Der schmale Grat zwischen Scheitern und Shootingstar

9. April 2016, 11:00
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Ein Rundgang durch die Themenpalette des zehnten Forschungsforums der Fachhochschulen

Wien – "Machen wir Open Innovation, fragen wir unsere Kunden!" Das ist ein Plan, der leichtfertig ausgeführt, aber auch leicht schiefgehen kann. So geschehen im Fall eines jungen Unternehmens aus Deutschland, das sich auf Lautsprecher für Profi-Musiker spezialisiert hat. Die Aktion, bei der eine interessierte Öffentlichkeit nach ihrer Meinung gefragt werden sollte, brachte das sonst erfolgreiche Start-up in eine schwierige Situation, erzählt Oliver Som vom MCI Management Center Innsbruck. Sein Vortrag mit dem Titel "The Opening of Pandora's Box – Failure in Using Social Media in an Open Innovation project of a German Manufacturing Firm" zeigt in einer Fallstudie eines anonymen Unternehmens, wie ein Projekt trotz bester Absichten in ein Debakel führen kann.

Den Rahmen für eine derartige Erörterung bot ein Panel zum Thema "Failure", also Misserfolg, beim zehnten Forschungsforum der österreichischen Fachhochschulen, das vergangene Woche an der FH des BFI Wien stattfand. Das Scheitern ist ein Thema, das man gerade im deutschsprachigen Raum gerne unter den Teppich kehrt, wie der Panel-Leiter Bernd Ebersberger, ebenfalls vom MCI Management Center Innsbruck, ausführte. Den Misserfolg als Lernstrecke mit einzukalkulieren wäre dabei durchaus gewinnbringend, wie man der Start-up-Kultur des Silicon Valley abschauen kann. Denn: Aus Fehlern lernt man mehr als aus Erfolgen. Die Frage ist allerdings, wie man das richtige Verhältnis zwischen lernintensivem Scheitern und gewinnbringenden Erfolgen ermittelt.

Die Vortragssession in Hinblick auf die Misserfolge war eines von 28 Panels zu ausgewählten Themen des FH-Forschungsforums. Die Panel-Themen wurden von insgesamt 171 Vortragenden aus der Forschungslandschaft rund um die heimischen Fachhochschulen aus den unterschiedlichsten Richtungen beleuchtet. Koveranstalterin war die österreichische Fachhochschulkonferenz (FHK).

Bilder der Flucht

Die Erörterung der Frage, ob man technologiegestützt Sozialkompetenz erwerben kann, war da nur ein paar Klassenzimmertüren entfernt von Lageberichten börsennotierter Unternehmen; Stadtwachstumsszenarien und Megacitys lagen nicht weit von kundenorientierter Verkaufsraumgestaltung. Die Bandbreite der Themen und die unterschiedlichen Zugangsweisen sollen die Brückenposition der Fachhochschulen zwischen verschiedenen Disziplinen, akademischen Forschungsstätten, Industrie und Öffentlichkeit demonstrieren.

Ein Panel, geleitet von Martin Lu Kolbinger und Heiko Berner von der FH Salzburg, beschäftigte sich etwa mit Migration, Flucht und Integration. Der Fotograf Georg Oberweger verknüpfte in diesem Zusammenhang seine Profession mit dem Feld sozialer Arbeit. In unserer medial kolportierten Bilderwelt illustrieren dunkelhäutige Männer, verzweifelte Frauen oder Menschenmassen – je nach der Botschaft, für die sie eingesetzt werden – Nachrichten und Diskussionen. Es bedarf einer visuellen Alphabetisierung, um die verwendeten Bildercodes zu entschlüsseln. Auf der anderen Seite könne die Beschäftigung mit der Fotografie auch therapeutisch wirksam sein: "Sozialarbeit ist wie Kulturarbeit eine Übersetzungsarbeit", sagt Oberweger. In Fotogeschichten oder selbstgemachten Comics könne man sich zwischen Schrecken und Hoffnung verorten.

Berechnung der Laufleistung

Nächste Tür: "Sportforschung in Österreich", ein Panel geleitet von Torsten Wojiechowski und Claudia Stura von der FH Kufstein. Die Wettkampfzeitenrechner, mit denen man sich im Internet die eigene Marathonzeit ausrechnen kann, seien an Profiläufern und Weltrekorden ausgerichtet, nicht an der Masse der Hobbyläufer, erfährt man von Stephan Selinger von der FH Oberösterreich.

Anhand einer Datenbank mit Hobbyläuferergebnissen wurden die mathematischen Modelle hinter der Ermüdung des Körpers beim Laufen überprüft. Das Ergebnis: Die Internetrechner seien in jedem Fall mit Vorsicht zu genießen. Die Ermüdungsresistenz ist, gemessen an Formeln, die zu unterschiedlichen Zeiten entwickelt wurden, in vergangenen Jahrzehnten übrigens gestiegen, die Laufleistung nahm, besonders bei Frauen, zu.

Aber zurück zu MCI-Forscher Oliver Som und dem Misserfolg bei der Onlinekommunikation über Lautsprecher. Das Unternehmen, das mit Profi-Equipment groß geworden war, wollte das Angebot auf den privaten Anwenderbereich ausdehnen. Ohne genaues Wissen um die Zielgruppe sollte ein Marketingmitarbeiter über eine Onlineplattform mit der Community Kontakt aufnehmen.

Und, Überraschung, der Informationsgrad der Hobbymusiker war jenem der Profis sehr ähnlich. 25.000 Rückmeldungen über technische Details und Konfigurationen der Lautsprecher prasselten auf den Mitarbeiter nieder. Postings wurden gelöscht, was einen Shitstorm auslöste. Die Folge: Imageschaden, massive Umsatzeinbrüche.

Lernen aus dem Misserfolg

Die gute Nachricht: Die Rückmeldungen wurden mit viel Manpower aufgearbeitet und sind transparent in ein Produkt eingeflossen, das Unternehmen erholte sich und hat gelernt, dass auch Open Innovation zu zwei Dritteln intern stattfindet, und ein solches Projekt über Bewertungskriterien, Zielsetzungen und entsprechende personelle und inhaltliche Strukturen verfügen muss.

20 Prozent sind laut MCI-Forscher Bernd Ebersberger gemäß einer Studie ein guter Anteil an gescheiterten Projekten in einem Unternehmen. Hier ergebe sich die höchste Innovationsperformance. Weniger, und man lernt zu wenig, mehr, und man verliert zu viel.(pum, 9.4.2016)

  • Alles geregelt zu kriegen ist nicht immer leicht: Ein Studioequipment-Hersteller fand heraus,  dass Open Innovation auch schiefgehen kann – und leitete daraus positive Lernerfahrungen ab.
    foto: corn

    Alles geregelt zu kriegen ist nicht immer leicht: Ein Studioequipment-Hersteller fand heraus, dass Open Innovation auch schiefgehen kann – und leitete daraus positive Lernerfahrungen ab.

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