Medizin-Uni Wien protestiert gegen private Konkurrenz

5. April 2016, 12:03
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Warnung vor "Dr. med. light" und "Zweiklassenausbildung"

Wien – Die Medizin-Universität Wien spricht sich deutlich gegen die Einrichtung weiterer Medizinuniversitäten in Österreich aus. Derzeit gebe es Pläne für eine auf Ausbildung konzentrierte private "Medical School" in Tirol sowie eine Privatuniversität in Baden.

"Mit diesen beiden weiteren hätten wir zehn Anbieter von Medizinstudien in Österreich, was etwas ungewöhnlich ist und ein weiterer Sonderweg", so Rektor Markus Müller. Das könne zu einer "Zweiklassenausbildung" führen: "Einerseits ein Dr. med. an Forschungsunis mit internationalem Weitblick und der Betonung einer akademischen Haltung und andererseits ein Dr. med. light mit einer sehr lokalen Positionierung und primär auf handwerkliche Qualifikation abzielenden Ausbildungskonzept."

"Berufsschulniveau"

Müller fürchtet, dass "die Medizin entakademisiert und auf Berufsschulniveau degradiert wird". Das wäre auch ein Bruch mit dem internationalen Stil. Das Selbstverständnis der Medizin-Unis sei auch, dass ihre Absolventen "verstehen können müssen, was im 'New England Journal of Medicine' steht und es sich nicht vom Pharmareferenten erklären lassen".

"Probleme" sieht Müller bei der derzeitigen Handhabung der Akkreditierung von Privatunis durch die dafür zuständige Qualitätssicherungsagentur AQ Austria. "Wir haben uns schon gewundert bei der Zulassung bereits akkreditierter Privatuniversitäten." Dort werde nach sehr formalistischen Kriterien beurteilt, wie viele Habilitierte der beantragenden Institution zur Verfügung stünden. Auf Forschung werde dagegen nicht ausreichend geachtet.

"Wir würden uns nicht wehren, wenn Johns Hopkins hier einen Standort aufmacht", so der Rektor. Das sei immer eine Frage des Anspruchs. "Die Latte, hier eine Akkreditierung zu kriegen, ist so niedrig, dass es international nicht salonfähig ist." Seiner Ansicht nach würde es reichen, wenn die AQ Austria "ihre Latte intern anders positionieren würde": "Das würde das Gesetz auch hergeben."

"Substanzverlust"

Universitätsrats-Vorsitzender Erhard Busek meint, für die bestehenden Medizin-Unis bedeuteten die neuen Einrichtungen auch einen "Substanzverlust". Die Konkurrenz versuche natürlich, habilitiertes Personal abzuwerben, so Busek. Gleichzeitig gefährdeten neue Medizinunis die EU-Quotenregelung, die 75 Prozent der Studienplätze für Österreicher reserviert. "Viel Vergnügen bei der Verlängerung, wenn wir eine Medizinuni nach der anderen gründen. Dann bilden nicht nur die Oberösterreicher für die Deutschen aus, sondern auch noch die Tiroler." Das Land Tirol könne sein Geld ja ganz normal in die Medizin-Uni Innsbruck stecken. "In Wirklichkeit sind das lauter Übungen, die der persönlichen Profilierung dienen. Da will irgendjemand berühmt werden."

Einen wunden Punkt hat die Argumentation der Medizin-Uni Wien, gestand Busek ein: Sie ist selbst an der vor kurzem gegründeten Karl-Landsteiner-Privatuniversität in Krems beteiligt. Diese sei "ein Grenzfall". Einerseits habe auch Niederösterreich überlegt, eine eigene Medizin-Uni einzurichten: "Das wollten wir einfangen." Andererseits teste man dort quasi eine PhD-Ausbildung nach dem Bologna-System und habe das Forschungskonzept so ausgerichtet, dass dort Felder abgedeckt werden, die in Wien nicht so stark vertreten seien, so Müller.

Derzeit gibt es in Österreich öffentliche Medizin-Unis in Wien, Graz und Innsbruck sowie eine Medizin-Fakultät an der Uni Linz. Weiters sind in Krems zwei und in Salzburg eine medizinische Privatuni eingerichtet, eine weitere nimmt im Herbst ihren Betrieb in Wien auf. (APA, 5.4.2016)

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