Herr Dr. Khol, Sie tun uns keinen guten Dienst!

Kommentar der anderen5. April 2016, 17:59
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Ein offener Brief an den Präsidentschaftskandidaten der ÖVP

Sehr geehrter Herr Dr. Khol, mit Entsetzen habe ich in der Livediskussion der Präsidentschaftskandidatin und -kandidaten (im TV-Sender Puls 4 am 3. April 2016) Ihre Wortmeldung zur Regierungsbildung des Jahres 2000 vernommen. Damals hatte sich mein Vater als amtierender Bundespräsident darum bemüht, eine auf möglichst breiter Mehrheit gestützte Koalition zustande zu bringen. Sie haben sein Anliegen gestern in unverzeihlicher Weise mit den Worten kommentiert: "Da waren wir ja knapp vor einer präfaschistischen Präsidentendiktatur".

Diese Wortwahl ist nicht nur unobjektiv, unangemessen und falsch; sie ist auch eines Bewerbers um das höchste Amt im Staat unwürdig und steht im krassen Widerspruch zu Ihrer wiederholt betonten christlichen Grundhaltung. Mein Vater kann sich seit seinem Tod vor zwölf Jahren nicht mehr gegen Ihre regelmäßigen Verbalinjurien wehren. Als freier Bürger und Privatperson ist es mir daher ein tiefes Bedürfnis, dies an seiner Stelle zu tun.

Als unmittelbarer Zeuge weiß ich, wie selbstkritisch mein Vater sein Gewissen vor jeder Entscheidung erforscht und mit welcher Ernsthaftigkeit er seine Verantwortungen wahrgenommen hat. Nicht nur war er ein glühender Patriot, sondern einer der überzeugtesten Verfechter der Demokratie. Sein Charisma und sein Charakter hätten ihm niemals eine annähernd ähnliche Wortwahl erlaubt. Aus meiner Sicht ist diese Ihre Haltung vor allem auch bei jüngeren, durchaus christlich-sozial orientierten Menschen mitverantwortlich für eine zunehmende Verdrossenheit gegenüber Politik und Kirche. Sie tun uns damit keinen guten Dienst!

Thomas Klestil ist Vorstand für Unfallchirurgie am Landeskrankenhaus Baden/Mödling.

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