Die Vermessung der Atmosphäre

10. April 2016, 10:00
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Barbara Scherllin-Pirscher erforscht Zusammenhänge von Windfeldern und Klima

Als promovierter Physikerin mangelt es Barbara Scherllin-Pirscher nicht an Bodenhaftung. Dennoch zeichnen sich ihre Leidenschaften durch eine gewisse Erdferne aus. Da gibt es zum einen die Freude am Jonglieren – sie vermag bis zu fünf Bälle in der Luft zu halten. Und zum anderen ist da die freie Atmosphäre mit ihren Geheimnissen. Insbesondere die globalen Windfelder in der Troposphäre und der darüberliegenden unteren Stratosphäre, rund acht bis 35 Kilometer über dem Erdboden.

"Diese Windfelder", erklärt die 40-jährige Grazerin, "haben einen wesentlichen Einfluss auf unser Klima, denn Veränderungen der Zirkulationsströme stehen mit weltweiten Klimatrends in Verbindung."

Mit ihren Kollegen vom Wegener Zentrum für Klima und Globalen Wandel der Universität Graz ist es der Forscherin erstmals gelungen, die durch das Klimaphänomen El Niño verursachte Dynamik der Atmosphäre in ihrer dreidimensionalen Ausdehnung zu beobachten und zu messen.

Möglich wurde dieser bemerkenswerte Fortschritt im Klima-Monitoring durch den Einsatz von Radio-Okkultationsdaten. "Die auf Signalen von GPS-Satelliten basierende Radio-Okkultation liefert unter anderem Daten zur Verteilung von Druckflächen, die wiederum die Zirkulation beeinflussen", sagt Scherllin-Pirscher. Ihr Hertha-Firnberg-Stipendium, das der Wissenschaftsfonds FWF an hervorragende Wissenschafterinnen vergibt, hat sie in den letzten drei Jahre dazu genutzt, um eine Methode zum Erfassen der Atmosphärendynamik zu entwickeln. "Wir konnten zeigen, dass sich aus der Druckflächenverteilung die Windfelder erstaunlich genau errechnen lassen", freut sich Scherllin-Pirscher über die Entschlüsselung eines der Geheimnisse des Himmels.

Als "eher analytisch denkender Mensch", wie sie sich selbst beschreibt, interessiert sie sich schon seit ihrer Schulzeit für das Aufdecken von Zusammenhängen. In ganz jungen Jahren war es vor allem die Mathematik, die es der Forscherin angetan hatte. "Jetzt fasziniert mich mehr die Natur." Dass sie Klimaforschung betreibt, war dennoch nicht von langer Hand geplant.

Am Anfang stand ein Lehramtsstudium in Mathematik und Physik, zu dem sich später noch die Astronomie gesellte. Unterrichten hätte sie sich durchaus vorstellen können, letztlich hat sich aber doch der Forschergeist durchgesetzt. So hat sie dann nicht nur das Astronomiestudium abgeschlossen, sondern zum Drüberstreuen auch noch das Physikdoktorat mit Schwerpunkt Geophysik mitgenommen und etliche Forschungssemester in den USA, Dänemark und Deutschland verbracht.

"Möglichst viele Studien abzuschließen war aber nie mein Ziel", sagt Scherllin-Pirscher. "Mich haben diese Fächer einfach interessiert." Und was sie macht, sind eben Nägel mit Köpfen – ob als Forscherin, Jongleurin, ehrenamtliche Notfallsanitäterin beim Roten Kreuz oder bei der familiären Karriereplanung. So hat sie etwa kürzlich eine angebotene Forschungsstelle in den USA abgelehnt, weil eben auch die berufliche Perspektive des Partners immer mitbedacht werden muss. Bleibt zu hoffen, dass sich nach Auslaufen der Firnberg-Stelle auch in Österreich adäquate Angebote für die ambitionierte Forscherin bieten. (Doris Griesser, 10.4.2016)

  • Den Kopf nicht nur in den Wolken: Scherllin-Pirscher schloss drei Studien ab.
    foto: kathleen barney

    Den Kopf nicht nur in den Wolken: Scherllin-Pirscher schloss drei Studien ab.

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