere zu beobachten und zu beschützen.

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Nach 800 Metern durch das hügelige Gelände erreicht die Gruppe ihr Ziel – eine Anhöhe, von der aus man auf eine nahe Senke schauen kann. Unten muss es eine Quelle geben, eine üppige Grasnarbe zieht sich durch das trockene Land. Zwei silbergraue Rücken tauchen aus dem Grün auf. Jetzt ruhig bleiben, hinhocken und einfach nur abwarten. Es ist ein Moment der Kontemplation. Vor den Menschen liegen zwei Urgeschöpfe der Evolution, gehetzte Kolosse auf der ständigen Flucht vor gierigen Zweibeinern, zwei Überlebende im Kampf um eine ausgemergelte Landschaft.

Zuerst stellt die Mutter die Ohren auf. Da war doch was? Sie wuchtet ihren tonnenschweren Körper hoch, schaut in die Richtung der Wildhüter, riecht aber nichts, da der Wind diesmal von ihr wegweht. Keiner wagt es, sich zu bewegen. Wie beim Showdown in einem Western.

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foto: wilderness safaris

Das Klicken einer Spiegelreflexkamera. Sofort sind die beiden Nashörner alarmiert. Sie rennen durch das Gebüsch davon, die buschigen Schwänze in die Höhe gereckt, ein eindeutiges Signal für enorme Erregung, bloß schnell weg vom ominösen Klick-Klack. Am höchsten Punkt auf dem gegenüberliegenden Hügel bleiben die Tiere stehen. Schauen wieder hinüber, wahren einen Sicherheitsabstand.

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Fast 20 Minuten beäugen sich beide Gruppen geräuschlos: die eine fasziniert, die andere irritiert. Dann gibt Jason ein Zeichen, Rückzug. Die Nashörner sollen nicht das Gefühl bekommen, verfolgt zu werden. Vier Exemplare eines der seltensten Säugetiere der Welt, was für ein Morgen! Prinz Harry wäre begeistert, Ernest Hemingway eher enttäuscht. Außer ein paar Fotos hat hier niemand etwas geschossen.

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karte: der standard

Service

Anreise: Flug von Wien z. B. mit Condor via Frankfurt nach Windhoek; Palmwag liegt knapp 600 Autokilometer nordwestlich.

Einreise: Urlauber können einfach mit dem Reisepass nach Namibia einreisen. Sie erhalten an der Grenze eine Aufenthaltsgenehmigung für bis zu 90 Tage.

Unterkunft: Das Desert Rhino Camp ist eine Gemeinschaftsunterkunft vom Safe The Rhino Trust und Wilderness Safari. Besucher müssen mindestens zwei Nächte bleiben, Ab 290 Euro pro Kopf, zu buchen unter www.wilderness-safaris.com.

Diese Reise erfolgte teilweise auf Einladung von Wilderness Safaris.

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