"The Huntsman & the Ice Queen": Der Hass, der aus dem Herzen kommt

6. April 2016, 08:00
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Zwei böse Königinnen kämpfen nicht nur gegen ehrliche Jäger, sondern auch gegen die Erinnerung. Und machen in diesem erstaunlichen Fantasyblockbuster deshalb aus ihren Herzen eine Giftgrube

Wien – Die größte Enttäuschung kann sich als Täuschung herausstellen. Oder als Wahrheit. In dem Augenblick, in dem man sich verraten oder der Macht des Schicksals ausgeliefert fühlt, spielt das aber keine Rolle. Man ist in der Situation gefangen, man glaubt, was man sieht – und was man nicht sehen kann, existiert nicht.

Einer Mutter bricht es in einem solchen Moment das Herz, auch wenn sie wie Freya (Emily Blunt) die Gabe besitzt, über die Kälte und das Eis zu herrschen. Ihre Schwester Ravenna (Charlize Theron), die tyrannische Königin, beherrscht hingegen die dunklen Kräfte. Zwei Frauen regieren zu Beginn dieses Films über ein Reich, in dem zunächst von Schneewittchen, Zwergen und Jägern noch keine Rede ist, sondern nur von einem geheimnisvollen Spiegel, von der Sehnsucht nach dem richtigen Mann und Vater – und vom größten Verlust, den man erleiden kann.

The Huntsman & the Ice Queen (im Original The Huntsman: Winter's War) erzählt demnach in erster Linie die Geschichte einer Verwundung und davon, wie diese in der zur Eiskönigin gewordenen Freya, die sich bald unter den Nordlichtern ihr eigenes Reich errichtet hat, nicht heilen kann. Dass dieser Film von Andersens Schneekönigin höchstens das Motiv der entführten Kinder bezieht, die Freya hier in ihrem Palast um sich schart und zu einem Heer aus Jägerinnen und Jägern ausbildet, genügt vollkommen: Denn das von ihr ausgegebene Verbot der Liebe, das ihr bester Axtkämpfer (Chris Hemsworth) und ihre beste Bogenschützin (Jessica Chastain) missachten, hat nicht nur für die Liebenden fürchterliche Konsequenzen, sondern es führt unweigerlich zur Frage, welches Opfer man für die Liebe zu geben bereit ist. Eine Frage, die The Huntsman & the Ice Queen für einen Fantasyblockbuster überraschend differenziert beantwortet.

Geprüfte Liebe

Vor mittlerweile vier Jahren führte in Snow White and the Huntsman das verstoßene Schneewittchen mit waidmännischer Unterstützung den Kampf gegen die böse Ravenna an. The Huntsman & the Ice Queen ist, entge- gen der üblichen Blockbusterlogik, jedoch weder reines Prequel noch Fortsetzung: Die Geschichte rund um die geprüften Liebenden, das königliche Schwesternpaar und die Rückeroberung des verschwundenen Zauberspiegels umspannt vielmehr seinen Vorgänger als Rahmenhandlung, tauscht dabei als Schauwert die grünen Moore und braunen Hochebenen gegen bizarre Eislandschaften und fantastische Wälder, während die Abenteuerlust mit diversen Verfolgungsjagden und Kämpfen unter Menschen und gegen gehörnte Fabelwesen gestillt wird.

Das würde in Summe bereits zur spektakulären Unterhaltung genügen, doch The Huntsman & the Ice Queen verliert darüber hinaus sein Leitmotiv nie aus den Augen. Die traumatische Erinnerung, der absolute Vertrauensverlust, der unmögliche Versuch einer Wiedergutmachung – alles ist hier von ungeheurer Dimension und Wirkung, doch zugleich glaubhaft eingebettet in ein märchenhaftes Szenario. Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse wird zu einem zwischen jenen, die ihr Trauma hinaustragen in die Welt, und einer Königin, die sich mit dem ihrigen einschließt.

Eisige Übermutter

Inszeniert vom französischstämmigen Regisseur Cedric Nicolas-Trojan, bislang in diversen Großprojekten für visuelle Effekte zuständig, überzeugt The Huntsman & the Ice Queen auch mit deren zielbewusstem Einsatz. Flugs türmen sich gläserne Eismauern in gigantische Höhen, die Böse in Gold spuckt ihre schwarzgiftigen Pfeile, und die Schneeflocken tanzen in 3-D durch den Raum. Doch hier wird nicht mit Computerleistung geprotzt, sondern wohldosiert eine Erzählung wie aus uralten Zeiten unterstützt.

Aus Kindern werden unter einer mit eisblauen Augen alles überwachenden Übermutter gehorsame Krieger. Aus einem steinernen Herzen wird eine Giftgrube. Und aus einem Trugbild die Wahrheit. Doch diese ist eine Tochter der Zeit, und am Ende wirft der Blick durch eine Wand aus Eis kein anderes Bild zurück als jener in einen Spiegel der Erkenntnis. (Michael Pekler, 6.4.2016)

Ab Freitag

  • Perfide Schwestern: Emily Blunt und Charlize Theron herrschen als Königinnen über das Eis und die dunklen Mächte.
    foto: universal pictures

    Perfide Schwestern: Emily Blunt und Charlize Theron herrschen als Königinnen über das Eis und die dunklen Mächte.

  • universal pictures

    Trailer (englisch).

  • universal pictures germany

    Trailer (deutsch).

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