Christoph Thomann: "Ekel ist eine Kopfsache"

Interview9. April 2016, 12:03
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Der Wiener Christoph Thomann verkauft online Speiseinsekten. Mit Kochkursen und Vorträgen will er Skeptiker von Geschmack und positivem Nutzen überzeugen

STANDARD: Wie kommt man auf die Idee, essbare Insekten zu verkaufen?

Christoph Thomann: Ein Studienkollege hat mich darauf gebracht. Der erste Gedanke war natürlich Ekel. Das Thema hat mich aber so fasziniert, dass ich drangeblieben bin. Es war am Anfang nicht einfach, an brauchbare Insekten zu kommen. Das hat auch dazu geführt, dass wir nicht sofort an den Start gehen konnten. In Europa gibt es im Moment noch wenige Betriebe, die Speiseinsekten züchten.

STANDARD: Wie stellen Sie die Qualität der Insekten sicher?

Thomann: Wir kennen unsere Betriebe in Holland und Österreich und sind regelmäßig mit Tierärzten in Kontakt. Natürlich müssen wir die gleichen Vorgaben erfüllen, die für andere Lebensmittel auch gelten. Bei der Zucht von Insekten sind die Standards aber ein bisschen anders.

STANDARD: Heißt das, es ist einfacher?

Thomann: Ja, was die Zucht der Insekten betrifft. Man muss auf weniger Dinge achten als bei der landwirtschaftlichen Tierhaltung. Weil es keine klassische Schlachtung gibt, muss es beispielsweise keinen eigenen Schlachtraum geben.

STANDARD: Es ist aber auch ein neues Feld, in dem es wenige Vergleichswerte gibt.

Thomann: Ja, das stimmt. Wir müssen in Zukunft selbst Standards entwickeln und mit den wenigen Benchmarks, die es in Europa gibt, festlegen, wie man Speiseinsekten sinnvoll züchtet.

STANDARD: Ist es so schwer, Insekten zu züchten?

Thomann: Man braucht schon ein bisschen Erfahrung. Unser Züchter in Vorarlberg beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Insekten als Futtermittel. Für ihn war die Umstellung nicht schwer. Er züchtet jetzt eben qualitativ hochwertigere Insekten und hält sich an die notwendigen Standards. Beispielsweise hat er bei den Zuchtboxen von Holz auf Plastik umgestellt, um diese besser reinigen und desinfizieren zu können. Wir müssen natürlich gewährleisten, dass die Tiere nicht belastet sind. Das sind auch hohe Kosten, die wir für die Untersuchungen aufbringen müssen.

STANDARD: Wann werden Sie mit dem Verkauf von Insekten Geld verdienen?

Thomann: Das kann ich so nicht beantworten. Je früher, desto besser. Dass es ein Risiko ist, wusste ich auch schon vorher. Bis es in Europa einen großen Markt für Speiseinsekten gibt, wird es noch einige Zeit dauern. Wir wollen jetzt erst einmal die Early Adopters erreichen und Überzeugungsarbeit leisten. Wir verkaufen ja nicht nur, sondern machen auch Kochkurse, Vorträge und Events.

STANDARD: Welche Rolle spielt die Gastronomie?

Thomann: Sushi war vor zwanzig Jahren kein Thema. Leute haben sich vor rohem Fisch geekelt. Heute gibt es unzählige Sushi-Läden. Bei den Insekten erleben wir hoffentlich einen ähnlichen Prozess. Die Gastronomie spielt dabei auch eine Rolle. Es gibt bereits Nachfragen von Restaurants. Wir sind gerade dabei, individuelle Konzepte für Gastronomen zu erstellen. Man muss hier aber sehr vorsichtig sein, um Gäste nicht zu verschrecken. Es muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden.

STANDARD: Haben Sie sich gar nicht geekelt vor Ihrer ersten Heuschrecke?

Thomann: Natürlich habe ich das. Das ist auch legitim. Bei mir hat es zwei Jahre gedauert, bis es ganz normal für mich war, Insekten zu essen. Ekel ist eine Kopfsache. Wir haben uns das über Jahre angelernt. (Alex Stranig, RONDO, 8.4.2016)

  • Christoph Thomann hat Gesundheitsmanagement an der FH Krems studiert.
    foto: betti plach

    Christoph Thomann hat Gesundheitsmanagement an der FH Krems studiert.

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