Gebetsbücher öffnen Fenster zum Alltag im mittelalterlichen Byzanz

10. April 2016, 16:45
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Weinernte bis Schulalltag: Wiener Byzantinisten erfassen bisher unbeachtete Quellen in einer Datenbank

Wien – Bisher wurden sie von Paläografen und Historikern gleichermaßen kaum beachtet, dabei liefern sie detailreiche Einblicke in einen Alltag, den andere Dokumente meist aussparen: Gebetbücher aus byzantinischer Zeit enthalten nicht nur liturgische Regeln, sondern auch unzählige Gebete für Situationen des täglichen Lebens. Da geht es etwa um den ersten Bartwuchs, Lernprobleme oder ums Käsemachen. Wiener Byzantinisten erfassen diese vielfach vernachlässigten Quellen in einer Datenbank und organisieren diese Woche einen Workshop in Wien – und öffnen damit auch ein Fenster in das christliche mittelalterliche Byzanz vor 700 bis 1000 Jahren.

"Geschrieben wurden die Gebetbücher für den Gebrauch von Priestern, gelegentlich enthalten sie auch Notizen von deren Besitzern", erklärte Claudia Rapp, Professorin für Byzantinistik an der Universität Wien und Leiterin der Abteilung Byzanzforschung am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), gegenüber der APA. Die Wittgenstein-Preisträgerin 2015 erforscht in dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt "Alltag und Religion: Byzantinische Gebetbücher als sozialgeschichtliche Quelle" diese unscheinbaren, kaum dekorierten Manuskripte, die bisher weder von der Schriftkunde, noch von der Kunstgeschichte beachtet wurden.

Das älteste handschriftlich erhaltene Gebetbuch stammt aus dem späten 8. Jahrhundert und liegt in der Vatikanbibliothek. So wie das Gros der Handschriften aus byzantinischer Zeit stammen auch die meisten Gebetbücher aus dem 12. bis 14. Jahrhundert. Selbst in späteren Jahrhunderten, also auch nach Einführung des Buchdrucks, wurden sie handschriftlich kopiert. "Für unser Projekt setzen wir einen Endpunkt mit dem Jahr 1650, dem Erscheinen einer maßgeblichen Druckausgabe eines Gebetbuchs", so Rapp.

Mindestens 2.000 Manuskripte

Der genaue Umfang des Bestands sei noch unklar, die Kataloge der Handschriftenbibliotheken oft ungenau. Die Byzantinistin rechnet mit mindestens 2.000 Manuskripten, die in dem Projekt erforscht werden sollen. Mittlerweile ist der Bestand an Handschriften in der – in Zukunft auch öffentlich zugänglichen – Datenbank auf 460 Gebetbücher angewachsen.

Die Gebetbücher, die griechische Bezeichnung lautet "Euchologion", bestehen aus zwei Teilen. Im ersten Teil stehen Mess-Liturgien sowie Riten für Hochzeit, Taufe oder Begräbnis, die bereits liturgiewissenschaftlich untersucht werden. Die Byzantinisten interessieren sich für die sogenannten "kleinen Gebete" im zweiten Teil der Gebetbücher.

Landwirtschaft bis Lernschwierigkeiten

Und die beziehen sich auf alle möglichen Anliegen des täglichen Lebens: Es gibt sie für die Landwirtschaft, etwa den Nutztierauftrieb im Frühsommer oder die Weinernte, für Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Dürre, für die Bildung, etwa den ersten Schultag oder bei Lernschwierigkeiten, für Familienereignisse wie eine Geburt, und selbst für die priesterliche Segnung einer brüderlichen Beziehung zwischen zwei Männern.

Je nach Zeitepoche und Region, in denen diese Manuskripte erstellt wurden, unterscheiden sich die Anliegen und Abfolgen der Gebete erheblich. In der Datenbank wollen sie die Wissenschafter in ihrer historischen Entwicklung und regionalen Spezifizität über einen Zeitraum von neun Jahrhunderten erfassen. (APA, red, 10.4.2016)

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